Ein Gastbeitrag von Moritz Gallenkamp

Zwischen den Jahren wurde ein Fall von Missbrauch im Bistum Osnabrück zum Gesprächsthema. Es ist kein neuer Fall, tatsächlich gibt es eine ganze Reihe von Fällen, die in den 80er und 90er Jahren im Osnabrücker Nordkreis passiert sein sollen. Seinerzeit stritt der Täter – ein ehemaliger Gemeindepfarrer – gegenüber den Verantwortlichen im Bistum Osnabrück alles ab. Doch die „Gerüchte“ reichten, um ihn vorzeitig in den Ruhestand zu versetzen und aus der Gemeinde Merzen zurück an seinen Heimatort Hagen aTW zu schicken.

Auch wenn der Fall wohl aufgeklärt ist – inzwischen hat der Pfarrer den Missbrauch gestanden – hinterlässt auch ein bereits bekannter und anscheinend „aufgearbeiteter“ Fall ein komisches Gefühl, wenn man die Aussagen mancher Verantwortlicher liest.

Um es vorweg klarzustellen: Missbrauch von Kindern kommt überall vor und es sind auch nicht DIE katholische Kirche oder DIE Priester oder DIE Pastoren usw., sondern einzelne Täter in der Institution katholische Kirche, die den Missbrauch begehen oder begangen haben.


Kirche darf nicht Rücksicht auf eigene Interessen nehmen

Kinder haben eine besondere Stellung im christlichen Glauben. Wer Christ ist oder in einer christlichen Einrichtung arbeitet, sollte auch so handeln und den Kindern die Stellung geben, die sie bei Gott haben. Wer die Worte der Bibel predigt sollte sich nicht versündigen, tut er es doch, so werden an diesen eben andere (Aufklärungs-) Maßstäbe gesetzt als bei anderen.

Es ist die jeweilige Einrichtung der Kirche, die sich um einen solchen Fall kümmern muss, ohne Rücksicht auf Posten, Personen und insbesondere ohne zu meinen, einen möglichen Fall rechtlich beurteilen zu können oder zu dürfen. Zunächst sollte das Opfer im Vordergrund stehen, auch wenn der Täter einen schützenswerten Raum hat und diesem auch Hilfe angeboten werden muss.

Die Verantwortlichen in der Kirche haben bei diesem Fall keine gute Arbeit geleistet. Es steht den Verantwortlichen nicht zu, rechtlich zu beurteilen, ob ein Fall justiziabel sei oder nicht. Wenn es einen Verdacht über Missbrauch gibt, ist dieser anzuzeigen und nicht vom Kirchenpersonal vorab zu bewerten. An den Äußerungen des Pressesprechers des Bistums Osnabrück, dass es keine belastbaren Zeugenaussagen oder Zeugen für die Anschuldigungen gegeben habe, lässt sich die Verklärtheit der Verantwortlichen erkennen.

Wieso hätten Opfer dem Bistum vertrauen sollen?

Wenn man sich in ein Opfer oder dessen Eltern hineinversetzt, kann man leicht verstehen, dass sich diese nicht unbedingt der Institution anvertrauen, aus der ein Täter kommt,  selbst wenn hier ernsthafte Bemühungen unternommen werden, sich zu kümmern. Anders hätte dies sein können, wenn der Fall an die zuständigen Behörden gebracht worden wäre. Okay, man sieht die Fehler der Vergangenheit ein, gelobt Besserung – nur unter welchen Voraussetzungen? Wer beurteilt nun, inwieweit man vagen Hinweisen nachgeht oder was überhaupt vage ist?

Auch, dass es Dokumente geben soll, die der Staatsanwaltschaft nicht sofort zur Verfügung gestellt wurden sondern man auf die „Herausgabeaufforderung“ gewartet habe trägt nicht zum Vertrauensaufbau bei. Wieso wurde nicht sofort alles übergeben?

Juristisch einwandfrei – aber nicht korrekt

Die Staatsanwaltschaft wird sich an die juristischen Regeln gehalten haben, ihr Ruf stände viel zu sehr in Gefahr, wenn herauskommen sollte, dass unsachgemäß gearbeitet worden wäre. Für die Opfer wird die juristische Erledigung aber wohl nicht reichen, zumal möglicherweise nicht alle Taten aufgeklärt wurden, ganz unabhängig davon, welche schon verjährt waren. Die Staatsanwaltschaft hätte möglicherweise besser daran getan, wenn sie alle Unterlagen angefordert hätte, um dann den Fall – insbesondere für die Opfer – vollständig zu beenden, auch wenn es wegen der Verjährung nicht zu einer Anklage gekommen wäre. Das Geständnis des Pfarrers ist gut, aber man weiß auch, dass Täter manchmal nur so viel gestehen, wie nötig ist. Wer weiß, ob durch die anderen Unterlagen vielleicht Menschen mit ihrer Vergangenheit hätten abschließen können. Die Tat wäre zwar nicht verfolgt worden, die Tat wäre aber gesehen worden!

