Der Osnabrücker Handgiftentag ist beileibe nicht nur das gemeinsame Händeschütteln für das große Erinnerungsfoto. Gleich zu Beginn der Osnabrücker Traditionsveranstaltung kam es am Dienstagabend zu einer politischen Irritation.
Bevor Oberbürgermeisterin und Parteienvertreter ihre Reden halten, ist die formell erste Ratssitzuung des Jahres traditionell auch ein erstes Wiedersehen nach der Weihnachtspause. Ratsmitglieder treffen auf Kolleginnen und Kollegen aller Parteien, auf Vertreterinnen und Vertreter aus Organisationen, Verbänden, Vereinen und großen Unternehmen. Man wünscht sich ein „frohes neues Jahr“, führt kurze Gespräche, tauscht Höflichkeiten aus – und gibt sich die Hand zum Gruß.
All das geschieht in dem Bewusstsein, dass in den kommenden Monaten – und in diesem Jahr vor dem Hintergrund des Kommunalwahlkampfes voraussichtlich scharf – wieder um unterschiedliche Positionen und Entscheidungen gerungen und nicht selten auch gestritten wird.
Gerade deshalb gilt der Handgiftentag vielen als symbolischer Moment des Innehaltens. Oberbürgermeisterin Katharina Pötter brachte diese Bedeutung in ihrer Rede 2025 mit deutlichen Worten auf den Punkt:
„Dem anderen zuzugestehen, dass auch er guten Willens ist – und gemeinsam das Ziel zu betonen, das Beste für die Stadt und ihre Menschen zu erreichen – dafür steht auch die Tradition des Handgiftens.“
Ein Handschlag als Zeichen des guten Willens … der ausblieb
Umso verwunderlicher wirkte eine Szene am Rande der Veranstaltung. Im Mittelpunkt standen die junge Linkspartei-Politikerin Nicole Emektas und das AfD-Ratsmitglied Alexander Garder. Als Garder vor Beginn der eigentlichen Veranstaltung andere Ratsmitglieder und Gäste begrüßte und begrüßt wurde, kam er auch an der Stadträtin der Linkspartei vorbei und streckte ihr freundlich die Hand zum Gruß entgegen.
Der Beobachter sah ein kurzes Zucken im rechten Arm der Stadträtin, dann zog sie diesen bewusst zurück und machte deutlich, dass sie dieses „Handgiften“ verweigerte.
Linken-Stadträtin Emektas: „ganz bewusst“ den Handschlag verweigert
Auf Nachfrage unserer Redaktion erklärte Nicole Emektas ihr Handeln ausführlich:
„Der Handgiftentag steht für mich für Frieden und demokratischen Konsens. Diese Werte sehe ich durch die AfD und durch einzelne Vertreter dieser Partei nicht gewahrt.
Meine Entscheidung, den Handschlag von Herrn Garder nicht zu erwidern, war bewusst. Sie richtet sich nicht gegen die Person, sondern gegen die politische Haltung und die Inhalte der AfD. Ich lehne jegliche politische Zusammenarbeit mit dieser Partei ab. Dies habe ich gestern auch ganz bewusst durch das Nicht-Erwidern des Handschlags signalisiert.
Hinzu kommt, dass die AfD in Teilen als rechtsextrem eingestuft wird. Vor diesem Hintergrund ist es für mich nicht vereinbar, durch symbolische Gesten wie einen Handschlag Normalität oder Akzeptanz zu signalisieren.
Der Handgiftentag ist für mich kein rein formales Ritual, sondern ein politisches und gesellschaftliches Bekenntnis. Dieses Bekenntnis kann und möchte ich gegenüber Vertreter:innen einer Partei nicht ablegen, deren Politik Ausgrenzung fördert und demokratische Grundwerte infrage stellt.“
AfD-Stadtrat Garder: „Ich habe eigentlich nichts anderes erwartet“
Und wie hat AfD-Stadtrat Alexander Garder die Situation wahrgenommen? Auch er äußerte er sich dazu gegenüber unserer Redaktion:
„Ich habe eigentlich nichts anderes erwartet, dass es bei so einer Veranstaltung auch zu so einer Situation kommen kann.
Aber es gibt viele andere Politiker, die menschlich und normal reagieren, wenn man ihnen die Hand reicht. Die Ideologie steht bei einigen Ratsmitgliedern jedoch im Vordergrund – zum Glück nicht bei allen.
Was beim Handgiftentag mit Frau Emektas passiert ist, war eher die Ausnahme, und ich habe viele gute Gespräche geführt. Mit den meisten Menschen und auch den Ratsmitgliedern aller Parteien kann man sich auf einer normalen Ebene unterhalten – auch und gerade beim Handgiftentag.“
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