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Sonntag, Dezember 15, 2019


Bremer Brücke Der HSV kommt - na und? Der Erlebnisbericht eines...

Der HSV kommt – na und? Der Erlebnisbericht eines HSV-Fans nach der Pokalniederlage 2009

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Vor zehn Jahren erzählte der mit unserem Autor Kalla Wefel befreundete HSV-Fan Sven-Oliver Petersen von seinen Erlebnissen rund um das an Dramatik kaum zu überbietende Pokalspiel am 23.09.2009 an der Bremer Brücke.
Die Geschichte aus dem Buch „Mein Vau-Eff-Ell!“ ist ein echtes Lesevergnügen.

Und wo geht’s hier nach Osnabrück?
Hätte man mich vor dem 23.09.2009 auf Osnabrück angesprochen, wäre meine Antwort ziemlich abgedroschen ausgefallen. „Kenne ich nur vom Vorbeifahren“ oder „Klar, da geht es doch nach Holland, oder?“.
Immer, wenn wir in den ‚Pott‘ fahren – sei es nach Dortmund oder Gelsenkirchen oder auch mal weiter bis nach Gladbach oder Köln – , nimmt man beiläufig das Autobahnkreuz Lotte/Osnabrück zur Kenntnis und vor allem, dass es dort in Richtung Westen nach Amsterdam geht. Irgendwie war Osnabrück für uns von daher stets eine Abfahrt nach Holland.
Fast alle anderen Strecken in Richtung Süden fährt man von Hamburg aus über die A7. Wie man nach Bremen kommt, wollen wir eigentlich gar nicht so genau wissen.
Wir, das sind die zwei Js – Jan und Jörn –, Fiete und ich. Jan, Jörn und ich kennen uns schon seit der Schulzeit, Fiete stieß als Kumpel von Jan später dazu. Bis auf ihn, der zwei Jahre älter ist als wir, sind wir alle Jahrgang 69 und fahren etwa fünf- bis zehnmal im Jahr zu den Auswärtsspielen unseres HSV. Mit fortschreitendem Alter und wachsender familiärer Verantwortung bevorzugen wir allerdings immer häufiger die kürzeren Fahrten in den norddeutschen Raum.
Natürlich fachsimpeln wir auf diesen Fahrten und übertrumpfen uns gegenseitig mit unserem Fußballwissen. Dass der Fahrer auf solchen Fahrten zumindest seit einigen Jahren meistens am wenigstens weiß, liegt einfach an den bei solchen Gesprächen, die eher einem Fußballquiz gleichen, dann heiß laufenden Smartphones.

Udo Lattek? Was hat der mit dem VfL zu tun?
Als Jan eines Tages auf einer Fahrt behauptete, Udo Lattek habe einst beim VfL Osnabrück gespielt, war das Gelächter zunächst groß, bis uns Google eines Besseren belehrte. Ich wusste zwar von meinem Vater, dass Osnabrück irgendwann einmal lange vor meiner Zeit eine große Nummer gewesen sein musste, aber irgendwie tangierte mich das als Kind überhaupt nicht, zumal der VfL in der Liga, die mich interessierte, einfach nicht stattfand.
Letztendlich war es der 23. April 1980, als ich mich unsterblich in meinen HSV verliebte – sozusagen mein erstes Blinddate, und schuld war mein Vater.
Neben anderen Dingen hatte er mir ein paar Wochen zuvor zum 12. Geburtstag einen Gutschein für eine Eintrittskarte zu einem HSV-Spiel nach freier Wahl geschenkt.
„Glaub mir, Olli, Sportschau ist nichts gegen die Atmosphäre im Volkspark“, hatte er schon einige Tage zuvor zu jeder auch noch so unpassenden Gelegenheit verkündet, um mich schon einmal innerlich auf das Geschenk vorzubereiten.

