Kommentar von Heiko Pohlmann

Nun ist es also raus: Der Hamburger Immobilienkaufmann Dr. Theodor Bergmann soll die Erlaubnis erhalten für einen Neubau (Baulos 2) Teile des Neumarkts zu unterkellern (vgl. NOZ vom 28.03.2017, Abruf ggf. kostenpflichtig).
Was nach einer Sachentscheidung klingt, hat eine geschmacklose Vorgeschichte im Kommunalwahlkampf 2016.

Erinnert sich noch jemand an die Kommunalwahl? Also nicht nur das Ergebnis, bei dem die Osnabrücker SPD das schlechteste Ergebnis ihrer Nachkriegsgeschichte erzielte und nur ein Aufwärmen der übergroßen Regenbogenkoalition es weiterhin möglich macht im Stadtrat eine Opposition gegen CDU und BOB aufrecht zu erhalten?
Gemeint sind die Wochen vor dem Wahltermin am 11. September, denn da passierte ein Tabubruch: Ein Hamburger Unternehmer erinnerte sich seiner Osnabrücker Wurzeln – und seines Geschäftsinteresses – und griff massiv in den Osnabrücker Wahlkampf ein.

Amt von Frank Otte genehmigte Videowand

Mit Genehmigung des in Osnabrück auch für den Fachbereich Ordnung zuständigen grünen Baurats Frank Otte, durfte Dr. Theo Bergmann Ende August 2016 eine riesige Videowand auf dem Neumarkt aufstellen und dort inzwischen von der Realität längst wieder eingeholte Geschichten verbreiten.
Schauspieler erzählten in einem gespielten Dialog (hier noch online) von einer scheinbar möglichen Zukunft, in dem der Neumarkt zu einer Fußgängerzone werden würde, wenn, ja wenn denn die Osnabrücker nur „richtig“ wählen würden, so die Message.
Für den Hamburger Kaufmann war die Sache klar, was „richtig“ wählen bedeutet: SPD, Grüne, Piraten, FDP, UWG und wenn es denn sein muss auch die Linke. Hauptsache, der Neumarkt würde in seinem Sinne umgestaltet.


Videowand auf dem Neumarkt
Nicht gerade klein: Die Videowand auf dem Neumarkt (hier nur halb ausgefahren).

Kostenpunkt der Aktion? Unbekannt. Allerdings konnte unsere Redaktion anhand von Vergleichspreisen ermitteln, dass allein die Miete und das Aufstellen der Videowand in Summe einen deutlich fünfstelligen Betrag gekostet haben dürfte. Übliche Tagesmieten liegen im Bereich um 1.500 Euro; die Videowand des Dr. Bergmann stand für knapp zwei Wochen auf dem Problemplatz. Hinzuzurechnen sind die Kosten für die Schauspieler, die Videoproduktion die begleitende Website etc.
Alles in allem dürfte diese Wahlkampfhilfe unter dem Strich einige Zehntausend gekostet haben. 

Offenbar war das alles gut investiertes Geld und nun wird abgerechnet! Ob sich durch das Filmchen tatsächlich Osnabrücker zu einer geänderten Wahlentscheidung haben hinreissen lassen, ist wie bei jeder Werbung unklar. Aber immerhin fiel das Wahlergebnis – wenn auch denkbar knapp – so aus, dass es weiter reichlich Streit mit dem Oberbürgermeister, den Politikneulingen von BOB und der CDU auf der einen Seite, und der von der FDP bis ganz nach links reichenden Regenbogenfraktion gibt.

Frank Otte: Erst die Videowand genehmigt, jetzt die Unterkellerung forciert

Frank Otte, Parteimitglied der Grünen, zeigte sich jedenfalls offen für die neuerlichen Wünsche von Theo Bergmann. Erst die Wahlkampf-Videowand, nun ein Keller für seinen Neubau: Auf die ungleiche Männerfreundschaft zwischen dem radelnden Baurat und dem millionenschweren Bauherrn scheint Verlass.
Und auch die Parteien, für die Bergmann im vergangenen Spätsommer so eifrig in den Wahlkampf eingriff, scheinen kein Problem damit zu haben, dass zu Gunsten des Profitinteresses eines Einzelnen, zukünftig große Teile des Neumarkts neu untertunnelt werden.
Dabei wäre es sicher kein Problem, die Teile der Haustechnik, die unter den Neumarkt verschoben werden sollen, auch auf der Grundfläche unterzubringen, die Theo Bergmann wirklich gehört – aber dann wäre natürlich die zu vermietende Fläche kleiner. Warum nicht die Technik unter den Neumarkt, der allen Osnabrückern gehört, damit der Profit des Dr. Bergmann an den zu vermietenden Flächen optimiert wird? Selbst für die sonst doch so kritischen Linken und die UWG/Piraten scheint diese kapitalistische Rechnung kein Widerspruch zu sein – na immerhin stand man bei der Kommunalwahl ja Seite an Seite. So sieht Dankbarkeit in Osnabrück aus!

Und dann wäre da noch ein weiteres „Geschmäckle“. Natürlich erinnert sich jeder Osnabrücker daran, dass es am Neumarkt schon mal einen Tunnel gab. Nicht für die Haustechnik eines Hamburger Kaufmanns, sondern für alle Osnabrücker.
Als dieser Tunnel zugeschüttet werden sollte, spielte Dr. Bergmann sein Wegerecht geschickt gegen die Interessen der Stadt aus – aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte, oder doch nicht?