Mit jährlich 190.000 Besucherinnen und Besuchern ist das Theater Osnabrück der kulturelle Herzschlag der Stadt. Jetzt steht eine umfassende Sanierung an – notwendig, aufwendig und zukunftsweisend. Aber auch teuer. Mit 80 Millionen Euro wurde einst geplant. Am Ende dürften die Kosten aber wesentlich höher ausfallen. Fest steht auch: Keine andere kulturelle Einrichtung in der Friedensstadt bewegt solche Publikumsmassen. Zum Vergleich: Die OsnabrückHalle zählte im vergangenen Jahr rund 148.200 Gäste.
Das Theater Osnabrück ist nicht nur ein Ort der Kunst – es ist ein Ort der Begegnung, Bildung und kulturellen Identität. Mit rund 500 Vorstellungen jährlich, einer Auslastung von über 82 Prozent am Domhof und 90 Prozent im emma-theater sowie rund 190.000 Besuchenden ist es ein echtes Erfolgsmodell. Doch der bauliche Zustand des historischen Theaters am Domhof lässt die Stadt nicht länger warten: Eine umfassende Sanierung ist unumgänglich. Der früheste Start: 2031.
Kulturelles Rückgrat einer Stadt
Ob Oper, Operette, Musical, Schauspiel, Tanz oder Konzert – das Theater begeistert jährlich ein großes Publikum. Besonders das Engagement für junge Menschen ist herausragend: 42 Partnerschulen im Stadtgebiet und im Landkreis profitieren vom theaterpädagogischen Angebot. Über 400 Workshops in Schulen, 200 Vorstellungen im Jungen Theater und 35.000 junge Besuchende jährlich zeigen die tiefe Verankerung in der Bildungslandschaft.
Auch das Mitmachangebot überzeugt: 120 Bürgerinnen und Bürger sind aktiv in den Stadtensembles und werden zum Beispiel in Produktionen wie dem Musical „Wie im Himmel“ eingesetzt. Mit dem beliebten Theater Beach hat das Haus zudem seit vier Jahren ein Sommerformat etabliert, das migrantische Communitys, lokale Bands und neugierige Passantinnen und Passanten gleichermaßen anspricht.

Sanierungsfall mit Geschichte
Die Infrastruktur des Theaters ist allerdings stark in die Jahre gekommen. Brandschutz, Elektrik, Lüftung – viele Bereiche entsprechen nicht mehr heutigen Anforderungen. Allein die Elektroleitungen stellen eine erhebliche Brandlast dar. Auch die Bühnentechnik, Tonanlagen und Lüftungssysteme müssen dringend erneuert werden.
Der Rat der Stadt hat bereits reagiert: Seit 2019 liegt ein Grundsatzbeschluss zur Sanierung vor, weitere Beschlüsse zur Planung und Standortfrage folgten. Ein zentrales Element der Maßnahme ist der Neubau eines Proben- und Werkstattzentrums (PWZ) auf dem Gelände des Smart Business Parks am Limberg. Damit können wichtige Arbeitsbereiche während der Sanierungszeit ausgelagert und langfristig modernisiert werden.
Umbau mit Weitblick
Neben sicherheitsrelevanten Aspekten sollen auch die Publikumsbereiche neu gestaltet werden: eine modernisierte Kasse und Garderobe, ein neues Veranstaltungsformat im oberen Foyer und eine zeitgemäße Ausstattung des Zuschauerraums sind geplant. Auch hinter den Kulissen tut sich viel: Das Nebengebäude, in dem die Schneiderei untergebracht ist, soll abgerissen und neu gebaut werden. Ein barrierefreier Workshop-Raum und eine verbesserte Akustik sollen den künstlerischen Betrieb nachhaltig stärken.

Wie teuer wird’s?
Die Gesamtkosten des Mammutprojekts lagen 2018 bei 80 Millionen Euro – verglichen mit anderen Theatersanierungen in Deutschland (Augsburg: 186 Millionen Euro, Mannheim: 240 Millionen Euro) ein verhältnismäßig moderater Betrag, der aber nicht mehr realistisch ist. Denn inzwischen sind sieben Jahre ins Land gegangen.
Heute realistischer ist ein Betrag von weit mehr als 100 Millionen Euro. Die Stadt Osnabrück will davon 27 Millionen Euro tragen, für den Rest sollen Fördermittel von Land, Bund, Stiftungen und aus der Wirtschaft eingeworben werden. Besonders interessant ist dabei das Bundesprogramm „KulturInvest“, das Kulturprojekte mit Summen zwischen 500.000 und 20 Millionen Euro unterstützt und bis zu 50 Prozent der Kosten übernehmen kann.
Am Ende bleibt zu hoffen, dass die Kosten nicht so explodieren werden wie bei der Sanierung der Kölner Oper, die von 2012 bis 2015 für 253 Millionen Euro saniert werden sollte. Sollte! Aktuell geht man dort von einer Eröffnung zur Spielzeit 2026/2027 aus – elf Jahre später als geplant und mit Gesamtkosten von rund 1,5 Milliarden Euro sechsmal teurer als gedacht.

Ein Theater für die Zukunft – aber wann?
In Osnabrück steht noch viel Planungsarbeit bevor. Die Fertigstellung des PWZ ist frühestens 2031 zu erwarten. Erst danach kann der Umbau des Theaters beginnen. Die Sanierung selbst wird mindestens drei Jahre dauern – Köln lässt grüßen. Mit der Eröffnung des sanierten Theaters am Osnabrücker Domhof ist also erst in rund zehn Jahren zu rechnen.
Für die Zeit des Umbaus benötigt es allerdings eine Interimsspielstätte – und die gibt es bislang nicht. Nicht einmal einen Standort dafür. Beim letzten großen Umbau, der von 1995 bis 1997 realisiert wurde, spielte das Theater in einem Zeltbau neben der OsnabrückHalle. Heutzutage nutzt man in solchen Fällen jedoch eher mobile Holz- oder Stahlbauten wie bei der Sanierung des Theaters St. Gallen oder des Staatstheaters Kassel. Die Interimsspielstätte aus St. Gallen wird als nächstes während der Sanierung des Theaters Ingolstadt genutzt und wäre anschließend frei, um nach Osnabrück weiterzuziehen.
Der temporäre Theaterbau, ausgestattet mit Bühne, Orchestergraben, Saal, Foyer, Galerie, Lager und Aufenthaltsraum für die Künstlerinnen und Künstler, ist rund 50 Meter lang und 26 Meter breit und bietet Platz für etwa 500 Personen, womit er nur geringfügig kleiner als das Theater am Domhof mit seinen 585 Sitzplätzen ist.
