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Kommentar: Was muss in der Johannisstraße eigentlich noch passieren, damit endlich durchgegriffen wird?

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Schlägerei in der Johannisstraße / Screenshot: Instagram

Am frühen Morgen des 27. Augusts sorgte eine Massenschlägerei in der Johannisstraße für Bilder, wie man sie eher aus Straßenschlachten kennt, am 11. September dieses Jahres kam es in der Johannisstraße erneut zu einer Auseinandersetzung – sechs Tage später erliegt das Opfer seinen Verletzungen im Krankenhaus. Es sind zwei Vorfälle, die nur das vorläufige Ende einer Reihe von Körperverletzungen, Polizeieinsätzen und sonstigen Zwischenfällen am obersten Osnabrücker Schandfleck in den vergangenen Wochen, Monaten und Jahren markieren. Was muss eigentlich noch passieren, damit an der Johannisstraße endlich konsequent durchgegriffen wird?

Ein Kommentar von Maurice Guss

In deutschen Städten gibt es einige solcher Plätze, die erst vernachlässigt und dann irgendwann aufgegeben werden. Sinnbildlich steht dafür in Osnabrück die Johannisstraße. Seit Jahren wird sie nach Möglichkeit gemieden, aus Sorge vor genau solchen Vorfällen wie sie einführend geschildert wurden. Angesichts des bevorstehenden kalten und dunklen Winters entwickelt sich die Johannisstraße noch einmal mehr zu einem Angstort, der in der Regel nur noch überquert wird, wenn es denn wirklich sein muss und dann auch nur mit einem ziemlich mulmigen Gefühl. Die Sorge, in eine Schlägerei verwickelt, oder von ominösen Gestalten angesprochen zu werden, wächst – und zwar erstens zurecht und zweitens weil der Situation kaum effektiv entgegengewirkt wird.

Keiner will verantwortlich sein

Die aktuellen Maßnahmen sind schnell aufgezählt: Erhöhte Präsenz von Ordnungsamt und Polizei sowie die Einrichtung eines Quartiersmanagements unter der Leitung von Marie Veltmaat. Die Stadt verweist in Bezug auf die aktuelle Situation in der Johannisstraße auf exakt diese Zuständigkeiten. Gebracht haben die Maßnahmen bislang offenbar nichts, im Gegenteil: Es ist schlimmer denn je. Die Worte der Stadt wie etwa „der Ordnungsaußendienst hat seine Präsenz in der Johannisstraße bereits verstärkt und wird dies auch in der dunklen Jahreszeit fortsetzen“ oder „die Quartiersmanagerin hält Kontakt zu den Anliegern“ wirken daher eher wie ein vorsätzliches Abtreten der Verantwortung. 

Oder spielt die Stadt auf Zeit? Will man die Verantwortungen solange Hin- und Herschieben und die Situation schön reden, bis in zig Jahren dann doch endlich mal die dringend notwendigen baulichen Maßnahmen wie etwa die Johannishöfe (Ecke Neumarkt) ergriffen werden? Ist das der Plan, dann findet dieser nicht nur auf den Schultern der Osnabrückerinnen und Osnabrücker und insbesondere der Anlieger der Johannisstraße statt, sondern auch auf Kosten von Menschenleben. Zögert man die dringliche Verbesserung der Lage noch weiter hinaus, würde es mich nicht wundern, wenn sich die kürzlichen Schlagzeilen schon bald wiederholen.

Einfach machen – jetzt!

Es bedarf jetzt effektiverer Maßnahmen als verstärkte Präsenzen oder eine Quartiersmanagerin, deren Weg über Diplomatie und Gespräche bislang verpuffen zu scheint. Denn mal ganz ehrlich: Die Situation in der Johannisstraße verschlechtert sich seit Jahren vor den Augen der scheinbar nicht verantwortlich sein wollenden Verantwortlichen. Von den auf HASEPOST-Nachfrage durch die Stadt geäußerten „positiven Impulsen“ war bisher nie etwas zu sehen. Stattdessen droht die Johannisstraße ihrem Schicksal zu erliegen. Beim besten Willen: So verantwortungsvoll und kompliziert der Job als Quartiersmanagerin sein mag, in der Außenwirkung ist das einzige, das wirklich nachhaltig von der Stadtgesellschaft wahrgenommen wurde, ein Straßenfest anlässlich der Sanierung eines Teilabschnittes der Straße. Das war’s! Wie soll ein Büro in der Johannisstraße, das – hart und nochmal bei allem Respekt vor dem Job gesagt – ab und an mal besetzt ist und irgendwelche hoffentlich präventiven Plakate oder Infostände beherbergt, denn bitte helfen? Glaubt man allen Ernstes, dass eine Erhöhung der Polizeipräsenz und eine Ansprechpartnerin für Dönerbuden-, Kiosk- oder Goldankaufinhaber dauerhaft Besserung bringt?

Es ist fast sinnbildlich, dass bei der Vorstellung der neuen Quartiersmanagerin Beamte in Zivil und in Uniform in Sichtweite damit beschäftigt waren, Personenkontrollen in der dort inzwischen heimischen Alkoholiker- und Drogenszene durchzuführen. Warum wird das Geld also anstatt in eine bislang so gut wie gar nicht sichtbare Quartiersmanagementstelle nicht direkt in die Qualität der Johannisstraße gesteckt? Abseits der Johannisstraße werden beispielsweise Pop-up-Quartiere gefördert, um Leerständen entgegenzuwirken. In der Johannisstraße eröffnet stattdessen ein neuer Kiosk oder eine neue Dönerbude. Alternativ könnten die Leerstände auch angemietet werden, um den auf den Straßen der Johannisstraße heimischen Menschen einen Unterschlupf oder eine Anlaufstelle zu bieten – Interesse daran scheint es aber nicht zu geben, sicherlich auch aus Kostengründen. Doch von alleine wird die Qualität und Situation in der Johannisstraße nicht besser.

Um es in den Wahlkampfworten von Oberbürgermeisterin Katharina Pötter zu sagen: Es ist dringend Zeit, einfach zu machen! Es reicht nicht nur zu reden, den Austausch zu fördern und Verantwortungen hin- und herzuschieben. Diese Hinhaltetaktik kostet Menschenleben – dank der guten Arbeit der Polizei konnte immerhin schnell ein Täter ermittelt werden. Es ist keine Zeit mehr für Ideen, es braucht Umsetzungen. Ansonsten steht der Johannisstraße eine düstere Zeit bevor.


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Maurice Guss
Maurice Guss
Maurice Guss ist seit dem Herbst 2019, erst als Praktikant und inzwischen als fester Mitarbeiter, für die Redaktion der HASEPOST unterwegs.
 

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