Stadtentwicklung in Osnabrück. Foto: Fotolia, © BSF_Media

Wie viele andere Städte und Regionen muss sich auch Osnabrück neu orientieren. Lange Zeit waren Wirtschaft und Gesellschaft durch größere Industriekonzerne geprägt und müssen heute auf den strukturellen Wandel reagieren. Dabei könnte der Stadt ein Blick in die Vergangenheit helfen. Nicht zum ersten Mal müssen sinnvolle Konzepte zum Umgang mit neuen Herausforderungen gefunden werden. 

Neue Herausforderungen für die Region

Nachdem die Region lange Zeit überwiegend industriell geprägt war, stellen sich durch die tiefgreifenden Veränderungen neue Herausforderungen, vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Nicht nur die ansässigen Unternehmen in der Metallindustrie, auch die papierverarbeitenden Firmen oder die verschiedenen Automobilzulieferer müssen sich der zunehmenden Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung stellen.

Hinzu kommt die besondere Situation durch den Wegfall der militärischen Standorte in der Stadt. Die freigewordenen Flächen stellen Stadtplaner bei der Entwicklung von Infrastruktur und Wohnraum immer noch vor große Herausforderungen.

Durch den demografischen Wandel wird die Gesellschaft auch in der Region Osnabrück immer älter. Die Einstufung als „Stabile Großstadt mit geringem Familienanteil“ (Wegweiser Demographischer Wandel 2020 der Bertelsmann Stiftung) oder „Singlestadt als biographische Durchlaufstation“ (Familienatlas 2005 der Prognos AG) zeigt, in welchem Bereich es künftig etwa Bedarf an Wohnraum gibt. Um Fach- und Führungskräfte längerfristig an die Region zu binden und für Familien attraktiver zu werden, müssen nicht nur entsprechende Arbeitsplätze noch mehr ausgebaut, sondern auch weitere infrastrukturelle Kriterien wie Bildungsangebote oder verschiedene Einkaufsangebote verbessert werden.

Die Kulturzyklentheorie

Auch wenn sich viele Veränderungen heute in deutlich schnellerem Tempo abzeichnen, sind viele der neuen Herausforderungen im Prinzip nicht neu. Die sogenannte Kulturzyklentheorie besagt, dass sich die Geschichte der Kulturen mit ihren spezifischen Entwicklungen in bestimmten Abständen immer wieder wiederholen. Auch wenn die heutige Zeit mit früheren Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten nicht im Detail verglichen werden kann und die Theorie durchaus ihre Kritiker hat, zeigt sich, dass sich einige Punkte durchaus ähnlich sind.

Nicht zum ersten Mal revolutioniert sich die Wirtschaftswelt von Grund auf, nicht zum ersten Mal gibt es Fachkräftemangel, nicht zum ersten Mal ist Wohnraum ein knappes Gut und nicht zum ersten Mal gibt es größere Bevölkerungsbewegungen durch Migration.

Wiederkehrendes auch im gesellschaftlichen Bereich

Auch im gesellschaftlichen Bereich wiederholen sich oft bestimmte Vorgänge oder kulturelle Phänomene. Hier genügt ein einfacher Blick auf die Modetrends der letzten Jahrzehnte: Immer wieder werden frühere Highlights und Besonderheiten wiederbelebt und gelten in der aktuellen Saison als angesagt. Von den Schlaghosen aus den 70ern über die Neonfarben der 80er oder den Schuhen mit Plateausohlen aus den 90er Jahren – das Bedienen an bewährten Details ist weitverbreitet und typisch für die Modewelt. Wer heute in einschlägige Fachmagazine blickt, kann dort lesen, dass der neueste Retro-Trend aus den 90ern stammt: Sportklamotten im typischen Design dieser Zeit dürfen in dieser Saison nicht fehlen.

Der europäische Leuchtturm der Region

Friede 1648, Rathaus Osnabrück
Die europäischen Werte sind stark mit der Geschichte der Stadt verknüpft. Foto: Fotolia, © Joerg Sabel

Während die 90er Jahre musikalisch von Eurodance-Titeln geprägt wurden und modisch den Grundstein für heute noch vertraute Looks legten, standen zu dieser Zeit auf dem politischen Parkett Europas wichtige Umbrüche an. Inmitten dieser Entwicklungen, in denen sich ein Europa ohne Grenzen abzuzeichnen begann, wurde die Stadt Osnabrück bereits für ihre Leistungen in dieser Richtung mit der Ehrenplakette des Europarates geehrt.

Die europäische Ausrichtung der Stadt, die auf einer langen geschichtlichen Tradition baut, zählt zu einer ihrer großen Stärken. Von der wichtigen Rolle bei den westfälischen Friedensverträgen im 16. Jahrhundert über die starke Verbindung mit benachbarten Regionen in den Niederlanden ist die Besinnung auf europäische Werte und intereuropäische Zusammenarbeit in Osnabrück besonders stark ausgeprägt.