Ein großes Problem ist, dass die Verjährungsregelungen nicht geeignet sind auch älteren Opfern die Möglichkeit zu geben, sich gegen die Täter aus ihrer Kindheit zu erheben! Selbst wenn der Beginn der Verjährung bei bestimmten Tatbeständen bis zum 30igsten Lebensjahr des Opfers ruht und manche Taten auch eine Verjährungsfrist von 20 Jahren haben, so geht die Verjährungsregelung zu Lasten der Opfer. Wer sich mit Psychologen oder Psychiatern unterhält, erfährt sehr schnell, dass der Missbrauch oft über Jahrzehnte verdrängt wird, aber schwerwiegende psychische Störungen hervorruft, deren Ursachen den Patienten gar nicht bewusst sind. Erst wenn diese Störungen behandelt werden, wird dann möglicherweise die tatsächliche Ursache – der Missbrauch – für die Patienten und Opfer wieder langsam präsent.

Verjährung sollte anders geregelt werden

Die Verjährung bei sexuellem Missbrauch sollte analog des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) geregelt sein, auch wenn man die Voraussetzungen nicht eins zu eins gleichsetzen kann. Zivilrechtliche Ansprüche beginnen entsprechend § 199 BGB zu verjähren,  soweit nicht ein anderer Verjährungsbeginn bestimmt ist, mit dem Schluss des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist und der Gläubiger von den den Anspruch begründenden Umständen und der Person des Schuldners Kenntnis erlangt oder ohne grobe Fahrlässigkeit erlangen müsste.

Bei einem Missbrauch, der eben schwere psychische Störungen verursachen kann, sollte die Verjährung also erst dann beginnen, wenn das Opfer von dem Missbrauch bewusst Kenntnis hatte bzw. subjektiv davon Kenntnis erlangen konnte. Das wäre gegenüber den Opfern fair und würde zu einer gerechten Verfolgung der Täter führen.

Politik und Medien zeigen zu wenig Interesse am Opferschutz

Es ist leider davon auszugehen, dass die Politik sich dieses Themas so schnell nicht annehmen wird. Es ist ernüchternd, aber man muss leider feststellen, dass die Verfolgung des sexuellen Missbrauchs von Kindern für die Politik und die Medien nicht so wichtig ist, dass dieses Thema offener und offensiver behandelt wird. Es wäre einfach durch kleine gesetzliche Änderungen Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Opfern zugutekommen, aber auch Tätern. Es sollte immer zwischen dem pädophilen Missbrauch und dem Gewaltmissbrauch differenziert werden. Pädophile Menschen sind nicht gesund und benötigen Hilfe. Und Hilfe, die Opfern und Tätern zugutekommt, könnte durch einfache gesetzliche Änderungen geschaffen werden. Die Parteien versagen hier, egal ob CDU, SPD, Grüne, FDP oder Linke, die seit Jahren etwas hätten ändern können. Proporz, Selbstdarstellung, medienwirksame Themen und Lobby sind wichtiger, als die Zukunft von Kindern. Aber auch die Medien schweigen zu dem Thema lieber. Ein 23. Talkabend über die Dieselaffäre ist wichtiger und quotenreicher als ein Talkabend über Kinder. So bedarf es Menschen, die sich oft ehrenamtlich dafür einsetzen, dass sich etwas ändert oder einen Til Schweiger, der dankenswerterweise bei diesem Thema nie schweigt, sondern kompromisslos für die Opfer einsteht.
Es wäre schön, wenn es in der Politik und im Showbiz mehr Til Schweiger geben würde, die sich klar für Kinder positionieren und ihre Stimme erheben, als die zahlreichen austauschbaren Talkgäste in den Talkshows. Lieber ein Til Schweiger im Parlament und auf dem Talksofa, als nichtssagende Politiker, die Chancen haben, diese aber nicht nutzen. Wer Chancen hat, aber nicht nutzt, sollte in den Spiegel schauen und sich überlegen, ob man anders handeln würde, wenn das eigene Kind betroffen wäre.

 


Ein Gastbeitrag von Moritz Gallenkamp. Er ist Vorsitzender der FDP Osnabrück und als Rechtsanwalt in Osnabrück tätig. Moritz Gallenkamp äußert sich immer wieder öffentlich zu dem Thema „sexueller Missbrauch von Kindern“, so zum Beispiel auch bei The Huffington Post. Er steht öffentlich zu seinem christlichen Glauben und dass er an der Glaubensgemeinschaft der katholischen und evangelischen Kirche teilnimmt.

Im vergangenen Frühjahr hatte unsere Redaktion Gelegenheit mit Moritz Gallenkamp über sein Engagement zu unterhalten, hier geht es zum ausführlichen Interview.