Beim Handgiftentag am 6. Januar ist Michael Grünberg mit der Justus-Möser-Medaille der Stadt Osnabrück ausgezeichnet worden. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde erhielt die höchste Ehrung der Stadt für sein jahrzehntelanges Engagement für jüdisches Leben, den interreligiösen Dialog und den demokratischen Zusammenhalt in der Friedensstadt.
Medaille mit schwieriger Geschichte
In ihrer Ansprache erinnerte Oberbürgermeisterin Katharina Pötter an die besondere historische Verantwortung, die mit der Auszeichnung verbunden ist. „Diese Medaille ist die höchste Ehrung unserer Stadt. Sie trägt den Namen eines Aufklärers. Eines Verteidigers von Recht, Vernunft und Freiheit. Und doch gehört zu ihrer Geschichte auch ein dunkler Anfang“, sagte Pötter. Die Medaille sei erstmals 1944 verliehen worden – durch den damaligen Oberbürgermeister Erich Gaertner. „Und Gaertner war nicht bloß ein Oberbürgermeister, dessen Amtszeit zufällig in die Zeit des Nationalsozialismus fiel. Nein, Gaertner war überzeugter Nationalsozialist.“ Gerade deshalb sei es bedeutsam, dass Grünberg die Auszeichnung angenommen habe. „Gerade dadurch bekommt diese Medaille heute eine neue, tiefere Bedeutung.“
Prägende Figur der Gemeinde
Seit mehr als drei Jahrzehnten habe Grünberg das jüdische Leben in Osnabrück maßgeblich geprägt. Pötter verwies auf den Wandel der Gemeinde durch die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion und die damit verbundenen Herausforderungen. Grünberg habe diesen Prozess begleitet, „mit Geduld, mit Pragmatismus, mit großem persönlichem Einsatz“.
Die heutige Synagoge an der Straße In der Barlage, das erste jüdische Kulturfestival in Osnabrück und der interreligiöse Austausch am Runden Tisch der Religionen tragen laut Stadt deutlich seine Handschrift.
Ehrung stellvertretend für viele
In seiner Erwiderung betonte Grünberg, die Medaille sei für ihn nicht nur eine persönliche Auszeichnung, sondern ein Zeichen der Wertschätzung für die jüdische Gemeinde und den gemeinsamen Weg mit der Stadtgesellschaft. Er nehme sie stellvertretend für viele Engagierte entgegen, die sich täglich für ein friedliches Zusammenleben einsetzen.
Zugleich äußerte er Sorge über gesellschaftliche Entwicklungen und mahnte klare Haltung und offenen Dialog an. Sein Wunsch sei es, diesen Weg fortzusetzen – „aus Verantwortung für unsere Geschichte und aus Hoffnung für die kommenden Generationen“.
Blick auf die eigene Geschichte
Im Anschluss kündigte Oberbürgermeisterin Pötter an, dem Rat vorzuschlagen, die NS-Vergangenheit der Osnabrücker Stadtverwaltung wissenschaftlich untersuchen zu lassen. „Nicht in erster Linie, um nach über 80 Jahren einzelne Schuldige zu identifizieren“, sagte sie, „sondern um einen Beitrag dazu zu leisten, dass unser heutiger Rechtsstaat wehrhaft bleibt.“
Michael Grünberg ist der 45. Träger der Justus-Möser-Medaille. Zu den bisherigen Ausgezeichneten zählen unter anderem Theodor Heuss, Erich Maria Remarque, Hélène Cixous und zuletzt Boris Pistorius.
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