Nicht nur in den USA ist Justitias Verbotskatalog manchmal „erklärungsbedürftig“. Auch bei uns erschließen sich manche Verbote erst auf den zweiten Blick.

Deutschland hat viele Gesetze und Verbote. Bei so manchen davon dürften Laien allerdings schon fragend dreinschauen…

Viele Leser dürften im Internet schon mal über eine Sammlung sinnloser Gesetze gestolpert sein. Für Uneingeweihte: Dabei handelt es sich um Gesetze, meist aus einzelnen US-Staaten und alt, die einfach nur hanebüchen klingen. Etwa, dass es in einem Örtchen in Kalifornien männlichen Schnurrbartträgern verboten ist, Frauen zu küssen. Allerdings sollte man es sich als Deutscher nicht ganz so auf seinem hohen Ross bequem machen. Auch bei uns gibt es eine Menge Dinge, die verboten sind, die aber kein gesetzesunkundiger Otto Normalverbraucher auf seinem moralischen Radar hätte. Einige davon haben wir für Sie zusammengetragen.

1. Aussteigen verboten

Osnabrück macht es mit seinen geplanten Straßenarbeiten während der Sommerferienvor. Denn sobald das Thermometer wieder die 25°C-Marke knackt, mehren sie sich wieder: Staus in der Gluthitze. Wer kennt es nicht? A1, kurz vor Bremen: nichts geht mehr. Je nach Bewölkungsgrad und Tageszeit knallt nun die Sonne unerbittlich aufs Blechdach und man hat als Autofahrer prinzipiell nur zwei Optionen:

  • Man bleibt cool, lässt den Motor und somit die Klimaanlage laufen, verbraucht dabei ohne Ende Kraftstoff, bläst seinen Hinterleuten die Abgase ins Gesicht – und übertritt damit gleich auch Landes- und Bundes-Immissionsschutzgesetze sowie die Straßenverkehrsordnung. Tenor: „Motoren dürfen wegen Lärm und Abgasen nicht unnötig laufen“.
  • Man stellt den Motor ab, lässt die Fenster herunter und beginnt gesetzesgetreu, im „eigenen Saft“ zu schmoren.

Nun sieht man in langen Staus immer wieder, dass Autoinsassen aussteigen, vielleicht am Fahrbahnrand Schatten suchen. Und das ist, hätten Sie es gewusst?, illegal. Denn §18 der StVO sagt klipp und klar „Zu Fuß Gehende dürfen Autobahnen nicht betreten“. Keine Ausnahmen für Staus, Sonnenhitze oder Blasendrang. Allerdings, wer erwischt wird, muss selbst in dem Fall, dass der Polizist kein Einsehen hat, nur mit zehn Euro Verwarngeld rechnen.

2. Spielen verboten – für Nicht-Schleswig-Holsteiner

Wenn es um Würfel, Roulette und Co. geht, weiß Otto Normalverbraucher meist eines: Da hat der Staat seine Hand drauf. Und so kommt es, dass es im ganzen Land Niedersachsen gerade einmal eine Handvoll lizensierter Spielbanken und Casinos gibt.

Glücksspiel auf dem Smartphone
Auf Handy, PC und Co. gilt, zumindest außerhalb Schleswig-Holsteins, in Sachen Glücksspiel „rien ne vas plus“. Foto: fotolia.com © Maksym Yemelyanov

Was den meisten aber ebenfalls bekannt sein dürfte: Wenn man beide Begriffe in die Suchmaschine eingibt, kann man sich vor lauter Anbietern von Online-Glücksspielen kaum retten. Und dabei nicht nur lapidaren Spielchen, sondern solchen, in denen es um echtes Geld geht.

Tatsächlich könnte die aktuelle Situation, so wie sie in ganz Deutschland gilt, nicht surrealer sein. Denn es gibt nur eine Möglichkeit, legal auf solchen Seiten zu spielen: Vom Gebiet des Landes Schleswig-Holstein aus auf den Seiten von 23, von diesem Bundesland lizensierten Anbietern. Egal ob man aus einem anderen Bundesland bei diesen Anbietern spielt, oder als Schleswig-Holsteiner auf anderen Seiten, man steht rein rechtlich schon mit einem Bein vor dem Richter, weil man §285 StGB verletzt: „Wer sich an einem öffentlichen Glücksspiel beteiligt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten oder mit Geldstrafe bis zu einhundertachtzig Tagessätzen bestraft.“

3. Gleichschritt verboten

Ältere Niedersachsen erinnern sich vielleicht noch an ihre Wehrpflicht und die Märsche, die auf den Straßen rings um die Kaserne abgehalten wurden. Nun heißt es nachdenken: Welcher Befehl wurde gegeben, sobald die im Gleichschritt marschierende Truppe eine Brücke erreichte? Sehr wahrscheinlich „Abteilung – halt! Ohne Tritt – Marsch!“.

Bundeswehrsoldaten
Zackiger soldatischer Gleichschritt ist für deutsche Brücken zu zackig. Die Vibrationen könnten glatt die Brücke zerstören. Foto: fotolia.com © lumen-digital

Denn dieser Befehl ist die buchstabengetreue Umsetzung des Paragraphen 27/6 der StVO, der sagt „Auf Brücken darf nicht im Gleichschritt marschiert werden.“.Natürlich wollen wir auch unseren Bundeswehr-unkundigen Lesern die Auflösung nicht vorenthalten: Wenn Menschen im Gleichschritt über eine Brücke marschieren, bauen sich Schwingungen auf. Diese können sich bei kopfstarken Einheiten so sehr aufaddieren und gegenseitig verstärken, dass für die Brücke akute Einsturzgefahr gilt, die sogenannteResonanskatastrophe. Obwohl das Prinzip seit Jahrzehnten bekannt ist, machten sich erst vor wenigen Jahren Wissenschaftler der Universität Bochum daran, es im Experiment genauer zu analysieren.

