Guten Abend,

ich liebe Brücken! Ganz wunderbar finde ich zum Beispiel die Europabrücke, die über den Brennerpass zwischen Österreich und Italien führt. Oder die Fehmarnsundbrücke, über die es zur Fähre nach Dänemark geht. Von der wunderschönen Köhlbrandbrücke im Hamburger Hafen ganz zu schweigen. Selbst in Osnabrück gibt es ein paar Brücken, die mir gut gefallen. Die Schellenbergbrücke gehört dazu, weil man auf ihr so schön Fernweh bekommt, wenn man die endlosen Schienenstränge betrachtet, die sich irgendwann am Horizont verlieren. Oder die Angers-Brücke, die kleine Brücke über die Hase am nördlichen Ende der Hasestraße. Sie verbindet das Hasetor mit der Innenstadt und ist mindestens so alt wie ich. Ich werde immer ganz demütig und sentimental, wenn ich über diese ehrwürdige Brücke gehe. Brücken sind meiner Ansicht nach generell eine gute Sache. Sie verbinden Menschen, Städte, Länder und manchmal sogar ganze Kontinente miteinander. Die sehr imposante Galatabrücke in Istanbul ist das Verbindungsglied zwischen Europa und Asien, vielleicht sollte der türkische Staatspräsident mal über ihre Symbolik nachdenken.

Es gibt aber auch Problembrücken. Hier in Osnabrück gehört die alte Eisenbahnbrücke, die über die Hamburger Straße führt, dazu. Problembrücken machen meistens nichts als Ärger, obwohl sie eigentlich gar nichts dafür können. Am Ärger sind in der Regel die Menschen schuld. Die Brücken haben viele Jahre treu ihren Dienst verrichtet, aber irgendwann werden sie natürlich altersschwach und marode. Und dann geht der Ärger los. Denn Brücken scheinen irgendwie immer auch ein Politikum zu sein. Die alte Osnabrücker Eisenbahnbrücke an der Hamburger Straße macht da keine Ausnahme und eignet sich wohl ganz besonders dazu, für richtig Ärger und Streit zu sorgen.
Scheinbar gibt es nur noch zwei Optionen: Das benötigte Grundstück enteignen oder auf ganz besonders teure Art und Weise in einem Spezialverfahren auf dem vorhandenen Grundstück neu zu bauen. Weil nach jahrelanger Streiterei die Zeit knapp und alte Brücke immer maroder wird, soll nun der kostspielige Sonderweg versucht werden – Geld ist in der Stadtkasse ja reichlich vorhanden. Auf die Idee sich mal ohne Scheuklappen an einen Tisch zu setzen und wie erwachsene Leute miteinander zu reden, kommen die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung nicht.
Es paßt ihnen dabei ganz gut ins Weltbild, daß die Eigentümer des begehrten Grundstücks in ihren Augen ideologisch nicht ganz astrein sind. Immerhin gehören sie einer evangelischen Freikirche an und haben so ihre Probleme mit Homosexualität. Sie haben sich mit freien Künstlergruppen über die Nutzungsrechte für in ihrem Eigentum befindliche Gebäude gestritten und schließlich ist einer ihrer Vertreter sogar für die „Partei Bibeltreuer Christen“ als Kandidat zur Landtagswahl angetreten. Mit einem mehr als gewagten Haarschnitt, wie auf zahlreichen Wahlplakaten zu bestaunen war. Diese Punkte sind für die Verhandlungsführer der Stadt Osnabrück offenbar Grund genug, alle Brücken zwischen den beteiligten Parteien abzubrechen und Gräben aufzureißen, die mittlerweile unüberwindbar scheinen und eine für beide Seiten gesichtswahrende Lösung des Problems unmöglich machen. Die Claquere sorgen in breitem Einvernehmen dafür, daß jedermann schnell klar wird, wer in diesem Konflikt die Guten und wer die Bösen sind. Mit einer Schärfe und Polemik, die in ihrer Unerbittlichkeit nur noch von Meinungsäußerungen und Berichten zur Flüchtlingskrise überboten wird, schießt man gegen eine christliche Religionsgemeinschaft, die sich objektiv betrachtet kaum etwas hat zuschulden kommen lassen. Einigen Meinungsführern in Osnabrück paßt offensichtlich die ganze Richtung nicht: das christliche Getue, der Plan, eine große Kirche auf dem Gelände zu errichten, die konservative Grundeinstellung der Kirchenoberen. Nun haben wir bei uns in Deutschland ja zum Glück so etwas wie das Recht auf freie Meinung und Äußerung derselben. So etwas gilt natürlich sowohl für konservative Anhänger einer christlichen Freikirche wie auch für ideologisch sattelfeste innovationsfreudige Verwaltungsbeamte und Politiker, die am liebsten alles und jeden, der ihrem Weltbild nicht entspricht, in die Wüste schicken würden (und damit ist kein Osnabrücker Stadtteil gemeint). Eine vernünftige Lösung für die alte Eisenbahnbrücke an der Hamburger Straße bleibt bei diesem ganzen Hickhack natürlich im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke. Deshalb widmet man sich beim Bauamt im Moment lieber neuen Projekten wie zum Beispiel der Umwidmung der Bramscher Straße in eine Fahrradstraße mit Busverkehr. Oder, ganz aktuell, der Lahmlegung der Martinistraße, weil dort ein paar unverbesserliche Raser eine Fahrradfahrerin schwer verletzt haben (wobei trotz aller berechtigten Kritik die Schuldfrage geklärt werden sollte, bevor man wieder mal alle Autofahrer über einen Kamm schert!). Aber in der mittlerweile doch sehr aufgeheizten öffentlichen Diskussion in Osnabrück ist für Differenzierungen kein Platz mehr.

Ich bedauere diese Entwicklung außerordentlich. Differenzierungen können wichtige Brücken sein, die ganz unterschiedliche Parteien verbinden, die Meinungen und Menschen zusammenführen und oft für das schwierigste Problem zu einer Lösung führen. Ich habe manchmal den Eindruck, daß im Fall der besagten Problembrücke von Seiten der Stadt Osnabrück gar keine Lösung mehr gewünscht wird. Es scheint den Verantwortlichen besser zu gefallen, den „Schwarzen Peter“ elegant an die böse Freikirche weiterreichen zu dürfen, statt Wege zu suchen, die den Bürgern unserer Stadt wirklich weiterhelfen würden. Es sind wohl zu viele persönliche Gefühle verletzt worden in diesem mittlerweile ja auch schon einige Zeit andauernden Streit. Das hätte vermieden werden können, wenn rechtzeitig Brücken zwischen den Beteiligten gebaut worden wären, auf denen man sich aufeinander hätte zubewegen können. Aber dafür fehlt dem Osnabrücker Bauamt das nötige Fingerspitzengefühl. Man läßt es lieber so richtig schön medienwirksam krachen. Der menschliche Faktor, das Verständnis für die Position des anderen bleibt mal wieder außen vor. Die Zeche begleicht am Ende, wie so oft, der Steuerzahler. Und natürlich die Osnabrücker Autofahrer, die auf eine neue Brücke an der Hamburger Straße wohl noch lange werden warten müssen.


Ich wünsche allen Hasepost-Lesern ein Wochenende, an dem es nichts zu kritisieren gibt.

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Ihr

Justus Möser

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