Wer vom Katharinenviertel in Richtung Innenstadt schlendert, dem fallen vor dem Café Felka seit Kurzem große Banner ins Auge. Sie lassen sich kaum übersehen – und genau das ist beabsichtigt: Die Installation ist Teil des Projekts „Spaltung der Realitäten“ von Exil, das auf unterschiedliche Lebenswirklichkeiten in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft aufmerksam macht.
Drei großflächige Banner
„Der gesellschaftliche Rechtsruck der vergangenen Jahre prägt das Leben aller Menschen in Deutschland – jedoch auf sehr unterschiedliche Weise. Während viele weiße Menschen ihren Alltag weitgehend unbeeinträchtigt fortsetzen können, erleben andere zunehmende Ausgrenzung, Anfeindungen und reale Existenzängste“, erklärt Exil-Geschäftsführerin Marlene Schriever. „Im Mittelpunkt stehen deshalb die Erfahrungen von Menschen, die als Migrant*innen gelesen werden – Menschen, die hier zu Hause sind und dennoch immer wieder hören müssen, sie gehörten nicht hierher.“
Die drei großformatigen Banner zeigen persönliche Zitate von Betroffenen. Sie berichten von rassistischen Beleidigungen nach einem Verkehrsunfall, von Benachteiligung am Arbeitsplatz oder davon, auch nach Jahrzehnten in Deutschland noch als „fremd“ markiert zu werden. Die Aussagen machen sichtbar, wie tiefgreifend Diskriminierung das Gefühl von Sicherheit, Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Teilhabe beeinflusst – Erfahrungen, die für viele andere im Alltag unsichtbar bleiben. Entstanden ist das Projekt in einer ehrenamtlichen Arbeitsgruppe von Exil e. V., die Gespräche mit Betroffenen geführt und deren Perspektiven dokumentiert hat.
„In den Interviews wurde deutlich, dass bei vielen Befragten auch die Sorge vor der Zukunft gewachsen ist – vor einer weiteren Zunahme rechter Einstellungen, vor neuen Dammbrüchen und vor dem Verlust des Rechtsstaats“, sagt Yasaman Vieregge, die als Mitglied der Arbeitsgruppe Gespräche mit Betroffenen führte. „Viele fragen sich, ob sie und ihre Familien langfristig in Deutschland leben können.“
Platzierung ganz bewusst im Stadtraum
Bewusst im Stadtraum platziert, unterbrechen die Banner gewohnte Wege und Routinen. „Sie sollen den Menschen wortwörtlich in die Quere kommen – auf dem Weg ins Café oder in die Stadt“, so Yasaman Vieregge. „Und sie sollen dazu einladen, kurz stehen zu bleiben und sich mit den unbequemen Realitäten von Menschen auseinanderzusetzen, die von Rassismus betroffen sind.“ Zugleich versteht sich das Bannerprojekt als Appell an die Zivilgesellschaft, Rassismus nicht unwidersprochen stehenzulassen, Betroffene solidarisch zu unterstützen und das eigene Verhalten kritisch zu reflektieren.
Die Installation ist im Museumsgarten vor der Villa_ an einem Ort des Erinnerns und der historischen Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus verortet. Damit schlägt sie eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und mahnt, rassistische Diskriminierung und Gewalt nicht als Randphänomene zu betrachten, sondern als aktuelle gesellschaftliche Herausforderung, der entschieden entgegenzutreten ist.
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