Real Madrid als HSV-Katalysator
Da kurz darauf Real Madrid nach Hamburg kam, fiel mir die Wahl nicht schwer. Mein Vater verdrehte zwar ob der auf ihn zukommenden Kosten deutlich vernehmbar die Augen, freute sich aber insgeheim, seinem Sohn den HSV endlich etwas näherbringen zu können.
Ich wusste, dass das Hinspiel zwei Wochen zuvor in Madrid 0:2 verloren worden war und sich der HSV gegen diese spanische Übermannschaft mit Cunningham und Stielike und anderen Weltklassespielern, deren Namen Camacho, Benito, Pirri, del Bosque oder Juanito wie exotische Getränkesorten klangen, nur wenig Chancen ausrechnen konnte.
Manni Kaltz, Kevin Keegan und Horst Hrubesch wurden an diesem Tag zu den großen Helden meiner Kindheit. 5:1 besiegte der HSV Real in einem einmaligen Match, das bis heute als das beste HSV-Spiel aller Zeiten in die Vereinsgeschichte eingegangen ist.
Noch Stunden nach dem Spiel war das Stadion voll und Publikum und Mannschaft feierten ausgelassen diesen einmaligen Sieg.
Für mich gab es seither kein Zurück mehr, was den HSV anging, auch ein durchaus gut gemeinter und von langer Hand vorbereiteter feindlicher Übernahmeversuch von zwei befreundeten Sankt-Pauli-Fans scheiterte einige Jahre später kläglich.

Ein total versauter Geburtstag
Und was schenkt man sich nun im fußballaffinen HSV-Freundeskreis zum Geburtstag, wenn man selbst im Erwachsenenalter ist? Richtig: Irgendetwas, das mit dem runden Leder und dem HSV zu tun hat. Durch unsere Dauerkarten beschränken sich diese Geschenke zumeist auf irgendeine Auswärtsfahrt, eventuell noch mit Essengehen und bei runden Geburtstagen sogar mit Hotelübernachtung. Normalerweise nehmen wir Stehplätze, wenn nun aber jemand Geburtstag hat, dann ist Sitzen wortwörtlich für den Arsch, und zwar für alle und nicht nur für den Arsch, der Geburtstag hat.
Die vier Sitzplatzkarten für das Pokalspiel am 23. September 2009 hatten wir schon Wochen vorher besorgt und eine davon dann Fiete am 9. September zu seinem 42. Geburtstag geschenkt. Er wirkte durchaus etwas pikiert. „Auf ‘nem Mittwoch? Und dann noch in Holland? Beginn halb neun … schaffen wir das überhaupt? Na gut, wenigstens erleben wir einen schönen Auswärtssieg.“
Am Tag des Spiels trafen wir sogar ziemlich pünktlich in der Nähe des VfL-Stadions ein, brauchten aber ewig lange, um einen Parkplatz zu finden. Nach langem Herumgekurve mit unserem Golf, wobei wir ständig die Nähe zu den Flutlichtmasten suchten, fanden wir tatsächlich einen freien Parkplatz ganz in der Nähe des Stadions.
Schließlich saßen wir fast eine halbe Stunde vor Anpfiff auf unseren lilafarbenen Sitzen. Viel gesehen von Osnabrück hatten wir bis dahin nicht, genaugenommen bis auf ein paar Häuser eigentlich gar nichts.

Die Bremer Brücke wie einst am Rothenbaum
Na, und nun natürlich dieses Stadion, in dem wir auf dem Weg zu unseren Plätzen einige alte Bekannte, Dauerauswärtsfahrer und Groundhopper aus Hamburg begrüßen konnten.
„Ist hier so ‘n bisschen wie damals am Rothenbaum, Jungs, nur etwas weniger Holz!“, rief uns ein älterer HSV-Fan lachend hinterher.
„Wirklich wie früher am Rothenbaum. Man sitzt hier ja direkt am Spielfeld. Nicht schlecht“, stellte ich fest.
„Irgendwann sind die mal vor ein paar Jahren gegen unsere Zweite mit 10.000 Leuten im Volkspark aufgeschlagen. Stand jedenfalls so gestern in der MoPo“, warf Jörn ein.
„Du spinnst doch.“
„Nein, im Ernst. Die Fankultur muss hier ziemlich heftig sein, aber außer ‘ner Abfahrt nach Amsterdam ham die hier ja auch nichts anderes.“
„10.000 gegen unsere Amas? Ham die überhaupt so viele Einwohner?“
„Wenn man Amsterdam dazurechnet, bestimmt.“
Unsere Lästereien wurden von einem doch ziemlich beeindruckenden Gesang der VfL-Fans unterbrochen, da offenbar alle Einheimischen den Text kannten, die sich zu diesem Anlass sogar von ihren Sitzplätzen wie bei einer Nationalhymne erhoben hatten. Die Störversuche aus unserer Fan-Ecke verpufften rasch, denn gegen die Lautstärke kam man kaum an.
Unser merkwürdiger Sitzgästeblock war von den Osnabrücker Sitzplätzen nicht getrennt.

