Guten Abend,

ich bin ein wenig spazieren gegangen, vom Westerberg rüber zum Finkenhügel. Am Ende der Mozartstraße, da wo sie in die Rheiner Landstraße übergeht, habe ich eine kleine, auf den ersten Blick völlig unscheinbare Straße entdeckt. „Am Hirtenhaus“ war auf dem Straßenschild zu lesen, und ich bin ihr auf gut Glück gefolgt, vorbei an einigen stattlichen Hochhäusern. Hinter den Hochhäusern habe ich ein paar Bauwagen entdeckt, ein Kinderspielplatz lockte unter großen Bäumen zum Toben, Klettern und Schaukeln. Ein junger Mann kam mir entgegen, er zog einen Bollerwagen hinter sich her, der mit Mineralwasserflaschen befüllt war. Ich habe ihn angesprochen, gefragt, ob er hier dazugehört, ob er hier lebt, was er und seine Mitstreiter denn bitteschön im Niemandsland zwischen Klinikum und Lotter Kirchweg so treiben. Der junge Mann hört auf den Namen Tjarko, und die Bauwagen sind, wie sich das in Deutschland gehört, ein eingetragener Verein, die WabOS e.V. (Wagenburg Osnabrück).
Die WabOS ist ein alternatives Gemeinschaftsprojekt, das seit 1997 am Finkenhügel existiert. Hier probieren (+/-) 10 Menschen aller Altersstufen eine andere Form des Zusammenlebens aus, ohne soziale Isolation und Vereinsamung, wie sie in der heutigen Gesellschaft leider immer mehr um sich greifen. Veranstaltungen und Partys werden in dieser grünen Oase gemeinsam organisiert und Entscheidungen nach dem Konsensprinzip getroffen. Der Verein hat das Grundstück in dieser kleinen Straße von der Stadt Osnabrück gepachtet. Es ist nicht erschlossen, die Bewohner produzieren ihren Strom mithilfe der Sonne selbst und nutzen das Regenwasser zur Wasserversorgung.



Als Tjarko mir diese Dinge erzählte, war ich doch ein wenig beeindruckt. Die Osnabrücker Wagenburg erinnerte mich stark an die alternativ-ökologischen Projekte aus den 70er und 80er Jahren. Ich hatte eigentlich gedacht, daß es sowas in der heutigen Zeit gar nicht mehr gibt. Aber dann erzählte Tjarko mir, daß die Idylle durchaus trügt. Denn die Stadt Osnabrück möchte das Zuhause der „Wagenburger“ als Bauland ausschreiben. Bis vor kurzem drohte die Verdrängung der Bewohner durch die geplante westliche Umgehungsstraße zur Entlastung des Verkehrs auf dem Westerberg. Doch dieses politisch stark umstrittene Thema scheint erstmal vom Tisch. Jetzt droht die Gefahr aus einer anderen Richtung, denn in puncto Bauland sind sich die Parteien im Rat offenbar ziemlich einig – es muß mehr Wohnraum geschaffen werden! Dabei wird wohl leichtfertig übersehen, daß die Wagenburg bereits bezahlbaren Wohnraum darstellt. Tjarko glaubt nicht an die soziale Komponente beim Vorhaben, am Finkenhügel Bauland auszuweisen. In diesem Bereich der Stadt locken vor allem hohe Grundstückspreise, weil es sich um eine sogenannte „bessere Lage“ handelt. Die eigens erschaffenen Zwänge der Stadtpolitik, stetigen Zuzug zu generieren, um Geld in die chronisch klammen Stadtkassen zu spülen, zielen eben nicht darauf ab, allen Osnabrücker Bürgern ein Dach über dem Kopf zu gewährleisten, sondern sie sollen vor allem für gut betuchte Leute repräsentative Domizile schaffen. Diese Art von Politik, die nur auf Kapitalverwertung abzielt, macht die Bewohner der Wagenburg sozusagen zu Bürgern zweiter Klasse und zeigt, daß im Stadtgebiet immer weniger Raum für Subkulturen und alternative Lebensformen bleibt. Das Stromlinienförmige, das Angepasste, das Weichgespülte, das Exclusive und Teure bekommt den Vorzug vor einem Projekt, das seit nunmehr zwei Jahrzehnten auch ein wichtiger Teil des gesellschaftlichen Lebens in unserer Stadt ist. Die Fläche, die jetzt als Bauland im Gespräch ist, bietet in Form ehemaliger Hausgärten, einer Streuobstwiese und Grünland vielfältigen Lebensraum für Tiere, Pflanzen und Menschen. Die Wagenburg fügt sich behutsam in das Gelände ein, ohne diesen Lebensraum zu gefährden.

Am Ende unseres Gesprächs berichtete mir Tjarko schließlich, daß die Bewohner der Wagenburg und zahlreiche Unterstützer jetzt den Kampf für den Erhalt des Projektes aufgenommen haben. An die Stadt Osnabrück wurde eine Petition gerichtet (www.change.org/p/stadt-osnabrück-rettet-die-wagenburg-osnabrück-unser-zuhause), die mittlerweile schon mehr als 1.500 Unterstützer gefunden hat. Und Anfang kommenden Jahres wird es eine große Benefiz-Gala geben, wo unter Federführung des Osnabrücker Musikers Sven Stumpe zahlreiche Künstler aus der Region ihre Solidarität mit der Wagenburg bekunden und die Bürger der Stadt zu einem tollen Fest für den guten Zweck einladen. Ich finde das eine gute Sache. Nicht, weil ich selber ein wahnsinnig großer Anhänger von alternativen Lebensformen wäre. Aufgrund meines recht hohen Alters weiß ich einen gewissen Wohnkomfort und ausreichend Strom aus der Steckdose durchaus zu schätzen. Aber in der Friedensstadt Osnabrück muß es doch möglich sein, einem so symbolträchtigen und friedfertigen Projekt wie der Wagenburg ein sicheres Zuhause zu geben. Ich möchte auch gewiß nicht den Kapitalismus verteufeln. Doch ich halte es für dringend notwendig, seinen unverhältnismäßigen Auswüchsen konsequent Einhalt zu gebieten. Hier könnten alle im Stadtrat vertretenen Parteien doch mal ein deutliches Zeichen setzen und ein klares Bekenntnis zum Erhalt der Osnabrücker Wagenburg von sich geben. Das würde von wahrer Bürgernähe zeugen. Doch stattdessen werden zum Beispiel am Neumarkt nach wie vor die Interessen von dubiosen Investoren aus dem Ausland vertreten, die offenkundig schon lange jegliches Interesse an Osnabrück verloren haben. Ich drücke der Osnabrücker Wagenburg auf jeden Fall beide Daumen für den Kampf um den Erhalt ihrer Heimat. Und bei der Benefiz-Gala bin ich natürlich dabei. Wenn die Organisatoren noch einen Redner brauchen, der denen da oben, vor allem den Stadtplanern, mal ganz offen die Meinung sagt – meldet Euch einfach. Zusammen ist man immer stärker, als es der Obrigkeit gefällt und in den (Bebauungs)Plan paßt.

Ich wünsche allen HASEPOST-Lesern ein Wochenende, an dem es ausnahmsweise mal nichts zu mösern gibt. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Ihr

Justus Möser

Hier alle bislang erschienenen Kolumnen von Justus Möser.

 


PS: Der abgebildete Bauwagen (ja, es ist dieser ganz spezielle) steht nicht auf dem Finkenhügel, es ist nur ein Symbolbild von „Babelsberg“ CC BY-SA 3.0