Zahlreiche Institutionen sind in diesem Bereich entstanden und stellen ein besonderes Alleinstellungsmerkmal dar:

  • Europabüro des Europe Direct Informationszentrums
  • Europäisches Dokunmentationszentrum (EDZ) an der Universität Osnabrück
  • Europäisches Studierendenforum AEGEE
  • Jean Monnet Centre of Excellence in European Studies an der Universität Osnabrück
  • Enterprise Europe Network an der Hochschule Osnabrück

Die intensiven europäisch ausgerichteten Beziehungen der Stadt können für die künftige Entwicklung von Stadt und der gesamten Region positiv genutzt werden. Durch den charakteristischen Standort hat Osnabrück in den letzten Jahren zudem an Bedeutung als logistischer Knotenpunkt gewonnen. Die Spezialisierung auf europäische Kooperationen und der Ausbau der Expertise in diesem Bereich können als Standortvorteil genutzt werden.

Erfahrungen im interkulturellen Zusammenleben

Die Stadt profitiert hier nicht nur von den bereits etablierten wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Einrichtungen, sondern bringt durch die lange Zeit als Standort der Britischen Garnison auch im gesellschaftlich-sozialen Bereich besondere Voraussetzungen mit.

Zur Zeit der Britischen Besatzung war zeitweise jeder zehnte Bürger der Stadt ein Brite. Als größter Garnisonsstandort des Vereinigten Königreichs gehörte das Zusammenleben der beiden Nationalitäten jahrzehntelang zum Alltag in der Region. Die kulturelle Offenheit, ein friedliches Neben- und Miteinander und lange europäisch geprägte Geschichte der „Friedensstadt“ zeigen, wie stark das europäische Bewusstsein hier gesellschaftlich verankert ist.

Vor allem der Hochschulstandort profitiert hier von dieser besonderen Ausrichtung. Viele Bemühungen zielen zudem bereits jetzt darauf ab, auch wirtschaftliche Entwicklungen und Kooperationen durch europäische Vernetzung noch mehr zu stärken.

Osnabrück als Vorreiter

Piesberg Osnabrück
Nicht nur in der Stadt, auch das Umland Osnabrücks steht vor einem umfangreichen strukturellen Wandel. Foto: Fotolia, © Christian Schwier

Mit dem InnovationsCentrum Osnabrück, dem angeschlossenen Centrum für Umwelt und Technologie und dem Hochschulcampus der Universität verfügt die Region beispielsweise über gute Möglichkeiten, zukunftsfähige Konzepte und Strategien zu entwickeln und auf den Wirtschaftsstandort zu übertragen. Gerade bei letzterem wird der Wissens- und Technologietransfer groß geschrieben und es bestehen zahlreiche Kooperationen mit verschiedenen regionalen Unternehmen.

Gerade die großen Herausforderungen bei der Konversion und der umfangreichen Umstrukturierung mit dem Erbe aus der Zeit der britischen Besatzung wurden bislang positiv umgesetzt. Auch hier konnte Osnabrück als Hochschulstandort von neuen Flächen und Gebäuden profitieren.

Herausragende Forschungsprojekte zeigen sich etwa im Bereich der Umweltökonomie, wo am gleichnamigen Lehrstuhl bereits internationale Forschungspreise ergattert werden konnten. Nicht zuletzt ist es die charakteristische Vergangenheit als Industriestandort und Montanregion, die gleichzeitig Voraussetzungen und die Notwendigkeit schafft, in diesem Bereich zu forschen. Die Entwicklung einer nachhaltigen Mobilität sowie die Stärkung des Umweltbewusstseins und der Schutz natürlicher Lebensgrundlagen in der Region wurden neben anderen Handlungsfeldern von der Stadt als strategische Ziele definiert.

Einen weiteren Schwerpunkt stellt der gesundheitlich-medizinische Bereich dar. Der GesundheitsCampus Osnabrück arbeitet hier bei der Forschung und Entwicklung besonders eng mit der Wirtschaft  zusammen, wovon die Region langfristig profitieren kann.

Ausblick

Osnabrück musste auch in der Vergangenheit immer wieder auf umfangreiche strukturelle Veränderungen reagieren. Stadt und Region haben sich dabei ein individuelles, stark europäisch geprägtes Profil erarbeitet, das Lösungen für die unterschiedlichsten Herausforderungen bieten kann.

Bedeutende Unternehmen als große Arbeitgeber konnten durch eine strategische Neuausrichtung oder gezielte Investitionen und Modernisierungen ebenfalls immer wieder erhalten werden. Die Eingliederung des ehemaligen Karmann Werkes in den VW‑Konzern oder die Weiterentwicklung des Kupferverarbeiters KME und der Georgsmarienhütte haben zahlreiche Arbeitsplätze gesichert. Sie stellen wichtige Fixpunkte der lokalen Wirtschaft dar und zeigen, dass es notwendig aber auch möglich ist, sich an umfangreiche Veränderungen des Marktes anzupassen und sich als innovatives Unternehmen stabil für die Zukunft aufzustellen.

Dabei sehen die Zeichen für die Zukunft der Region ohnehin gar nicht so schlecht aus. Im Städteranking des Zukunftsatlas 2016 – einer Studie zur Bewertung der Zukunftschanchen des Wirtschaftsforschungsunternehmens Prognos – landete Osnabrück auf einem guten Platz (140 von 402). Unter Berücksichtigung der demographischen Entwicklung, der sozialen Situation, des regionalen Arbeitsmarktes und der wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft bestehen laut der Einstufung gute Voraussetzungen für eine positive Weiterentwicklung in der Zukunft.