Déjà-vu auf der Sitztribüne
Nur zwei Meter links neben mir stand ein Mann mit zwei Kindern vor den Sitzschalen, beide um die zehn bis zwölf Jahre alt, die aufgeregt versuchten, die VfL-Hymne mitzusingen. Der Refrain ging immer „Nur für diesen Verein wollen wir kämpfen und schreien“, das hatten die beiden Jungs jedenfalls rasch begriffen. Ob sie heute wohl zum ersten Mal im Stadion waren wie ich damals gegen Real?
Unsere Vierergang hatte sich mittlerweile mit Würstchen, Cola und Mineralwasser gut eingerichtet – Bier ist bei uns komplett tabu, wenn am nächsten Tag ein normaler Arbeitstag ist – und man konnte allen anmerken, dass wir nun doch ein wenig beeindruckt von dieser Stadionperle mitsamt seiner gefälligen Hymne und dem sehr aktiv mitsingenden Publikum waren – auch wenn natürlich nichts über ‚Hamburg, meine Perle‘ geht, wie ich an dieser Stelle anmerken möchte.
Dennoch strahlte das alles schon eine prickelnde Atmosphäre aus, bevor der Ball überhaupt gerollt war. Auch unsere Kurve, neben der wir im rechten Winkel auf einem nach oben hin verkürzten und unüberdachten Stück der Haupttribüne saßen, war rappelvoll und man gab sich redlich Mühe. Schon die allgemeine Stimmung machte einem irgendwie klar, dass das kein Spaziergang werden würde.

Letzte Rituale vor der Pflichtaufgabe 
„Möglichst schnell ein Tor, sonst kann das hier schnell ganz, ganz eng werden. Glaubt mir, die sind in Wirklichkeit zweitklassig, auch wenn die in der dritten Liga spielen.“ Jan wollte uns wohl schon vorzeitig auf den Ernstfall vorbereiten oder uns einfach nur den Tag vermiesen.
„Der Reichenberger hat doch mal bei Frankfurt gespielt, oder?“
„Und der Baumann bei Köln. Der ist aber Trainer.“
Von den Stadionsprechern, die sich im Strafraum vor der Osnabrücker Fankurve aufhielten, bekam man nicht viel mit, aber die beiden Anzeigetafeln waren sehr hilfreich.
„Bis auf den Baumann und diesen Dingensberger da kenne ich von denen auch keinen …“, wandte ich achselzuckend ein.
Prickelnde Atmosphäre auch, als die Mannschaften den Rasen betraten. Flutlicht, feuchte, fast neblige Luft wie zu Hause im Volkspark, nur alles sehr viel kleiner und enger und in der Fankurve der Osnabrücker eine aufwändige Choreographie, die sich über die ganze Kurve hinweg erstreckte und auf der irgendetwas stand, dass der Pokal seine eigenen Gesetze habe. Darüber tauchten ein riesiges Vereinswappen und ein überdimensionierter DFB-Pokal auf. Fleißig, fleißig, die Kiddies von der Hüpfburg, und hübsch ausgesehen hat es auch.
Klar, man wollte dem eigenen Publikum und sicherlich auch dem großen HSV mit dieser Bastelarbeit zeigen, dass man hier auch nicht hinterm Mond oder gar in Holland wohnt und man auch in der Provinz eine eigene Fankultur hat.

