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Sonntag, Dezember 15, 2019


Bremer Brücke Black Friday für den HSV: Der VfL mit einem...

Black Friday für den HSV: Der VfL mit einem grandiosen Sieg gegen den Erstligaabsteiger

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Der HSV kann seit dem Mauerfall in Osnabrück nur noch verlieren.

In einem turbulenten, stets spannenden und in einem der denkwürdigsten Spiele, das die Bremer Brücke je gesehen hat, erlebte der HSV seinen „Black Friday“ und der VfL einen seiner „Fridays for Future“. Und das Publikum feiert immer noch, denn „gegen Osna kann man mal verlieren!“

Tatsächlich fand heute nach 57 Jahren das erste gemeinsame Punktspiel der beiden ersten Mannschaften seit dem 16.12.1962 statt, das der VfL damals zu Hause 1:3 verloren hatte. Dass der Autor dieser Zeilen an jenem Tag als aktiver Spieler auf dem Rasen der Kampfbahn Bremer Brücke teilgenommen hat, wird in den Halbzeitgedanken erklärt.

Vor dem Spiel

Nach der großartigen Leistung beim 1:1 in Bochum war der VfL bereits seit fünf Spielen hintereinander ungeschlagen, wobei neben vier Unentschieden der einzige Dreier ausgerechnet gegen Bundesligaabsteiger VfB Stuttgart geholt wurde.
Laut Kickerformtabelle war der VfL mal wieder Favorit: der Zweite gegen den Vierten (HSV), was sich nach dem Spiel bestätigte, auch wenn tatsächlich der Elfte gegen den Tabellenführer aus Hamburg antrat. Beide Teams trennten vor dem Spiel sage und schreibe zwölf Punkte, nach dem Spiel nur noch neun, und der VfL verfügt nun wieder allein über die beste Abwehr der Liga.
Das Stadion war schon seit Wochen ausverkauft. Bis auf die Sitzplatztribünen waren die West- und Ostkurve samt Affenfelsen bereits eine gute halbe Stunde vor Anpfiff bis zum Anschlag gefüllt.

Beginn

Gegenüber der Aufstellung beim VfL Bochum standen van Aken und Blacha für Köhler und Granatowski in der Startelf.
Beide Teams begannen verhaltener als der Anhang, der auf beiden Seiten für einen gehörigen Lärmpegel sorgte, wobei der VfL zunächst die Initiative auf dem Feld übernahm. Einen Freistoß von Kittel (8.) kann Kühn in gewohnt souveräner Manier zur Ecke abwehren. Der HSV kam nun etwas besser ins Spiel, doch ließ sich der VfL nicht beirren.
In der 17. Minute trifft Fein den Ball in aussichtsreicher Position nicht richtig und sein verunglückter Schuss bedeutet für Kühn kein Problem.

Khaled Narey (HSV) im Zweikampf gegen Felix Agu, Foto: imago images / osnapix
Khaled Narey (HSV) im Zweikampf gegen Felix Agu, Foto: imago images / osnapix

Der HSV wurde stärker … der VfL wurde aber noch stärker …

Fast das 1:0 für den HSV. Leibold spielt Harnik frei, dessen geschlenzter Ball knallt gegen den linken Pfosten. Der VfL geriet nun zusehends unter Druck und die spielerische Überlegenheit der Hamburger trat etwas deutlicher zutage, doch noch hielt die VfL-Abwehr stand.
Nach einer guten halben Stunde endlich wieder ein verheißungsvoller VfL-Angriff: Schmidt wird vor dem Sechzehner angespielt und zieht ab, Heuer Hernandes kann klären.
Kurz darauf tanzt der überragende Niklas Schmidt die gesamte HSV-Abwehr aus und versenkt den Ball unter Heuer Fernandes hindurch zum 1:0. Man fühlte sich an das betörende 2:0 erinnert, das Ansgar Brinkmann 2001 bei St. Pauli erzielt hatte.
Die Brücke wurde zum Tollhaus.
Einen Schuss von Narey in der 42. Minute klärt der grandiose Kühn und das Stadion dankt es ihm mit „Kühn, Kühn, Kühn!“-Rufen. Zwei Minuten später zieht Schmidt erneut aus 18 Metern ab, der Ball streift knapp am linken Pfosten vorbei.
Dann das unfassbare 2:0 für den VfL! Der von Ajdini hervorragend angespielte Álvarez setzt sich auf dem rechten Flügel durch und flankt in den Strafraum. Agu köpft den Ball in die Mitte des Torraums, dort steht Blacha wie bestellt und kann den Ball ebenfalls per Kopf über die Linie drücken.
Nun wurde aus dem „Tollhaus“, wie es einst mein Kumpel Sven-Oliver Petersen beschrieb, ein „Tollerhaus“. Solche Spiele, solch eine Stimmung gibt es nur an der Brücke.

