Kolumne Mösers Meinung: Vom unverhofften Glück, ein Staatsdiener zu sein

Mösers Meinung: Vom unverhofften Glück, ein Staatsdiener zu sein

Kolumne

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Guten Abend,

vor ein paar Tagen war ich Augen- und Ohrenzeuge eines possierlichen Schauspiels. Der Wirt einer wirklich sehr traditionsbehafteten Gaststätte in unmittelbarer Nähe zur Katharinenkirche war zum Dienstantritt erschienen, hatte allerdings sein Auto (einen Franzosen, aber das tut nichts zur Sache) regelwidrig direkt vor seinem Arbeitsplatz geparkt. Schon wenige Minuten später nahm sich eine Mitarbeiterin des sog. OS-Teams, im Volksmund auch etwas sexistisch als Politesse verschrien, der Sache an und notierte sich das Kennzeichen des Falschparkers. Ein aufmerksamer Gast wies den Wirt auf die missliche Lage hin und der stürmte Hals über Kopf nach draußen, um das Schlimmste zu verhindern. Fasziniert beobachtete ich das Geschehen, in der Erwartung, daß die Staatsgewalt in Form einer pflichterfüllten Politesse nun den Übeltäter zur Rechenschaft ziehen würde. Pustekuchen, die beiden Protagonisten des Schauspiels schienen sich bestens zu kennen und umarmten sich zur Begrüßung in inniger Herzlichkeit. Mit dieser Entwicklung hatte ich nun beileibe nicht gerechnet und so störte ich die Harmonie von Gastwirt und Politesse, indem ich die Staatsdienerin unvermittelt fragte, ob ich ebenfalls mein Auto für kurze Zeit an dieser exponierten Stelle parken könnte, weil ich in der Innenstadt eine wichtige Sache zu erledigen hätte. Augenzwinkernd wurde mir von der Dame beschieden, daß das natürlich eigentlich nicht ginge, schließlich wolle sie nicht ihren Job aufs Spiel setzen. Sie bat den Gastwirt, sein Auto schnellstmöglich zu entfernen. Schließlich seien Gesetze zum einhalten da, in diesem Fall würde sie aber eine Ausnahme machen und statt des Schreibens eines Strafzettels lediglich eine mündliche Verwarnung aussprechen. Und dann geriet sie ein wenig ins schwadronieren. Sie hätte schon viele Berufe ausgeübt, aber die Tätigkeit beim OS-Team wäre mit Abstand die schönste. Auf meine Frage, welcher Anstellung sie denn vorher nachgegangen wäre, antwortete sie mit ungespieltem Ekel: Ich war in einer Putzkolonne und musste den Wischmop schwingen. Und die Politesse versicherte mir schließlich mit aller Aufrichtigkeit, daß sie ihrem  jetzigen Job bis ans Ende aller Tage nachgehen wolle. Etwas Besseres könne man heutzutage wirklich nicht finden.

Ich war ob der Begeisterung dieser Dame ein wenig befremdet, schien mir doch die Tätigkeit einer Politesse nicht unbedingt der Inbegriff allerhöchster Seligkeit zu sein. Nichtsdestotrotz ließ ich mich von ihrer Euphorie anstecken und fragte sie ganz unvermittelt, ob ich auch bei ihrer Firma anfangen könnte. Denn gute Berufe sind heutzutage schwer zu finden, und ich habe durch frühere Dienste durchaus Erfahrung als Mitarbeiter im Staatswesen. Doch die Politesse holte mich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück und klärte mich darüber auf, daß man nur mit einer gewissen körperlichen Robustheit und einen Hang zur Pedanterie zu so einer sicheren Stellung kommt. Außerdem wäre ich für den ganzen Stress auch schon viel zu alt. Na ja, ich bin in meinem Leben immer gut damit gefahren, einer Frau nicht zu widersprechen.

Nun ja, dachte ich bei mir, einen Versuch war es immerhin wert. Und aufgrund des Klimawandels und der damit einhergehenden Klimahysterie erscheint es mir auch nicht unbedingt erstrebenswert, Tag für Tag bei Wind und Wetter durch die Straßen Osnabrücks zu wandern und irgendwelche Verkehrssünder zur Rechenschaft zu ziehen. Aber trotzdem finde ich es bemerkenswert, mit welcher Inbrunst die Dame von ihrem Job schwärmt. Solche Begeisterung für den Beruf ist selten, vor allem in den niederen Gehaltsklassen. Wie müssen sich wohl jene Staatsdiener fühlen, die noch etliche Euro mehr kassieren. Deren Glück scheint vollkommen, und deshalb sollten all jene, die in der freien Wirtschaft den Unwägbarkeiten des Schicksals ausgesetzt sind, durchaus Verständnis aufbringen für all die Schikanen, für all die Willkür und für all die Arroganz, der man als Normalbürger im Umgang mit der Staatsgewalt des öfteren begegnet. Denn wer sich seiner Stellung und Bedeutung so sicher ist, der kann keine Rücksicht auf die Befindlichkeiten der kleinen Leute nehmen. Der drückt höchstens mal ein Auge zu, wenn ein guter Bekannter falsch parkt. Aber ansonsten dankt er jeden Abend dem lieben Herrgott, daß er es so gut erwischt hat und für seinen Lebensunterhalt nicht richtig arbeiten muss. Vielleicht ist das der Grund für den Umstand, daß in diesem Staat so vieles schiefläuft. Wer im Bewusstsein seiner Unberührbarkeit agiert, der neigt schnell dazu, sich zu überschätzen und setzt sich der Gefahr des willkürlichen Handelns aus. Was ihn aber nicht weiter zu interessieren braucht, da er sich ja in der mütterlichen Fürsorge des Staates befindet und seine Daseinsvorsorge unabhängig von seiner Leistung mehr als gesichert ist. Gerechtigkeit sieht anders aus!


Ich wünsche allen HASEPOST-LESERN einen Sonntagabend, an dem es nichts zu mösern gibt.

Ihr

Justus Möser

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Justus Möser
Justus ist unser "ältester Mitarbeiter", seit 1720 wandelt er durch unsere Stadt - wobei er inzwischen eher "geistert". Wem er hier bei uns die Feder führt? Das verraten wir nicht. Nur so viel: Es ist jemand, der sonst nicht für uns schreibt und vielen in der Stadt in ganz anderer Weise bekannt sein dürfte.

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