Anpfiff!
Der HSV begann druckvoll, ließ sich aber irgendwann vom VfL ein wenig den Schneid abkaufen, und so ging es mit einem letztendlich verdienten 0:0 in die Halbzeitpause.
Ich war mit dem Getränkeholen dran. Auf dem Rückweg kamen mir die beiden Jungs von nebenan entgegen. Am liebsten hätte ich sie gefragt, ob zumindest einer der beiden die Karte zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, traute mich aber nicht. Im Vorbeigehen hörte ich nur so etwas Ähnliches wie „Mann, ist das spannend …“.
Nun ja, dem konnte ich nur begrenzt beipflichten, denn aus meiner Sicht war das Spiel im Gegensatz zum Drumherum und den neuen Eindrücken eher langweilig.
Dennoch ließen sich während der Pause erste leichte Sorgenfalten und auch einige skeptische Blicke bei den anderen HSV-Fans erkennen. So ganz sicher waren wir vier uns auch nicht mehr.
„Gleich ein schnelles Tor, dann war‘s das …“, meinte unser Geburtstagskind.
„In spätestens zwanzig Minuten sind die konditionell total platt. So, wie die sich hier reinhängen, halten die das nicht mehr lange durch …“, ergänzte Jörn und erntete dafür von uns zustimmendes Kopfnicken.
Piotr Trochowski war für Zé Roberto reingekommen, der bis dahin eigentlich wie die ganze Mannschaft zwar kein überragendes, aber alles in allem ein ganz ordentliches Spiel abgeliefert hatte.

Mitten im Tollhaus
Bevor wir überhaupt richtig nachdenken konnten, stand es tatsächlich wie von allen erwartet 1:0.
Moment!
Regiefehler!
Nicht für uns, sondern für den VfL!
Das Stadion war im Nu ein Tollhaus. Außer uns HSVern saß nun niemand mehr. Alle standen und brüllten etwas davon, dass sie erstens Osnabrücker und zweitens immer da seien! Die beiden Jungs neben mir stimmten auch voller Inbrunst in die Gesänge ein „Olé, olé, olé! Osnabrück, olé! Wir sind die Osnabrücker, wir sind immer da!“ Was für eine blöder Text.
„Können die nicht mal aufhören!?“, rief der sonst so entspannte Jan empört. „Dass wir nicht in Holland sind, haben wir ja wohl längst kapiert!“
Wenige Minuten später steigerte sich das Tollhaus zum Tollerhaus, denn es stand wie aus dem Nichts 2:0 für den VfL.
Bei uns schlug die Stimmung in Sarkasmus um. Unterhalten konnten wir uns kaum noch, dazu war es in diesem engen Stadion, das englischer zu sein schien, als es jemals ein englisches Stadion hätte sein können, einfach zu laut.
Kopfschüttelnde Resignation machte sich breit … im Gegensatz zu den beiden Jungs, von denen der eine sogar hin und wieder kurz den Mittelfinger in Richtung von uns HSV-Fans ausstreckte.

Endlich ein normaler Spielverlauf
13 Minuten vor Schluss fiel dann das 2:1 durch Mladen Petric. Hoffnung keimte auf, schließlich spielte hier der große HSV – der Dinosaurier der ersten Liga gab sich die Ehre! – gegen den kleinen VfL aus Osnabrück, dieser vermeintlichen Abfahrt nach Holland.
Nun brüllten wir gemeinsam mit unserer Kurve den HSV nach vorn. Doch die Osnabrücker wehrten sich mit Mann und Maus und jede Balleroberung wurde vom heimischen Publikum wie ein Tor bejubelt. Gegen diese Osnabrücker gab es offenbar kein Mittel.
Zum Schluss dann noch ein taktischer Wechsel beim VfL. Für einen Stürmer kam ein blonder Bubi namens Dennis Schmidt ins Spiel. Der stand irgendwann genau auf meiner Höhe im Strafraum der Osnabrücker und hob völlig unbedrängt und aus einem unerfindlichen Grund in der 92. Minute die Hand in Richtung Ball.
Elfmeter!
Natürlich für den HSV!
2:2 durch ‚Trocho‘!
Während wir und die Kurve außer Rand und Band waren, schien der Rest des Stadions in eine Art Schockstarre zu verfallen. Einer der Jungs neben mir weinte sogar und wurde von dem Mann, der offenbar sein Vater war, getröstet.
Der zweite Junge schrie einsam und unverdrossen: „VfL! VfL!“ Als er mich kurz anblickte, zuckte ich bedauernd mit den Achseln, woraufhin er mir wütend die Zunge ausstreckte. Für das, was nun unweigerlich auf den VfL zukommen sollte, hätte ich mich bei ihm, gewissermaßen im vorauseilenden Gehorsam, am liebsten entschuldigen wollen.
„Profis sind das bestimmt auch“, stellte Fiete klar, „aber die brechen jetzt komplett zusammen. Wetten? Das war einfach zu viel! Die gehen doch schon auf dem Zahnfleisch. Können einem fast leidtun.“