Halbzeitfazit:

Nach ausgeglichenem Beginn übernahmen zunächst die Hamburger die Regie und waren dem 1:0 näher als der VfL. Dann brachten eine typische Einzelaktion von Niklas Schmidt und ein prima ausgespielter Angriff des VfL die in dieser Höhe etwas glückliche, aber nicht einmal unverdiente 2:0-Führung.

Halbzeitgedanken:

Den HSV gibt es mitsamt seinen Vorgängervereinen seit 1887. Der HSV hat heute fast 90.000 Mitglieder und die Stadt etwa 1.850.000 Einwohner, davon gehören knapp 45% einer Glaubensgemeinschaft an, über 55% leben selbstbestimmt und glauben lieber an sich selbst.
War Hamburg früher eine schier uneinnehmbare SPD-Hochburg, so stellte von 2001 bis 2011 die CDU den Ersten Bürgermeister, obwohl nur 10% der Hamburger Bevölkerung katholisch ist. Seit März 2011 ist die SPD wieder am Ruder und bildet mit den Grünen die Regierung. 93,9% wählten 2015 demokratische Parteien und 6,1% die AfD in die Hamburger Bürgerschaft.

Abwegige Halbzeitgedanken:

Am 16.12.1962 fand das letzte gemeinsame Punktspiel beider Clubs statt. Ich war vor 57 Jahren elf Jahre alt und durfte mit der VfL-Knabenmannschaft das Vorspiel bestreiten. Es gibt Dinge, die vergisst man in seinem Leben nicht, dazu gehört dieses Spiel aus zwei Gründen:
1. Unser Betreuer mischte die 1. und 2. Knaben, wobei er nur Thorsten und mich als Stammspieler der ersten Mannschaft in Team 2 steckte, schließlich spielte sein Sohn Dieter in Team 1 und sollte unbedingt gewinnen. Thorsten und ich, wir sehen uns heute noch hin und wieder auf der Nord, waren stinksauer, kämpften wie die Berserker und gewannen als  vermeintliche Außenseiter mit 2:1. Was für ein Triumph!
2. Das Tollste daran war, als wir den Rasen verließen, beglückwünschte uns Uwe Seeler per Handschlag, aber eben nur uns, die Sieger … was für eine Genugtuung, denn ohne Skandale keine Triumphe!

Gar nicht mal so abwegige Halbzeitgedanken:

„Uwe, Uwe, Uwe!“
Uwe war damals mein Held. Meine ersten, viel zu großen Adidas-Fußballschuhe trugen noch den Schriftzug von Fritz Walter, doch danach nur noch den von Uwe Seeler.
„Uwe, Uwe, Uwe!“, schallte es durch alle deutschen Stadien und die einheimischen riefen den Namen mit den Hamburger Fans zusammen, denn nie wieder war ein Fußballspieler über alle Vereinsgrenzen hinweg so beliebt wie er.
Er war das Symbol für Vereinstreue – so schlug er ein 1,2-Millionen-Angebot von Inter Mailand ab, eine damals unvorstellbar hohe Summe. Er stand für bedingungslosen Einsatz, aber auch für Spielwitz und unwiderstehlichen Tordrang. Er verkörperte wie kein anderer Bodenständigkeit, Ehrlichkeit, Bescheidenheit und die Liebe zu seinem Sport.
Ich behaupte, wer Uwe Seeler nicht mag, mag keinen Fußball. Ich mag Uwe Seeler.

Noch mehr gar nicht mal so abwegige Halbzeitgedanken:

Da ich 31 Jahre in Hamburg gelebt habe, fallen mir viel zu viele abwegige Halbzeitgedanken ein. Andererseits spielt der VfL in den nächsten Jahren vermutlich noch etliche Male gegen Hamburger Mannschaften, also bedarf es keiner Eile.
Heute konzentriere ich mich weiter auf die Familie Seeler, denn etwa 25 Jahre, nachdem Uwe Seeler uns Jungs gratuliert hatte, lernte ich seinen Vater Erwin kennen, der schon vor seinen Söhnen Uwe und Dieter eine Hamburger Fußball-Legende war.
Während meiner Studentenzeit und auch danach fuhr ich in Hamburg Taxe. Eines Tages wurde ich in den „HSV-Bierbrunnen“ bestellt. Das Lokal lag an der Ecke Rothenbaumchaussee/Hallerstraße und befand sich in meinem Hauptjagdgebiet. Als ich dort „Old Erwin“ zum ersten Mal abholte, erkannte ich ihn nur daran, dass mir die Frau mit dem Hinweis „Hier hast ’nen Zehner, Dschunge. Dahinten sitzt der alte Seeler, der Olle von Uwe. Fahr ihn mal in die Bismarckstraße 104.“ Dann wandte sie sich von mir ab und rief: „Erwin! Taxe!“
Die Tour selbst lohnte sich zwar nicht, aber die zum Teil sehr traurig-lustigen Gespräche mit Erwin waren ohnehin mit Geld nicht zu bezahlen. Ich wurde sein Stammfahrer.

