Start Kolumne Mösers Meinung: Über den Niedergang der Freiheit, Teil 2

Mösers Meinung: Über den Niedergang der Freiheit, Teil 2

Kolumne

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Guten Abend,

vor 14 Tagen habe ich mich über den Niedergang der Freiheit, wie wir sie bisher kannten, geäußert. In diesem Zusammenhang habe ich einige Beispiele von Freiheitsberaubung aufgeführt. Der verehrte Leser mag mir verzeihen, wenn ich dabei so einiges vergessen oder nicht genannt habe, das ihm besonders am Herzen liegt und als Sinnbild für den Niedergang der Freiheit in Deutschland gelten darf.



Beispiele sind fast immer beliebig, meine Auswahl macht da keine Ausnahme. Mir ging es darum, ein Bewußtsein für den Wert der Freiheit an sich zu wecken. Denn Freiheit ist ja nicht nur die bloße „Abwesenheit von Zwang“ (wie dieser Begriff in den Geisteswissenschaften gerne definiert wird), Freiheit ist in erster Linie ein Geschenk des Menschen an sich selbst, das ihm die Möglichkeit eröffnet, sein Leben eigenverantwortlich und selbständig zu gestalten. Möglicherweise sind sich viele Menschen des Wertes nicht bewußt, den dieses Geschenk repräsentiert. Denn Freiheit ist niemals selbstverständlich, sie muss in den meisten Fällen mühsam errungen und anschließend hartnäckig verteidigt werden. Und ein guter Bürger sollte in der Lage sein, die Feinde der Freiheit zu erkennen und auf seinem Recht zur Einforderung der persönlichen Freiheit beharren. „Er sollte sein Auge auch bis zum Throne erheben und mit einem fertigen Blick die Blendungen durchschauen können, welche ein despotischer Ratgeber zum Nachteil seiner und der Deutschen Freiheit oft nur mit mäßigen Kräften wagt…“ (zitiert aus dem Vorwort zum zweiten Band der `Patriotischen Phantasien´). Dazu gehört allerdings ein gerüttelt Maß an Aufgeklärtheit, von der ich mittlerweile den Eindruck habe, daß sie der Staat seinen eigenen Bürgern nur dann zugestehen möchte, wenn diese Aufgeklärtheit den staatlichen Interessen dienlich ist. Was ein gefährliches Paradoxon darstellt: Wie kann jemand aufgeklärt und frei in seinem Denken sein, wenn er seine Gedanken immer auch unter dem Gesichtspunkt kontrollieren muss, ob sie denn wirklich konform mit den staatlich vorgegebenen Maximen sogenannter Pflichten eines rechtschaffenen und damit guten Bürgers sind. Ich frage mich in diesem Zusammenhang stets: Wer legt die staatlichen Maximen fest, wem dienen sie und wem sind sie nützlich?

Eine gute Bekannte von mir kümmert sich hingebungsvoll um behinderte Hunde. Sie betreut unter anderem eine Dackeldame, der von gewissenlosen Menschen das Rückgrat gebrochen worden ist. Das Tier kann sich nur mit Hilfe eines Hunderollstuhls fortbewegen. Es ist wirklich ein trauriges und erschütterndes Bild, diesem armen Hund zuzuschauen. Doch immer, wenn ich meine Bekannte besuche, ist es grade diese Dackeldame, die voller Begeisterung auf mich zugekrochen kommt, die sich hingebungsvoll über meinen Besuch freut und mir voller Stolz ihr neuestes Spielzeug zeigt. Ich denke dann oft daran, was die Menschen ihr angetan haben und daß ich an ihrer Stelle sicherlich nicht so arglos auf einen Vertreter der menschlichen Rasse zugehen würde. Immerhin waren es Menschen, also laut eigener Aussage die am höchsten entwickelte Art auf diesem Planeten, die sie aus reinem Sadismus fast getötet hätten. Aber wenn ich spüre, wie aufrichtig und unverfälscht die Liebe und Begeisterung ist, die mir dieses Tier bei wirklich jedem meiner Besuche entgegenbringt, dann wird mir klar, daß Freiheit auch bedeutet, Tag für Tag dankbar zu sein für all das, was uns vom Leben übrigbleibt, selbst wenn es das Schicksal bisher nicht besonders gut mit uns gemeint hat. Ich glaube, je schlechter es jemandem geht, desto intensiver klammert er sich an das, was er noch hat. Im Fall der behinderten Hundedame ist das ihre aufrichtige Begeisterung für die Menschen, selbst wenn sich einige verlotterte Exemplare dieser Rasse übel an ihr vergriffen haben. Die Freude und das Glücklichsein hat ihr trotz all der schlechten Erfahrungen niemand nehmen können. Freiheit hat viele Gesichter und es ruft in meinem Herzen doch immer wieder große Bewunderung hervor, die Freiheit in all ihren vielfältigen Facetten erleben und bestaunen zu dürfen.

Wenn unsere individuelle Mobilität beeinträchtigt wird, sei es durch eine Behinderung, durch das Alter oder einfach durch den Verlust des Führerscheins, dann haben wir die Möglichkeit, Kraft und Mut aus all den kleinen Erfahrungen zu beziehen, die uns der Alltag schenkt: ein gutes Gespräch, ein Erfolgserlebnis, ein schmackhaftes Essen, die Liebe unserer Nächsten. Damit sind wir der armen Dackeldame gar nicht unähnlich, die möglicherweise mehr Freude am Leben hat als ein gesunder Mensch, dessen Alltag nur noch von Tristesse geprägt ist und der es lange verlernt hat, sich überhaupt noch über irgendetwas freuen zu können.

Ich halte die individuelle Mobilität für eines der größten Geschenke, das die Menschen sich selbst gemacht haben. Wenn ich dann aber sehe, wie derzeit der Drang des Menschen nach Fortbewegung, nach Grenzüberschreitungen, nach neuen Erfahrungen, neuen Ländern und dem Kennenlernen von fremden Kulturen und fremden Menschen unter Verweis auf die ökologische Bedenklichkeit mit Füßen getreten und eingeschränkt wird, dann fordere ich uns alle auf, gemeinsam für die Rückkehr der Freiheit als oberste Maxime unseres Handelns einzutreten und alles zu tun, um einer Zerstörung der freiheitlichen Grundgedanken unseres Staatswesens entgegenzutreten. Dazu würden dann im Idealfall auch Demonstrationen und Streiks gehören. Sie müssen ja nicht unbedingt an einem Freitagvormittag stattfinden.

Ich wünsche allen Lesern der HASEPOST einen schönen Sonntagabend!

Ihr

Justus Möser

Hier alle bislang erschienenen Kolumnen von Justus Möser.

Justus Möser
Justus ist unser "ältester Mitarbeiter", seit 1720 wandelt er durch unsere Stadt - wobei er inzwischen eher "geistert". Wem er hier bei uns die Feder führt? Das verraten wir nicht. Nur so viel: Es ist jemand, der sonst nicht für uns schreibt und vielen in der Stadt in ganz anderer Weise bekannt sein dürfte.


 


 

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