Was passiert, wenn ein Musical wie „Titanic“ nicht auf Sensation und Katastrophenpathos setzt, sondern auf feine Zwischentöne und erzählerische Tiefe? Die Freilichtspiele Tecklenburg liefern darauf eine beeindruckende Antwort. Regisseur Ulrich Wiggers gelingt mit seiner Inszenierung des Stücks von Maury Yeston (Musik) und Peter Stone (Libretto) eine ebenso bewegende wie kluge Version der bekannten Geschichte – fernab von Klischees und nahe an den Menschen.
Ein Netz aus Schicksalen statt Spektakel
Schon vor dem ersten Ton macht das Bühnenbild klar: Die Titanic ist kein Mythos, sondern längst Vergangenheit. Verstreute Requisiten – Rettungswesten, Koffer, Spielzeug – erzählen leise von Verlust.

Wiggers‘ Regie lenkt den Blick fort von der großen Eisberg-Kollision, hin zu den vielen kleinen Geschichten. Jeder Charakter bekommt Kontur, Tiefe, manchmal sogar Widerspruch. Die Szenen fließen elegant ineinander – stets in Bewegung, stets voller Bedeutung.
Bühnenbild mit Symbolkraft
Die Bühne von Jens Janke nutzt die Naturkulisse Tecklenburgs meisterhaft. Auf mehreren Ebenen – von der Brücke bis zum Maschinenraum – spielt sich das Geschehen ab. Mobile Relings und flexible Treppen sorgen für fließende Übergänge zwischen Orten und sozialen Klassen. Jede Szene erzählt auch visuell eine Geschichte.

Ergänzt wird die Bühne durch Projektionen von Bonko Karadjov, die sich gut ins Gesamtbild einfügen. Besonders eindrucksvoll ist dabei das Finale mit dem sinkenden Ozeandampfer und dem Schiffswrack auf dem Meeresgrund.
Tanz als Erzählform – Kostüme mit Aussage
Francesc Abós choreografiert mit feinem Gespür für Raum und Dynamik. Bewegungen sind nie beliebig, sondern tragen das Erzählen. Ob Heizer, die Kohle schaufeln, oder Passagiere, die Stühle räumen – alles geschieht choreografiert, ohne aufgesetzt zu wirken.

Die Kostüme von Fabienne Ank liefern den optischen Rahmen: prächtig, detailreich, klassenbewusst. Abendkleider und Uniformen kontrastieren mit Arbeiterkleidung. Das Maskenbild von Philip Hager rundet das visuelle Konzept ab.
Starke Stimmen, bewegende Momente
Unter der Leitung von Juheon Han spielt das 26-köpfige Orchester mit großer Sensibilität für die emotionalen Nuancen der Partitur. Zwischen opulenter Klassik, Ragtime und irischem Folk entstehen dichte Klangbilder, die das Geschehen auf der Bühne wirkungsvoll begleiten.

Die Besetzung überzeugt auf ganzer Linie: Benjamin Eberling gibt Kapitän E. J. Smith als würdevollen Tragiker, Alexander Di Capri berührt als Konstrukteur Andrews, Felix Martin brilliert als skrupelloser Reeder Ismay. Til Ormeloh und Tobias Bieri liefern mit ihrem Duett einen musikalischen Höhepunkt. Masha Karell und Anton Rattinger rühren als Ehepaar Straus mit stillem Pathos. Gerben Grimmius bringt sowohl Humor als auch Emotion auf die Bühne.

Jedes Detail zählt
Ein besonderes Highlight sind die drei Kates – Laura Araiza Inasaridse, Hannah Miele und Gioia Heid – überzeugen mit Präsenz und Stimme. Im Duett „Drei Tage“ glänzt besonders Araiza Inasaridse im Zusammenspiel mit Michael B. Sattler. Und auch der stimmgewaltige Chor beeindruckt sängerisch, tänzerisch und darstellerisch auf hohem Niveau.
Was den Freilichtspielen Tecklenburg mit dieser „Titanic“-Inszenierung gelingt, ist mehr als eine Nacherzählung einer bekannten Tragödie. Es ist ein durchkomponiertes Bühnenkunstwerk, in dem jedes Detail zählt.