4. Graben verboten

Wer ein Haus gebaut hat, hat sich wahrscheinlich auch dabei ertappt, wie der den Berg an Aushub argwöhnisch beäugte. Was, wenn das, was der Bagger dort zutage befördert hat, irgendetwas richtig Altertümliches enthält? Vielleicht eine Speerspitze aus vorchristlicher Zeit oder gar einen riesigen Schatz, wie vor einigen Jahren in der Pfalz?

Das Internet liefert solchen Gedanken natürlich Vorschub. Nicht nur durch Anregungen, sondern auch Hardware: Metallsuchgeräte, sogenannte Sonden, gibt es in allen Preiskategorien frei zum Verkauf. Und wenn der legal ist, könnte man ja nicht nur seinen Erdaushub, sondern gleich noch das restliche Grundstück abgrasen, man ist ja der Besitzer… Ja, das könnte man tun, falls man es mit dem Gesetz nicht so genau nimmt.

Denn es ist vollkommen egal, wer Grundstücksbesitzer ist. Selbst wenn man selbst in die Urkunden eingetragen ist, ist es dennoch – erst mal – illegal, dort nach Schätzen zu graben oder auch bloß zu suchen. Dabei würde man nicht nur Denkmalschutzgesetze verletzt, sondern je nach Fund sogar das Kriegswaffenkontrollgesetz. Der Hintergrund ist keine Gängelung, sondern Notwendigkeit. Laien, so sehen es Archäologen, haben nicht das nötige Hintergrundwissen, um bei einem Fund zu erkennen, um was es sich handelt. Die Vergangenheit gibt ihnen Recht, denn oft wurden schon unglaublich wertvolle Zeitzeugnisse aus Unkenntnis zerstört. Und dann muss man ja auch bedenken, welche Spuren der Zweite Weltkrieg in Deutschlands Böden hinterließ. Jährlich gibt es regelmäßig mehrere Meldungen von illegalen Sondengängern, die sich durch Munition schwerste Verletzungen zuzogen.

5. Hochsitzen verboten

Sonntagnachmittag. Festes Schuhwerk anziehen, Rucksack und Fernglas schnappen und zu Fuß die wunderschöne Natur Niedersachsens erkunden.

Angler
Rausholen, Beweisfoto schießen, Haken entfernen und zurücksetzen. In vielen Ländern eine gängige Anglerpraxis, bei uns verboten. Foto: fotolia.com © vitaliy_melnik

Eines der vielleicht am wenigsten kritisierten Hobbys überhaupt – und gesund noch dazu. Und bis hierhin auch legal. Zum Gesetzesbrecher wird man erst, wenn man den jägerlichen Hochsitz, den man am Wegesrand erspäht hat, nutzt, um dort oben seinen Pausensnack zu genießen und von dort die Landschaft zu erkunden.

Damit begeht man bei uns in Niedersachsen „nur“ einen Landfriedensbruch. Denn das Landesjagdrecht besagt unter §2/2 „Die jagdausübungsberechtigte Person kann anderen das Betreten der jagdwirtschaftlichen Einrichtungen verbieten und sie zum Verlassen der Einrichtungen auffordern.“. Der Hochsitz gehört also dem Jäger. Und selbst wenn keine Markierung daran hängt, sollte man den Sitz trotzdem nicht betreten – schon weil einem die eigene Versicherung, falls man sich dort oben verletzt, viel Ärger machen kann.

6. Zurücksetzen verboten

Als letzten Punkt servieren wir nochmals ein besonderes „Schmankerl“ unter den Verboten. Den meisten Lesern dürfte bekannt sein, dass es in ganz Deutschland verboten ist, ohne einen Angelschein mit Haken und Rute Karpfen und Co. nachzustellen. Die Sache hat natürlich einen Sinn. Dieser besteht vor allem im Tierschutz. Wer angelt, so die Gesetzgeber, soll nicht nur wissen, was er dort aus dem Wasser zieht, wie alt es ist, sondern auch, wie er es so tötet, dass das Tier kein unnötiges Leid erfährt.

Und genau an diesem „unnötigen Leid“ reibt sich auch eine Diskussion, die weit über Deutschlands Grenzen hinausgeht. Es gibt im Angelsport eine Variante, sie nennt sich „Catch and Release“, also in etwa „Fangen und wieder (ins Wasser) zurücksetzen“. Ersonnen wurde sie, um Angeln zu ermöglichen, auch ohne dass dabei Fische zwangsweise getötet werden. Aber, just diese Angelvariante ist in Deutschland streng untersagt und die Gesetze werden auch regelmäßig scharf durchgesetzt.

Der geneigte Laie fragt sich nun vielleicht, warum Töten so viel „menschlicher“ sein soll als Zurücksetzen. Die Antwort gibt §1 des Tierschutzgesetzes: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“. Und ein Haken, den sich ein Fisch ins Maul treibt, ist eben ein solches Leid.