Die Verlängerung all der schier unerträglichen Qualen
Nur zehn Minuten später war es dann soweit: Guy Demel prescht in den Strafraum der Osnabrücker und tunnelt den Osnabrücker Torwart.
3:2!
Jörn guckte auf die Uhr und deutete an, dass wir uns spätestens nach dem 4:2 auf den Weg machen sollten. Zu den beiden Jungs hinüberzuschauen traute ich mich längst nicht mehr. Ich war selbst mal so alt und konnte zumindest ahnen, wie es ihnen gerade erging, denn auch das Leben als HSV-Fan kann durchaus hart sein.
Doch was ist das?
Das gehört so nicht zu unserem Plan!
Das war so nicht abgesprochen!
Nach einer etwas verunglückten Kopfballabwehr von Aogo kommt da plötzlich irgendein Osnabrücker angerannt, holt mit dem Schussbein weit aus und schießt den Ball, offenbar ohne nachzudenken, mit vollem Risiko in Richtung Tor. Glaubt mir, wäre da kein Tornetz gewesen, der Ball würde heute noch im großen Abstand um die Erde fliegen.
Sollte jemals der gewaltige Torurschrei zum 4:1 gegen Real Madrid vor 61.000 Hamburger Zuschauern auf dem Prüfstand gestanden haben, dann jetzt beim 3:3 in Osnabrück vor nur 16.000 Zuschauern. Da regen sich die Leute über den Fluglärm in Fuhlsbüttel auf, dann kommt mal nach Osnabrück ins Stadion … Ich kann euch sagen, jeder Start einer Boeing 707 ist dagegen ein das Gehör schmeichelnder Klanggenuss.
Wir HSVer sackten für einige Schrecksekunden alle in uns zusammen, die beiden VfL-Bengels nebenan schrien mit den Osnabrücker Fans: „Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!“ oder einfach nur „Vau! Eff! Ell!“ oder mal wieder, dass sie ja nun Osnabrücker und immer da seien, wo auch immer das sein mochte. Dass sich die Osnabrücker ständig selbst ihrer Herkunft versichern mussten, nervte allmählich.
Vielleicht skandierten sie auch noch irgendwelche anderen Anfeuerungsrufe, so genau weiß ich das alles nicht mehr. Ich weiß nur, dass der Begriff Tollhaus oder gar Tollerhaus wieder einmal nicht mehr reichte. Nun war das Stadion das Amtollstenhaus.

Die Höchststrafe nach 120 Minuten
Kurz darauf war auch schon Schluss.
Also Elfmeterschießen.
Es war mittlerweile nach elf, aber die beiden Jungs nebenan waren wie das ganze Stadion munter wie zu Anfang des Spiels.
Irgendwann machte sich bei uns eine höchst befremdliche Stimmung breit. Sollten diese Osnabrücker uns wirklich gleich im Elfmeterschießen besiegen können?
Wie heißt deren Torwart noch mal?
Tino Berbig?
Nie von gehört. Unser erfahrener Oldie Frank Rost wird bestimmt den ein oder anderen halten. Und dann war‘s das.
Als erster Spieler trat für den VfL dieser blonde Bubi an, der schon den Elfmeter zum 2:2 verschuldet hatte.
„Na, der hat ja vielleicht Nerven! Ist der bekloppt? Wenn er den verschießt, kommt er doch nicht mehr lebend aus dem Stadion“, stellte ich kopfschüttelnd fest. Meine Freunde nickten stumm. Auch auf der Osnabrücker Seite überwogen ganz klar die skeptischen Blicke.
Der blonde Bubi lief mit seinen staksigen Beinen an und …
… verwandelte eiskalt.
Tesche schoss daneben.
Das ganze Elfmeterschießen entwickelte sich für uns zu einer einzigen Katastrophe. Die Osnabrücker verwandelten ihre Elfmeter einen nach dem anderen allesamt souverän, bis auch noch Mladen Petric an den rechten Außenpfosten schoss.
Muss ich noch erwähnen, dass nun aus dem Amtollstenhaus das Amallertollstenhaus wurde?
Muss ich das wirklich?
Wollt ihr mich quälen?
Ja, das Stadion stand nicht nur Kopf, es stand Kopfstand, die Zuschauer feierten ihre Mannschaft und auch sich selbst frenetisch.

