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Donnerstag, Oktober 17, 2019



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Kallas Kolumne: Welche Medizin hilft gegen Homöopathie?

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Ein Ärztemangel der besonderen Art

Wenn ein gelernter Bankkaufmann und studierter Politikwissenschaftler Gesundheitsminister eines großen demokratischen Landes ist, dann scheint dieses Land unter einem Mangel politisch ambitionierter Ärzte zu leiden, zumal ein Hauch Fachwissen wohl jedem Ministerium gut zu Gesicht stünde.

Jens Spahn wurde am 14. März 2018 zum Bundesminister für Gesundheit ernannt. Warum, das weiß eigentlich niemand so genau, aber immerhin tritt er im Angesicht rapide steigender Masern- und Tuberkulosefälle für eine Impfpflicht ein, und das gegen den Widerstand esoterisch angehauchter Wissenschaftsleugnerinnen, die sich ihr Krabbelgruppen-Fachwissen zumeist auf Facebook angeeignet haben. Konnte man darauf hoffen, dass endlich die Wissenschaft Einzug hält, wurde man vor wenigen Tagen eines Schlechteren belehrt: Spahn verkündete vergangene Woche, dass sich die Kassen weiterhin an den Kosten homöopathischer Präparate beteiligen sollten. Eins vorweg: Homöopathie hat rein gar nichts mit Naturheilkunde zu tun. Hier dreht es sich also allein um das, was man alles aus Wasser, Zucker und Mehl an „Medikamenten“ herstellen kann.


 


Die wundersame Heilkraft von Wasser, Zucker & Mehl

Die Grundlagen der Homöopathie („Materia Medica Homoeopathica“) wurden vor 223 Jahren von Samuel Hah­nemann entwickelt. Seine Lehre beinhaltete dabei zwei wesentliche Lehrsätze

  1. Krankheiten werden durch Medikamente geheilt, die ähnli­che Symptome hervorrufen wie die Krankheit selbst und
  2. die Wirkung der Medikamente wird durch Verdünnen ver­stärkt – Hahnemann nennt dieses Verdünnen übrigens „Potenzie­ren“, das klingt dann ganz so, als wolle er die Wirkung von etwas stei­gern, was in Wirklichkeit verdünnt wird.

Und so können Homöopathen mit Fug und Recht behaupten, dass die Homöopathie nebenwirkungsfrei ist, doch vergessen sie dabei, dass sie nicht nur nebenwirkungsfrei ist, sondern vor allem völlig wirkungs­frei ist. Doch was ist nun mit dem Prinzip der Wirkungsverstärkung durch Verdünnen? Ganz einfach: das ist nicht einfach nur irgendwelcher Quatsch, denn das ist totaler Quatsch! Wenn nicht sogar Irrsinn, denn eine Substanz, die aus einer Lösung entfernt worden ist, kann nicht mehr wirken, weil sie nicht mehr vorhanden ist. Bei Verdünnungen von C200 bedeutet das C, dass jede Ver­dünnung im Verhältnis 1:100 durchgeführt und das noch 200 mal wiederholt wird. Das Ergebnis ist eine Verdünnung im Verhältnis 1:10400 (10 hoch 400). Eine 1 mit 400 Nullen. Im ganzen Universum gibt es aber leider „nur“ 1080 Atome, eine Eins mit 80 Nullen), und das bedeutet, dass man diese Verdünnung nicht einmal im gesamten Universum bewerkstelligen kann, man benötigt dazu sage und schreibe mehr als 10.000 Universen, da kann man also nur hoffen, dass die umwerfende Wirkung eines Molekülchens zumindest in unserem Universum geblie­ben ist! Und je höher die Verdünnung desto teurer wird der Stuss, denn ein Apotheker weiß genau, dass man mit Scharlatanerie noch mehr Geld verdienen kann als mit der Pharmaindustrie.

Mit potenzierter Vorliebe werden immer wieder scheinbar unwiderlegbare Argumente zur Erklärung herange­zogen und selbst die Quantenphysik wird bemüht. Warum? Na, ganz einfach deshalb, weil sie ohnehin kaum jemand versteht. So kann man bei schlichten Gemütern Eindruck schinden. Allein das Wort „Heisenbergsche Unschärferelation“ verrät doch, dass es da noch etwas völ­lig Unerklärliches geben muss, das dringend relati­viert gehört. Als Homöopath klammert man sich daran in der Hoffnung, wenigstens an dieser Stelle nicht widerlegt werden zu können. Dummerweise hat die Quantenphysik unsere Welt aber viel ver­ständlicher gemacht, als sie es jemals zuvor war. Diese ach-so-unscharfe Quantenwelt hat uns beispielsweise die Atomuhr beschert, die genaueste Uhr der Welt.

Wie wollen Homöopathen eigentlich nachweisen, ob ein homöopathisches Mittelchen „echt“ ist und nicht etwa von einem „ungläubigen“ Apotheker „gefälscht“ wurde (in­dem er einfach das Arzneifläschchen am Wasserhahn auffüllt) oder Brotteig mit Zucker zu Kügelchen formt? Nun, genauso einfach fällt der wissenschaftliche Nachweis, dass Weihwasser geweiht ist oder zumindest die Zahnfee existiert, wenn es schon keine germanischen Götter mehr gibt.

