Vom 26. Januar (Eröffnung: Freitag, 25. Januar, 19 Uhr) bis 2. Juni widmet sich das Kulturgeschichtliche Museum des Museumsquartiers Osnabrück in Kooperation mit der Universität Osnabrück dem Schriftsteller Karl May die Ausstellung „Blutsbrüder – der Mythos Karl May in Dioramen“. Die Ausstellung führt mitten hinein in die exotischen Welten, die May imaginierte – etwa anhand kleiner Dioramen, die Szenen aus den Winnetou-Romanen in Miniatur nacherzählen. Dabei geht es auch um Großes.

Einerseits steckt in Karl Mays Romanen das emanzipatorische Potenzial fantastischer Literatur. Andererseits zeigt sich: Seine Romane prägen ambivalente Bilder und Vorstellungen von „den Indianern“ – bis heute. Wenig davon stimmt oder hat jemals gestimmt: Marterpfahl? Nicht bei den Apachen. Blutsbrüderschaft? Nein. Skalpieren? Wahrlich keine Erfindung der Ureinwohner Amerikas, das gab es schon bei den alten Griechen. Die Erzähltradition seiner Zeit aufgreifend macht Karl May seinen Winnetou sukzessive zum edlen Wilden: Der Apache liest Longfellow, versucht, sich mittels der Errungenschaften der westlichen Welt von den „primitiven“ Sedimenten der indigenen Kultur abzusetzen und konvertiert zu guter Letzt zum Christentum. Gleichzeitig nutzt May das Fremde als Freiraum, in den er eine humanistische Kultur projiziert. Immer wieder beschreibt er utopische Sehnsuchtsorte, in denen ein Gleichklang unterschiedlicher Kulturen gelebt werden kann: die Oase des Bloody Fox („Unter Geiern“), das Tal der Jesiden („Durchs wilde Kurdistan“) oder das Reich der Shen („Und Friede auf Erden“).

Große Themen in Miniaturformat

Indianerfiguren in Felsenkulisse, Blutsbrüderschaft zwischen Old Shatterhand und Winnetou, Überfall auf einen Siedlertreck: Zu den Ausstellungsstücken gehören auch kleine Dioramen. Die dreidimensionalen Schaukästen erzählen Szenen aus den Winnetou-Romanen in Miniatur nach und suggerieren durch ihre Nähe zu naturkundlichen Ausstellungsformaten: So ist es wirklich gewesen. Dioramen arrangieren Geschichten und Lebensräume scheinbar wirklichkeitsgetreu. Die „kleinen Welten“ machen Komplexes überschaubar – kurbeln gleichzeitig jedoch die Fantasie der Betrachterinnen und Betrachter an. Karl Mays literarischer Kosmos bietet reichlich Stoff für solch plastische Visualisierungen und schafft reichlich Raum dafür, sich in sie hineinzufantasieren. Die Bildobjekte in 3D lassen die Betrachter zum Teil einer fremden Welt werden. Und schon stellt sich wiederum die Frage: Welcher Blick auf fremde Kulturen entsteht da eigentlich? Woher kommt er? Was bewirkt er? Wer bin ich?

Vergnügen und Zwiespalt

Wenn auch Karl Mays Winnetou-Romane in die Jahre gekommen sind – die archetypisch konstruierte Geschichte von Old Shatterhand und Winnetou begeistert Kinder, Jugendliche und Erwachsene nach wie vor. So gehen etwa die Besucherzahlen der regelmäßig in Deutschland, Österreich und der Schweiz aufgeführten „Karl-May-Spiele“ jährlich in die Millionen. Auch die Besucherinnen und Besucher der Ausstellung werden erleben, dass die Ausstellungsstücke einen lustvollen Erinnerungs-Sog an mitfiebernde Lesenächte unter der Bettdecke und selbstvergessene „Indianer-und-Cowboy“-Spiele auslösen können – inklusive aller kolonialistischen Ressentiments, Rassismen und Asymmetrien, die Karl Mays Texte ebenfalls erzählen. Diesem Zwiespalt ist schwer zu entkommen. Wie soll, wie kann man sich heute zwischen der inszenierten Literatur- und Filmwelt Karl Mays sowie seiner Figuren und der Geschichte von Nordamerikas „First Nation“ positionieren? Diese Frage nimmt die Ausstellung den Besucherinnen und Besuchern bewusst nicht ab. Ein umfangreiches Begleitprogramm zur Ausstellung lädt dazu ein, diese Frage gleichermaßen mit Verstand und Vergnügen auszuloten.