Alles nur ein großes Missverständnis? Oder wie es die Grüne Ratsfraktion auf Ihrer Facebook-Präsenz schreibt, lediglich „etwas teurer“ wurde der neue Radweg am Heger-Tor-Wall – aber nicht um die 250%, die der Bund der Steuerzahler in einem Schreiben an den Stadtkämmerer anmahnte, „nur“ um rund 56%.

In einer äußerst kurzfristig anberaumten Pressekonferenz bemühten sich Stadtbaurat Frank Otte und Stadtkämmerer Thomas Fillep am Donnerstagabend valide Zahlen zu präsentieren, die genau aufschlüsseln wie sich die seit der Ratssitzung am vergangenen Dienstag kursierenden 712.000 Euro Gesamtkosten für wenig mehr als 150 Meter Radweg genau zusammensetzen.

Gesamtsumme steigt inzwischen auf 738.000 Euro



In der vom Stadtkämmerer am Dienstag genannten Gesamtsumme, die sich inzwischen sogar noch auf 738.000 Euro erhöht hat, sind etwas mehr als 200.000 Euro für die Sanierung der Fahrbahndecke, weitere Kosten für den notwendigen Umbau einer Ampelanlage enthalten, sowie eine weitere nicht genauer spezifizierte Summe, die mit den Versorgungsleitungen der Stadtwerke zusammenhängt – in Summe 308.000 Euro.

Fahrradweg wurde 155.000 Euro teurer als geplant

Es verbleiben für den Fahrradweg 430.000 Euro – also 155.000 Euro mehr, als die Summe, die dem Rat der Stadt noch im Februar als Kostenansatz für den rund drei Meter breiten und – je nachdem ob man auch die nicht umgebauten Stücke zu Anfang und Ende des Radstreifens mitberechnet  – etwa 145 bis 168 Meter langen Fahrradweg.

Zwischen Beschlussfassung im Februar 2018 und Fertigstellung im Sommer kam es für den Stadtbaurat wohl knüppeldicke.

Die Chronologie des Scheiterns:
Bereits vor der Ausschreibung musste die Verwaltung bei der fehlerhaften Ausführungsplanung nachbessern, was zusätzliche 33.000 Euro kostete (also hier schon bereits mehr als 10% als ursprünglich geplant), weitere 36.000 Euro kosteten externe Gutachter und Planer, weil dem Stadtbaurat nach eigenem Bekunden das Personal in seiner eigenen Fachabteilung fehlt um auch nur einen Fahrradweg zu planen. 

Das Angebot, das man dann nach der Ausschreibung erhielt war nochmals 45.000 Euro teurer, als die Summe, die der Rat der Stadt abgenickt hatte. Aber damit nicht genug, weil den Profis aus der Verwaltung erst während der Bauzeit einfiel, dass Wochenend- und Nachtarbeit Zuschläge kostet und zusätzliche Sicherungsmaßnahmen notwendig wurden, kamen nochmals 41.000 Euro dazu.
In Summe also: 430.000 Euro, statt wie wenige Monate vorher geplant 275.000 Euro.

Protected Bike Lane hat „Modellcharakter“

Das sei alles aktuell „ganz normal“, erklärte der Stadtbaurat, da man ja derzeit so schwer Baufirmen finden könnte. Auch wer ein privates Haus baue, müsse mit unerwarteten Kostensteigerungen rechnen. Allerdings hätte die Strecke am Heger-Tor-Wall auch „Modellcharakter“ und nun wisse man, worauf man zu achten habe, in Zukunft sei nicht mehr mit derartigen Kostensteigerungen zu rechnen.

Theatersanierung soll nicht so sehr aus dem Ruder laufen

Dass die Kostenexplosion des Fahrradwegs auch „Modellcharakter“ haben könnte für das nächste große Bauprojekt, die mit 80 Millionen kalkulierte Theatersanierung, wollte der Stadtbaurat nicht gelten lassen.
Beim Theater seien schon Sicherheitspuffer mit einberechnet [allerdings nur etwas mehr als 25%, Anmerkung der Redaktion], das können man nicht vergleichen, so der Stadtbaurat.

Falls der Stadtbaurat sich da mal nicht irrt, meint der Redakteur: Ähnliche Planungsfehler vorausgesetzt, dürfte die Theatersanierung deutlich mehr als 100 Millionen kosten. In einer Stadt, in der bereits wenig mehr als 150 Meter Fahrradweg fast eine Million Euro kosten, sicher nicht so unwahrscheinlich…