Aus zwei mach drei: Diesen Schritt wollen Stadt und Landkreis Osnabrück gemeinsam mit den beiden Osnabrücker Hochschulen wagen. Gelingt das Vorhaben, könnten schon in zwei Jahren die ersten Studierenden der neuen Medizinischen Hochschule Osnabrück ihr Studium aufnehmen. Die finanzielle Belastung für Stadt und Landkreis soll dabei „überschaubar“ bleiben.
Regelmäßig brachte sich Osnabrück in den vergangenen Jahre für eine medizinische Fakultät ins Gespräch, doch die Entscheidung des Landes Niedersachsen fiel immer wieder zugunsten anderer Standorte – zuletzt Oldenburg. Statt weiter zu warten, wollen Stadt und Landkreis nun gemeinsam handeln: Eine privat organisierte, aber kommunal mitgetragene medizinische Hochschule soll entstehen. Ziel ist es, bis 2027 den Lehrbetrieb mit zunächst 50 Studierenden aufzunehmen und perspektivisch bis zu 500 angehende Ärztinnen und Ärzte auszubilden.
Privat organisiert, mit KI im Fokus und integriert in staatliche Hochschulen
Prof. Dr. Susanne Menzel-Riedl, Präsidentin der Universität Osnabrück, brachte auf Nachfrage der HASEPOST im kurzfristig angesetzten Pressegespräch am Dienstagnachmittag auf den Punkt, was für das Osnabrücker Projekt spricht. Die Gründung einer medizinischen Hochschule in Osnabrück sei nicht nur ein pragmatischer Schritt zur Linderung des Ärztemangels, sondern auch eine strategische Antwort auf künftige Herausforderungen. Die Uni-Chefin machte drei wesentliche Punkte aus, die aus ihrer Sicht für den Erfolg dieses Projekts sprechen:
Erstens sei die zukünftige Medizinische Hochschule zwar privat organisiert, aber eingebettet in die bestehende Hochschullandschaft – eine in Deutschland einmalige Struktur, die es ermögliche, auf bereits vorhandene Forschungsinfrastrukturen, Lehrkapazitäten und studentische Einrichtungen zurückzugreifen.
Zweitens werde das Zukunftsfeld der Künstlichen Intelligenz (KI) konsequent mitgedacht. Die Region verfüge mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und dem KI-Campus über eine exzellente Basis.
Drittens entstehe mit der neuen Hochschule eine enge Durchlässigkeit zwischen Gesundheits- und Forschungsberufen. „Das kann ein Alleinstellungsmerkmal werden“, sagte Menzel-Riedl – und fügte mit einem Lachen hinzu: „Und vielleicht laufen sie uns dann die Bude ein.“
Medizinische Versorgung eine zentrale Herausforderung in Stadt und Landkreis
„Die Gesundheitsversorgung ist eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahre“, betonte Oberbürgermeisterin Katharina Pötter. „Wir müssen aktiv werden und dürfen nicht darauf hoffen, dass andere das für uns tun.“ Landrätin Anna Kebschull ergänzte: „Gerade in ländlichen Regionen wird es zunehmend schwieriger, medizinisches Personal zu gewinnen. Deshalb sehen wir uns in der Verantwortung, selbst ausbilden zu können.“
Ein Projekt mit langem Vorlauf
Die Idee, eine medizinische Hochschule zu gründen, ist nicht über Nacht entstanden. Vielmehr blickt sie auf mehrere Jahre intensiver Vorbereitung zurück, wie Projektkoordinator Thomas Bals schilderte. Schon früh sei deutlich geworden, dass es mehr brauche als einzelne Fördermaßnahmen für Hausarztgründungen. „Die medizinische Versorgung beginnt mit der Ausbildung – und die müssen wir selbst gestalten können.“
Nach zahlreichen Gesprächen, Besuchen bei vergleichbaren Projekten – etwa der Medizinischen Hochschule Brandenburg – und Analysen sei nun die Grundlage gelegt, um in die sogenannte Initiierungsphase zu starten. Diese soll etwa zweieinhalb Jahre dauern und die Entwicklung des Studiengangs Humanmedizin, der Ordnungen, Akkreditierungen sowie der rechtlichen Trägerstruktur umfassen.
Strukturelle Synergien statt Neubauten in Osnabrück
Ein Vorteil des Osnabrücker Modells liegt in der engen Verzahnung mit bestehenden Strukturen. „Wir bauen keine komplett neue Fakultät“, stellte Katharina Pötter klar. Vielmehr greife man auf die Infrastruktur der Universität und Hochschule zurück: Hörsäle, Labore, Mensen, Bibliotheken, Wohnheime – all das sei bereits vorhanden und könne mitgenutzt werden. Auch die Kliniken der Region seien fest eingeplant – als Praxispartner und Ausbildungsstätten.
