Kommentar Der VfL verliert klammheimlich 2:0 in Leipzig

Der VfL verliert klammheimlich 2:0 in Leipzig

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Gestern fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit in Leipzig ein Testspiel gegen den Bundesliga-Spitzenreiter RB Leipzig statt, das offenbar 2:0 für die Gastgeber endete. Der Platz war durch Sicherheitspersonal komplett abgeschottet worden, selbst die Presse war nicht zugelassen. Diese Geheimniskrämerei hat, gelinde gesagt, zumindest etwas sehr Skurriles an sich. Ob die Spieler Masken getragen haben, konnte noch nicht ermittelt werden.

Ein Kommentar von Kalla Wefel mit anschließender Stellungnahme der Violet Crew

Der VfL war auf Kosten von RBL zu dem Spiel mit einer Chartermaschine vom FMO nach Leipzig hin- und zurückgeflogen, offenbar in der Absicht, seinen ganz eigenwilligen Beitrag zur CO2-Bilanz von Sports For Future  zu leisten, denn Red Bull verleiht nun mal Flügel und damit kann man sich nicht einfach in den Zug setzen.

Da sich die Beliebtheit von RB Leipzig bundesweit doch arg in Grenzen hält, findet dieses Mateschitz-Projekt aufgrund zu befürchtender Fanproteste schon seit Jahren in Deutschland kaum noch Gegner für Freundschaftsspiele. Mit dem VfL scheint nun ein neuer Sparringspartner gefunden oder, besser gesagt, zu Boden gegangen zu sein.
Die prägnanteste und sehr lesenswerte Stellungnahme aus der Fanszene kam dazu von der Violet Crew, die unter der Losung “Unsere Werte sind nicht verhandelbar” im Anschluss an diesen Kommentar nachzulesen ist!

Da man sich in Osnabrück so gerne über sinnlose Baustellen aufregt, stellt sich darüber hinaus die Frage, warum der VfL neben diesem Leipziger Allerlei morgen ohne jede Not ein Trainingslager beim Despoten und Kriegstreiber Erdogan in der Türkei bezieht – bis auf die SpVgg Fürth ist übrigens kein anderer Bundesliga-Club auf diese befremdliche Idee gekommen. Allein am gemeinsamen “ü” dieser beiden Clubs mit der Türkei kann es ja nicht liegen. Und es stellt sich die Frage, wie viel Tyrannei pro Trainingslager gestattet ist und wie viel Folter es denn sein darf?

Aber was zählen noch moralische oder gar demokratische Werte im Fußball, solange der Klassenprimus Bayern München mit seinem alljährlichen Auftreten in Katar die Menschenrechte unbeanstandet für Wochen auf Eis legt, und das mitten in der Wüste?

Stellungnahme der Violet Crew:

“Am heutigen Samstag, den 11.01.2020 wird unser VfL ein Testspiel gegen RB Leipzig bestreiten. Wir lehnen solch eine freiwillige Kooperation mit dem Konstrukt RB Leipzig ab und fordern alle Verantwortlichen beim VfL auf, die Werte des Vereins auch im Tagesgeschäft zu leben.

Gekauft, verheimlicht und in Widerspruch zum Leitspruch „Tradition lebt von Erinnerung“ hat der VfL sich entschieden, einem Testspiel gegen RB Leipzig zuzustimmen. So nachvollziehbar der Reiz eines Tests gegen den Tabellenführer der Bundesliga sein mag, so gut das Verhältnis zwischen unserem Cheftrainer und Julian Nagelsmann sein mag und so willkommen die Gelegenheit sein mag, die Kosten für dieses Spiel erstattet zu bekommen, so wenig deckt sich diese Entscheidung mit den Werten, für die der VfL stehen möchte. Von einem Julius-Hirsch-Preisträger erwarten nicht nur wir aus der aktiven Fanszene, dass sich nachhaltiges Engagement für eine positive und bunte Fußballkultur nicht auf Lippenbekenntnisse beschränkt.

Dietrich Mateschitz, der Red Bull Gründer und Geldgeber, gibt Faschisten der „identitären Bewegung“ Raum, ihre menschenverachtenden Ideologien über seine Kanäle zu verbreiten. Er ist schon häufiger durch rechtspopulistische Äußerungen aufgefallen. Das allein wäre Grund genug, Konstrukte, die durch Red Bull gestützt werden, zu boykottieren, erst recht, wenn man sich selbst „gegen Rechts“ auf die Brust schreibt. Dazu kommt der sportliche Aspekt.

Red Bull betreibt mit seiner „Stützpunktpolitik“ massive Wettbewerbsverzerrung, schachert sich Spieler zwischen den Clubs, die eigentlich in Konkurrenz zueinander stehen sollten, hin und her und tritt FairPlay mit Füßen. Im Gegensatz zu vielen anderen kritikwürdigen und fragwürdigen „Vereinen“ der Bundesliga ist RB Leipzig ein Werbeträger, der Fußball allein als Marketinginstrument missbraucht und sich kein Stück um 50+1 schert. Folgerichtig sind Mitbestimmung und Fußballkultur, die über das Spieltagserlebnis hinausgeht, dort Fehlanzeige.

Soweit die nüchternen Fakten. Schlimmer noch hat uns negativ beeindruckt, dass man sich beim VfL über die Problematik, wenigstens in Bezug zur hiesigen Fanszene, offenbar bewusst war und deshalb der Geheimhaltung durch Leipzig zustimmte, anstatt den Test offensiv zu kommunizieren. Wohl im Wissen um die Ablehnung im Umfeld des Vereins. Diese Art der Entscheidungsfindung und Umgehung eines kritischen Diskurses betrachten wir als unwürdig für einen Verein, der oft genug das „Wir“ beschwört.

Wie wenig die politischen Werte für das Tagesgeschäft relevant zu sein scheinen, hat nicht auch zuletzt die Entscheidung gezeigt, in der Türkei ein Trainingslager zu bestreiten – ein Land, für das aktive Reisewarnungen bestehen. Es hätte dem VfL gut zu Gesicht gestanden, hier eigene Akzente zu setzen, anstatt nur Listenpreise zu vergleichen und Fragen der Demokratie und Meinungsfreiheit vollends auszublenden.

Auf lange Sicht kommen dem VfL diese kurzsichtigen Entscheidungen teurer zu stehen, denn Glaubwürdigkeit ist unbezahlbar. Wir fordern alle Verantwortlichen beim VfL auf, die Werte unseres Vereins zu leben und in die operativen Entscheidungen miteinfließen zu lassen! Keine freiwillige Zusammenarbeit mit RB Leipzig!”

 

 


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Kalla Wefelhttps://kallawefel.info/
Kalla Wefel saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär. Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Seit über vierzig Jahren arbeitet er professionell als Kabarettist, Musiker, Journalist und Autor.

 

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