Der HSV wechselt gleich zweimal zur Halbzeit

Während Daniel Thioune keinen Grund für einen Wechsel sah, brachte Dieter Hecking Kinsomni für Moritz und Jairo für Wood.
Nach zögerlichem Beginn versuchte der HSV den VfL zunächst vor dem Sechzehner einzuschnüren. Der gewohnt glänzend aufgelegte Kühn lenkte eine Granate von Jairo um den Pfosten. Dann in der 64. Minute dennoch das 2:1 – Kittel wird von Fein am Sechzehner angespielt und hat keine Mühe, den Ball links im Tor unhaltbar zu versenken.

David Blacha und Martin Harnik (HSV), Foto: imago images / foto2press
David Blacha und Martin Harnik (HSV), Foto: imago images / foto2press

Der HSV übernahm zwar das Kommando, doch der VfL stand auf der Brücke

Das Publikum erkannte den Ernst der Lage und feuerte den VfL nun mit stehenden Ovationen praktisch ununterbrochen an.
In der 75. Minute dann ein heilloses Durcheinander vor dem Hamburger Tor und fast das 3:1. Jede erfolgreiche Balleroberung, jede geglückte Verteidigungsaktion wurde jetzt von den Fans frenetisch bejubelt. Der HSV war zwar stets gefährlich, doch schien der VfL in der Schlussphase, die nun zu einem offenen Schlagabtausch wurde, einem Tor näher zu sein als der Bundesligabsteiger.
Und immer wieder „Kühn, Kühn, Kühn!“
In der 89. Minute wieder eine Riesenchance für den VfL, doch Heuer Fernandes klärt Heiders Schuss aus kurzer Distanz mit einem irren Reflex. Die letzten Minuten schrie das Publikum den VfL zum verdienten Erfolg.

Fazit

Eine aufopferungsvoll kämpfende und auch spielerisch enorm starke VfL-Mannschaft ließ sich nach dem Anschlusstreffer des HSV nicht beirren und hielt in einer unfassbar spannenden Partie bis zum Schlusspfiff das verdiente 2:1 und war dank ihrer offensiven Verteidigung einem 3:1 immer näher als der HSV einem 2:2.
Es ist schon fast zur Gewohnheit geworden, Kühn als Spieler des Tages zu bezeichnen, doch dieses Mal war die ganze Mannschaft „Spieler des Tages“!
Der VfL ist nun seit sage und schreibe sechs Spielen ungeschlagen (und die Statistik ist in der Hektik plötzlich verschwunden, wird aber nachgereicht).
Ich muss mich jetzt erst einmal sammeln und bleibe noch – wie alle Osnabrücker Zuschauer – ein wenig im Stadion. Einfach so, um diesen wunderbaren Abend zu genießen, den uns niemand mehr nehmen kann.
Und wer nicht dabei war, dem kann ich nur „gut zufrieden“ auf Osnabrückisch zurufen: „Selbst inne schuld“

Zahlen, Daten & Fakten

Zuschauer: 15.800, davon etwa 1.600 aus Hamburg.
Tore:
1:0 Schmidt (37.)
2:0 Blacha (45. + 2)
2:1 Kittel (64.)

VfL Osnabrück: Kühn – Ajdini, Heyer, van Aken, Agu – Taffertshofer, Susac, Schmidt (72. Köhler), Blacha – Amenyido (56. Heider), Álvarez (92. Henning)
Trainer: Daniel Thioune

Hamburger SV: Heuer Fernandes – Narey, Jung, van Drongelen (78. Ewerton), Leibold – Dudziak, Fein, Moritz (46. Kinsombi) – Harnik, Wood (46. Jairo), Kittel
Trainer: Dieter Hecking

Schiedsrichter: Tobias Reichel

Gelbe Karten:
Leibold (62.)
Álvarez (69.)

Statistik
(nur Partien gegen die jeweils 1. Mannschaft des HSV):
13.08.2017 VfL : HSV 3:1 DFB-Pokal/1. Runde
23.09.2009 VfL : HSV 4:2 n.E. DFB-Pokal/2. Runde
25.09.1988 VfL : HSV 0:1 DFB-Pokal/2. Runde
16.12.1962 VfL : HSV 1:3 Oberliga Nord
28.10.1962 HSV : VfL 3:1 Oberliga Nord
04.03.1962 VfL : HSV 0:1 Oberliga Nord
19.11.1961 HSV : VfL 2:0 Oberliga Nord
30.04.1961 HSV : VfL 0:2 Oberliga Nord / geschenktes Spiel
06.11.1960 VfL : HSV 0:2 Oberliga Nord
10.04.1950 VfL : HSV 3:3 Oberliga Nord
18.12.1949 HSV : VfL 5:1 Oberliga Nord
18.04.1948 HSV : VfL 3:0 Oberliga Nord
05.10.1947 VfL : HSV 1:1 Oberliga Nord

Die aktuelle Tabelle:

 

 

Kalla Wefelhttps://kallawefel.info/
Kalla Wefel saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär. Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Seit über vierzig Jahren arbeitet er professionell als Kabarettist, Musiker, Journalist und Autor.

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