Einer ist immer der Loser
Bevor wir uns völlig bedröppelt auf den Weg zum Auto machten, brüllte ich noch zu den beiden Jungs mit wenig Überzeugung hinüber: „Herzlichen Glückwunsch! Ihr habt das echt verdient!“
Als der eine Junge mir schon wieder die Zunge ausstreckte, dieses Mal allerdings triumphierend, konnte ich es mir nicht verkneifen, auf meine Armbanduhr zu tippen und ihm hinterherzurufen: „Und viel Spaß noch morgen in der Schule, mien Dschung!“
Daraufhin legte er sogar noch einen drauf, zeigte mir nun beide Stinkefinger und rief: „Viel Spaß morgen auf der Arbeit!“
Nun, die Osnabrücker wissen offenbar schon von frühster Kindheit an, wie man sich gegen die Großen wehrt – na ja, und sie wissen eben auch, dass sie nicht aus Holland, sondern aus Osnabrück kommen und immer da sind.
Während wir uns mit einem säuerlichen Lächeln auf den Lippen aus dem Stadion davonschlichen, tobte drinnen das Publikum vor Begeisterung. Selbst als wir schon im Auto saßen, drangen die Jubelgesänge noch bis zu uns herüber.
Nun fühlten wir uns so, wie sich damals die Fans von Real Madrid beim Antritt der Rückfahrt in Hamburg gefühlt haben mussten.

Irgendwo auch ein Happy End
Der Kleine besiegt den Großen. Doof nur, wenn man sich zu den Großen zählt. Aber mal ehrlich: Ist es nicht genau das, was den Fußball am Ende ausmacht?
Und den beiden Jungs erging es bestimmt so wie mir damals im Volksparkstadion gegen Real Madrid. Zunge ausstrecken: Ätsch, wir haben es dem HSV mal so richtig gezeigt! Und zur Unterstreichung dann den Stinkefinger zeigen. „Verpisst euch aus unserer Stadt!“
Dass der VfL einige Wochen später die Borussia aus Dortmund auch noch aus dem Pokal raus warf, löste bei uns immerhin eine späte Genugtuung ob der eigenen Niederlage aus.
Wir vier hatten das Spiel übrigens genussvoll und überhaupt nicht neutral als VfL-Fans-für-einen-Tag bei mir zu Hause auf dem Großbildschirm gesehen, und wir glaubten sogar, die beiden Jungs hin und wieder erkennen zu können, da die Fernsehkameras die große Sitztribüne ständig im Visier hatten.
Und jedes Mal, wenn wir heute an Osnabrück vorbeifahren, um unseren HSV in Dortmund oder Gelsenkirchen zu unterstützen, ziehen wir nun fast hochachtungsvoll unsere HSV-Mützen vor dem VfL, seinen Fans und seinem Stadion.
Und die Idee, dass Osnabrück lediglich eine Abfahrt nach Amsterdam ist, findet auch niemand mehr so richtig witzig. Na ja, ganz ehrlich? Manchmal schon …

 

Nach einer Erzählung von Sven-Oliver Petersen (c) Kalla Wefel

Aus der Anthologie „Mein Vau-Eff-Ell!“

Kalla Wefelhttps://kallawefel.info/
Kalla Wefel saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär. Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Seit über vierzig Jahren arbeitet er professionell als Kabarettist, Musiker, Journalist und Autor.

 

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