Kolumne Morgen-Kommentar: Das Schweigen der Sirenen – Teil 2

Morgen-Kommentar: Das Schweigen der Sirenen – Teil 2

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Osnabrück hat beim bundesweiten Sirenen-Warntag versagt, mit Ansage. Das war gestern der Hintergrund für einen Kommentar, der für reichlich Leserreaktionen gesorgt hat, u.a. bei Facebook.

Am Tag danach wissen wir: Auch der Rest von Deutschland hat kein gutes Bild abgeliefert. Was ist los mit dem einstigen(?) Hochtechnologie-Standort, dessen Bewohner weltweit immer noch als besonders zuverlässig gelten? 

Ein Kommentar von Heiko Pohlmann

Zugegeben, dass der erste bundesweite Test der Sirenen und Warn-Apps in so einem Desaster enden wird, habe ich nicht erwartet. Als Herausgeber eines lokalen Nachrichtenportals ist mein Fokus immer ein wenig auf das Lokale und leider allzu oft auch das Versagen der hiesigen Politik und Verwaltung verengt. Dass einige andere Städte und Bundesbehörden ebenfalls so mies performen werden, hätte ich wirklich nicht gedacht.

Zahlreiche Leser haben darauf hingewiesen, dass u.a. wohl auch in Bremen, Berlin oder auch in Osnabrücks Nachbarstadt Münster zum ersten bundesweiten Warntag keine Sirenen zur Verfügung standen.
Sorry, aber was ist denn das für eine Argumentation? “Herr Lehrer, Herr Lehrer, ich habe meine Hausaufgaben nicht gemacht weil in der Parallelklasse auch zwei oder drei Schüler es nicht für nötig erachtet haben ihre Aufgaben zu erledigen”. Wenn wir uns auf so ein Niveau bewegen, dann sehe ich schwarz nicht nur für Osnabrück sondern für ganz Deutschland!

Zurück nach Osnabrück: Die Aufgabe der Lokalpolitik aus dem November 2017 war eindeutig. Und wenn – was ich zwischenzeitlich auch schon als Begründung für die fehlenden Sirenen in Osnabrück gehört habe – angeblich nur ein einziges Ingenieurbüro in ganz Deutschland über die notwendige Expertise verfügt ein Sirenennetz zu planen, erklärt das immer noch nicht, warum der Auftrag an eben jene Fachleute erst im Jahr 2019 vergeben wurde.
Auch der Umstand, dass die Federführung für die Umsetzung des eindeutigen Auftrags aus der Lokalpolitik bei der städtischen Feuerwehr lag, kann ich nicht gelten lassen. Es ist auch weiterhin die Aufgabe des zuständigen Vorgesetzten, die von der Politik vorgegebenen Aufträge daraufhin zu kontrollieren, dass sie in den unteren Ebenen zeitnah umgesetzt werden.
Und wenn der Vorgesetzte nicht performed, dann hat die Lokalpolitik Konsequenzen zu ziehen und die Stelle neu zu besetzen, so wie es der Aufsichtsrat in jeder “normalen” Firma auch tun würde – im Interesse der Shareholder, und das sind bei der Stadt die Bürger.

Sirenen und Apps sind keine Raketentechnologie

Ein anderer Aspekt ist mir jetzt aber noch wichtig. Es wurde im Nachgang nach dem erfolglosen, gescheiterten oder auch missglückten (wie immer man es bezeichnen mag) von Seiten der zuständigen Bundesbehörden und auch von Bundespolitikern und Lesern der Hasepost angeführt, dass ein Test ja auch dadurch Erfolg erzielt, wenn er Fehler identifiziert, die dann im Anschluss behoben werden können.
Diese Philosophie kennt man von Elon Musk, der das Testen seiner Raumfahrzeuge tatsächlich genau so angelegt hat, dass möglichst viel getestet wird – oft auch in frühen Entwicklungsphasen, um durch bereits auf der Startrampe explodierende oder bei der Landung zerberstende Raketen frühzeitig Hinweise auf Fehlentwicklungen zu bekommen.
Aber sorry, die rechtzeitige Installation und das Fernauslösen von Sirenen ist ebenso keine Raketentechnologie wie das Versenden von Kurznachrichten über eine App. Und anders als die Space X Raumschiffe von Elon Musk sind die Apps Nina und Katwarn schon sehr lange in Betrieb, auch wenn sie bislang nur regionale Warnmeldungen verschickt haben.

Also irgendwie habe ich das Gefühl, dass Deutschland langsam aber sicher in Richtung Dritte Welt abdriftet.
Wenn in Nairobi oder Brazzaville die vermutlich im Rahmen von Vetternwirtschaft besetzte Verwaltung es nicht schafft rechtzeitig Aufträge zu vergeben und Beamte von ihren Vorgesetzten nicht kontrolliert werden, würde mich das nicht wundern.
Dass es in Berlin oder Bremen, zwei Städte die auf vielen Ebenen ebenfalls als “gescheitert” angesehen werden können, keine funktionierenden Sirenen gibt, wundert mich auch nicht, aber wollen wir uns wirklich daran orientieren, was die alles nicht schaffen?
Es sollten wirkliche Zukunftstechnologien sein, die uns hier in Deutschland bei Tests vor Herausforderungen stellen, OK. Aber doch bitte nicht zwei popelige Apps, die nichts anderes tun müssen als eine Kurznachricht anzuzeigen und ein Sirenennetzwerk, das per Datenleitung ferngeschaltet werden muss.

Aber was soll’s… wir bekommen ja in Osnabrück auch nicht die vergammelten Holzplanken am Rosenplatz ausgetauscht, geschweige denn einen ordentlichen Straßenbelag für den Neumarkt… traurig! 

Und vermutlich versucht auch das wieder jemand damit zu entschuldigen, dass der Skandalflughafen BER ja auch noch immer nicht fertig ist.

Wann fangen wir bitte wieder an uns an den Besten zu orientieren und nicht daran, dass auch andernorts versagt wurde?!
Mich jedenfalls interessiert es überhaupt nicht, wenn auch andere Städte oder die Bundesregierung Probleme haben selbst einfache Infrastruktur 
bereitzustellen. Osnabrück sollte den Anspruch haben immer zu den Besten zu gehören. Anscheinend sehen einige Verantwortliche in Politik und Verwaltung das anders…

 

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Heiko Pohlmann
Heiko Pohlmann gründete die HASEPOST 2011 unter dem Titel "I-love-OS", die Ursprungsidee reicht aber auf das bereits 1996 gestartete Projekt "Loewenpudel.de" zurück. Direkte Durchwahl per Telefon: 0541/385984-11

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