„Ohne die Kliniken geht es nicht“, so Landrätin Kebschull. „Sie haben sich von Beginn an inhaltlich eingebracht und befürworten die Initiative.“ Zwar seien sie aufgrund der angespannten finanziellen Lage nicht in der Lage, sich an der Grundfinanzierung zu beteiligen, doch ihre Rolle sei unverzichtbar. Auch deshalb wolle man in den kommenden Wochen die Gespräche mit den Klinikleitungen intensivieren.
Zulassung mit Weitblick – mehr als nur die Abiturnote
Eines der Kernanliegen der Initiatorinnen: der Zugang zum Studium soll nicht allein über die Abiturnote geregelt werden. „Wer nicht 1,0 hat, stellt sich in Deutschland hinten an“, so Pötter. „Aber wir wissen, dass gute Ärztinnen und Ärzte nicht nur über Schulnoten definiert sind.“ Deshalb soll das Auswahlverfahren andere Kriterien mit einbeziehen – etwa Motivation, Vorerfahrung im Gesundheitsbereich oder soziale Kompetenzen.
„Es ist uns ein Herzensanliegen, dass auch Menschen mit nicht-akademischem Hintergrund oder geringeren finanziellen Möglichkeiten Zugang haben“, betonte Kebschull. Dazu sollen Stipendienmodelle, Studienkredite und möglicherweise Kooperationen mit Stiftungen und Sparkassen entwickelt werden. Eine genaue Ausgestaltung wird Teil der anstehenden Planungsphase sein.
Medizinische Hochschule soll sich perspektivisch selbst tragen
Die neue Hochschule soll sich nach Abschluss der Aufbauphase – etwa sieben Jahre nach dem Start – durch Studiengebühren selbst tragen. Bis dahin investieren Stadt und Landkreis gemeinsam rund zehn Millionen Euro: Zwei Millionen für die Initiierungsphase, weitere acht Millionen für den sukzessiven Aufbau des Lehrbetriebs. „Das ist realistisch kalkuliert und von externen Beratern validiert“, sagte Pötter.
Das Modell ist dabei bewusst kommunal verankert. Als operativer Träger wird zunächst die ICO (InnovationsCentrum Osnabrück) beauftragt, eine gemeinsame Tochtergesellschaft von Stadt und Landkreis. Sie wird den weiteren Prozess koordinieren, ein externes Beratungsteam einbinden und die optimale Gesellschaftsform für die Hochschule prüfen – im Raum stehen GmbH oder gGmbH.
Der Mensch im Mittelpunkt – nicht der Profit
Ein zentrales Argument der Initiatorinnen ist, dass es sich nicht um ein rein privatwirtschaftliches Projekt handelt. „Wir wollen keine Hochschule, die nur für diejenigen offen ist, die sich hohe Studiengebühren leisten können“, erklärte Kebschull. Vielmehr gehe es um ein „sozial tragfähiges Modell“, das langfristig der Allgemeinheit zugutekomme – insbesondere im ländlichen Raum.
Vision: Interprofessionelle Ausbildung und Zukunftstechnologien
Ein weiterer Schwerpunkt der Planungen liegt auf der Verzahnung mit zukunftsrelevanten Themenfeldern. Die neue Hochschule soll von Beginn an interprofessionell ausgerichtet sein – also Ärztinnen und Ärzte gemeinsam mit anderen Gesundheitsberufen ausbilden, um eine bessere Versorgungspraxis zu ermöglichen.
„Die interprofessionelle Zusammenarbeit ist essenziell“, sagte Prof. Alexander Schmehmann. „Wir haben in der Pflege, Physiotherapie, Ergotherapie und Hebammenausbildung Pionierarbeit geleistet.“ Gleichzeitig sollen KI, Digitalisierung und Telemedizin integrale Bestandteile des Curriculums sein. „Wir bilden nicht für das Gestern aus, sondern für das Übermorgen“, so Menzel-Riedl.
Pötter und Kebschull werben um politische Rückendeckung
Damit das Projekt starten kann, brauchen Stadt und Landkreis die Zustimmung ihrer politischen Gremien. Geplant ist, dass der Kreistag am 30. Juni und der Stadtrat Osnabrück am 1. Juli über die Grundsatzentscheidung abstimmen. „Wir haben mit allen Fraktionen gesprochen – und bislang viele positive Signale erhalten“, so Pötter.
Der Zeitplan ist ambitioniert, wenn tatsächlich bereits zum Wintersemester 2027 die ersten Studierenden immatrikuliert sein sollen. „Es ist sportlich“, so Osnabrücks Oberbürgermeisterin Katharina Pötter. „Aber wir sind überzeugt: Wenn nicht jetzt, wann dann?“