Aber auch da haben Homöopathen im wahrsten Sinne des Wortes wie immer und für alles eine Lösung parat. In ihre Mittel­chen und Lösungen werden nämlich, man höre und staune, Informationen übertragen. Und zwar nicht durch die Tagesschau, sondern durch sanftes Schütteln und Stoßen des Mittelchens, am liebsten bei Vollmond und natürlich gegen den Uhr­zeigersinn gedreht. Denn alles, was der Ho­möopath gut findet, kopiert sich ins Wasser! Ist das klar? Das isso und das mussmanwissen! Und alles, was er schlecht fin­det, bleibt natürlich draußen, und zwar von Natur aus und ganz freiwillig! Und dieses Leitungswasser wird dann auf Kügelchen aus Teig und Zucker gesprüht. Globuli helfen also auf jeden Fall, allerdings nur bei der Kariesentstehung, beim Anheben des Zuckerspiegels und beim Heißhunger auf Süßigkeiten. Noch irgend­welche Fragen?

Das sektenhafte System der Homöopathie ist durchaus beeindruckend, und man kann am geistigen Überbau der Homöopathie bezüglich hysterischen Massenwahns durchaus noch etwas lernen. Es gibt einen Gott (Hahnemann) und seine Jünger, die jedes Wort von ihm nachbeten. Die Homö­opathie hat eine eigene Terminologie geschaffen, eine Heilige Schrift, und das mit Begriffen, die in der naturwis­senschaftlichen Welt nicht vorkommen oder dort völlig anders – wie das berühmt-berüchtigte Potenzieren – interpretiert und verstanden werden.

Und der Lieblingsbegriff ist natürlich „Ganzheitlichkeit“! Wunderbar! Das klingt besonders gut … so nach ganz und gar eben. Endlich eine Lehre, die mich als Patienten mal so richtig ganzheitlich sieht und nicht nur stückweise oder gar organweise! Natürlich kann der Homöopath nicht alle Symptome berück­sichtigen: Niemand kann ja alle Informationen aus dem Körper eines Patienten kennen. Deshalb gibt es wich­tige und unwichtige Symptome mit eingebauter Erfolgsgaran­tie. Wird der Patient nämlich nach der Therapie gesund (das soll ja vorkommen, denn jeder Körper wehrt sich von Natur aus mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft gegen jede Krankheit), dann hat der Homöopath offenbar alle wichti­gen Informationen gesammelt. Wird der Patient jedoch nicht gesund, dann sind ihm, dem Wunderheiler, wichtige Informatio­nen vorenthalten wor­den! Oder sie wurden verschleiert. Jeden­falls ist im Falle eines Misserfolges die Homöopathie immer unschuldig. Am häufigsten ist natürlich die böse Schulmedizin schuld, die ganz beiläufig in den letzten Jahrzehnten dafür gesorgt hat, dass die Menschen so alt werden wie nie zuvor.

Alle Erfolge gehen allein auf das Konto der Homöopathie, alle Misserfolge liegen außerhalb der Homöopathie begründet. Der Misserfolg allein ist den Sektenmitgliedern schon Beweis genug, dass die Homöopathie falsch angewendet wurde. Was allerdings genau wich­tig ist und was unwichtig ist, stellt sich prak­tischerweise erst nach der Therapie her­aus … Nun gibt es ja durchaus, nennen wir sie mal „verantwortungsbewusste“ Homöopathen. Diese überwei­sen ihre Patienten an die wissenschaftliche Medizin (also an die sogenannte „Schulmedizin“ – die zwar in Wirklichkeit eine Hochschulmedizin ist, wohingegen die Homöopathie nicht einmal für die Vorschule taugt). Eine über verwandtschaftliche Ecken mit mir verwandte Homöopathin schickt ihre beiden Kin­der schon beim kleinsten Husten generell zum Arzt, wenngleich die Kinder wegen der Selbstheilungskräfte des Körpers auch ohne jede Behandlung gesund werden würden, aber woher soll eine Homöopathin das auch wissen? Das funk­tioniert natürlich auch in der Tiermedizin, denn die Placebowirkung – sprich die Selbstheilungskraft des Körpers – ist bei Tie­ren logischerweise genauso ausgeprägt und nachgewiesen wie beim Menschen.

Leider treten keinerlei Erfolge in der Homöopathie ein, wenn nach naturwissenschaftlichen Qua­litätskriterien eine sogenannte „Doppelblind-Studie“ durch­geführt wird. Solche Studien werden von Homöopathen nämlich strikt abgelehnt, da sie dem „Wesen der Homöopathie“ nicht gerecht würden. Nein, man muss schon den Homöopathen selbst überlassen, wie sie ihre Erfolge nachweisen wollen. Sie behaupten zwar, die Erfol­ge der Homöopathie seien unbestreitbar, doch vor allem sind sie eins: unbeweisbar. Am Ende landen all die, bei denen die Selbstheilungskräfte nicht zur Genesung ausreichten, beim Arzt, und das dank der Krankheitsverschleppung in einem weit schlimmeren Zustand als vor der ach so ganzheitlichen homöopathischen Behandlung. Wie hoch sind eigentlich die Behandlungskosten nach einer Krankheitsverschleppung und der „Erstverschlimme­rung“ dank der Homöo­pathie? Wie viele bedauernswerte Menschen bezahlen ihren Glauben an Scharlatane mit dem Tod?

Schaut man genauer hin sieht man eine Gruppe von Gläubigen, die sich um eine Heilslehre versammelt hat, die ihre eigene Sprache verwendet, selbstgemachte Regeln aufstellt und sich vor allem gegenüber außenstehen­den Kritikern abschottet. Das klingt nach einer Religion und ist auch eine. So etwas nennt man schlicht und ergreifend eine Sekte und damit kann man bekanntlich sehr viel Geld verdienen, ohne dass jemand kritische Fragen stellt.

Und gegen Dummheit und Homöopathie hilft bekanntlich keine Medizin.

Eine schöne Woche wünscht euch Kalla with a K.

Kalla Wefelhttps://kallawefel.info/
Kalla Wefel saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär. Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Seit über vierzig Jahren arbeitet er professionell als Kabarettist, Musiker, Journalist und Autor.


 

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