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Kommentar: Wie grün sind die Corona-Proteste in Osnabrück?

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Ein Fahrrad- und Stadtbahnaktivist, eine ehemalige Kommunalwahlkandidatin der Osnabrücker Grünen, eine Waldorf-Lehrerin, Verleger, Künstler, Homöopathen… Sind das die Rechten und Reichsbürger, die angeblich jeden Samstag völlig unsolidarisch auf die Straße gehen?

Ein Kommentar von Heiko Pohlmann

Schaut man sich die Unterzeichner des vergangene Woche an Oberbürgermeisterin Katharina Pötter gesendeten Briefes, in dem um einen „Runden Tisch Corona-Maßnahmen“ gebeten wurde, genauer an, dann könnte man auch meinen den Rundbrief eines Grünen-Ortsverbandes vor sich zu haben.
Sind das also die rechten Staatsfeinde, die von den Gegendemonstranten auf dem Willy-Brandt-Platz im regelmäßigen samstäglichen Protestmarsch der vermeintlichen Schwurbler und Querdenker vermutet werden?

Grüner wird’s nicht, zu dem Schluss komme ich jedenfalls, wenn ich mir ansehe, wer da alles unterzeichnet hat. Thomas Polewsky zum Beispiel, der pensionierte Gesamtschullehrer, der vielen Osnabrückerinnen und Osnabrückern als ebenso engagierter wie auch streitlustiger Aktivist für eine Stadtbahn, gegen individuelle Mobilität, das Fahrradfahren als Heilsbringer an sich und eine Verkehrswende bekannt ist.
Polewsky war in den 70er Jahren aktiv für die „Grüne Liste Umweltschutz“ (GLU). Polewsky war sogar Landtagskandidat für die GLU, aus der – wie die Osnabrücker Grünen selbst 2019 betonten (40 Jahre Osnabrücker Grüne) – schließlich die Osnabrücker Grünen entstanden. So etwas nennt man doch wohl Gründervater oder auch Urgestein?

Als bekennender Konservativer muss ich gestehen, dass ich Menschen, die mit Globuli (aka Zuckerkügelchen) ernsthafte Krankheiten bekämpfen wollen oder die ihren Namen tanzen können, eine gewisse Distanz pflege – und das schon vor Corona.
Allerdings folge ich auch der preußischen Maxime: „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“.
Auch von diesen Leuten findet man, wie eingangs beschrieben, einige auf der Liste der Unterzeichner des offenen Briefs an die Oberbürgermeisterin.

OK, „nur“ 52 Menschen haben sich getraut mit diesem Schreiben an die Öffentlichkeit zu gehen. Das sind aber knapp 5x so viele Menschen, wie die AfD zusammenbekommt, wenn sie zu einer Mahnwache vor dem Osnabrücker Rathaus aufruft (und nahezu niemand kommt).

Vor dem Hintergrund scheinen mir die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen deutlich grüner als braun zu sein. Übrigens deutet auch eine Studie der Universität Osnabrück darauf hin, dass die typische Teilnehmerinnen der Corona-Proteste weiblich, über 50, besser gebildet und neben der Angst vor einer wirtschaftlichen Verschlechterung oft auch dadurch geeint sind, dass sie an esoterischen Klimbim glauben.

Und was sagen die Osnabrücker Grünen dazu, dass gerade auf der Seite der Kritiker der Pandemiemaßnahmen derart prominentes grünes Urgestein und ein guter Teil ihrer Kernzielgruppe mitläuft?

„Ihre konkrete Anfrage löst bei uns Irritationen aus“, schreiben Eva Güse und Maximilian Strautmann (beide Parteisprecher) sowie Volker Bajus (Vorsitzender der Ratsfraktion) auf eine Anfrage unserer Redaktion. Und weiter: „An der Haltung der Grünen in Osnabrück zur aktuellen Corona-Politik und den Corona-Schutzmaßnahmen gibt es keinen Zweifel“.

Zwar gibt es bis dato keine offizielle Stellungnahme oder Pressemitteilung der Osnabrücker Grünen zu den inzwischen regelmäßigen Protesten, aber man verweist in der umfangreichen Stellungnahme an unsere Redaktion darauf, dass die Grüne-Vorstandssprecherin Eva Güse bei der Gegendemo am 8. Januar noch vor Oberbürgermeisterin Katharina Pötter zu den Demonstrierenden auf dem Willy-Brandt-Platz gesprochen hat.

Zu Thomas Polewsky, dem GLU-Landtagskandidaten von 1978 und Holle Brandolini, Grüne-Kandidatin für den Stadtrat 2011, die beide auch den offenen Brief an die Oberbürgermeisterin unterzeichnet haben, heißt es knapp: „Die beiden in ihrem Schreiben genannten Personen sind seit Jahren keine Mitglieder mehr bei den Grünen“, und weiter „dass es hier offensichtlich eine gewisse Distanz gibt, kann man daran ablesen, dass der erwähnte Brief uns bislang nicht erreicht hat“.

Diese „Distanz“ wird wohl wachsen, wenn eine Partei, deren DNA aus Bürgerrechten, Protestkultur, Akzeptanz von alternativer Medizin und der Kritik an neuen Technologien (insbesondere Gentechnik) besteht, jetzt Teile ihrer Basis in die rechte Ecke abschiebt.

 


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Heiko Pohlmann
Heiko Pohlmann
Heiko Pohlmann gründete die HASEPOST 2011 unter dem Titel "I-love-OS", die Ursprungsidee reicht aber auf das bereits 1996 gestartete Projekt "Loewenpudel.de" zurück. Direkte Durchwahl per Telefon: 0541/385984-11
 

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