Seit April 2024 hat Prof. Dr. Christoph Mauntel die Professur für Geschichte des Mittelalters an der Universität Osnabrück inne. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit Mobilität, Reisen und Verzögerungen – Themen, die überraschend aktuell wirken. Es wird deutlich: Das Mittelalter war deutlich mobiler, planbarer und zugleich geduldiger, als es gängige Vorstellungen vermuten lassen.
Reisen zwischen Pflicht und Planung
Mauntel selbst ist heute regelmäßig unterwegs, etwa mit der Bahn nach Osnabrück oder zuletzt kurz vor Weihnachten zu einem Vortrag nach Paris. Im Mittelalter hätte eine solche Reise ganz anders ausgesehen. „Boten oder Gesandte waren mitunter zu Pferd unterwegs. Das war aber teuer, ebenso wie Kutschen, daher ist man hauptsächlich zu Fuß gegangen“, weiß der Historiker. Eine Fahrt nach Paris hätte sich entsprechend über Wochen oder Monate hingezogen. Dennoch sei Mobilität kein Randphänomen gewesen. „Die Gesellschaft zwischen 500-1500 war mobiler, als wir oft denken.“ Bauern brachten Abgaben zum Herrenhof, Kaufleute reisten zwischen Städten, Könige zogen mit ihrem gesamten Hofstaat umher. „Dann waren in manchen Fällen bis zu 1.000 Menschen zusammen auf Reisen.“

Pilger als Pauschalreisende
Besonders interessiert Christoph Mauntel, dass Reisen im Laufe des Mittelalters zunehmend planbarer wurden. Vor allem längere Strecken ließen sich besser organisieren. Pilgerreisen seien ein gutes Beispiel dafür. „In Venedig konnten Pilger gewissermaßen eine Pauschalreise nach Jerusalem buchen, inklusive einer Führung vor Ort, einer Überfahrt über das Mittelmeer und Einreisedokumenten in das Heilige Land.“ Parallel dazu entwickelten sich Botensysteme weiter, im Spätmittelalter entstand sogar ein professionelles Postwesen. Dadurch wurde auch Diplomatie effizienter. Während im Frühmittelalter selbst Herrscher oft nicht wussten, wo sie sich in wenigen Wochen aufhalten würden, änderte sich dies später durch bessere Planung.
Warten als Teil der Mobilität
Mit wachsender Planbarkeit rückten auch Verzögerungen stärker ins Bewusstsein. Mauntel ist überzeugt, dass Menschen im Mittelalter zwar sensibel für ihre Pläne waren, aber gelassener mit Verzögerungen umgingen. „Ich frage mich eher, wie hoch die Toleranz für Verzögerungen und Wartezeiten war.“ Seereisen seien wetterabhängig gewesen, Verspätungen einkalkuliert. Gleichzeitig zeigen Reiseberichte, dass Geduld nicht unbegrenzt war. „Aus einigen Berichten spricht deutlich die Ungeduld.“ Besonders Gesandte waren mit dem Warten vertraut und nutzten es strategisch. Sie wussten, „wie lange ein Herrscher sie auf eine Audienz warten lassen durfte“. Überschritt die Wartezeit diese Grenze, wurde protestiert. Das bewusste Wartenlassen war dabei ein Machtinstrument. „Die Person, die bestimmt, wann das Treffen stattfindet, hat Macht.“
Kein Luxus, sondern Risiko
Trotz aller Organisation war Reisen im Mittelalter für den Professor der Universität Osnabrück kein Privileg. „Reisen, das geht aus den Quellen hervor, war im Mittelalter erst einmal nichts Positives, weil es mit Arbeit und Gefahr verbunden war“, erklärt Christoph Mauntel. Zu Fuß unterwegs zu sein bedeutete, Wetter, Krankheiten und Überfällen ausgesetzt zu sein. Reisen war Pflicht oder Notwendigkeit, kein Ausdruck von Freiheit. Erst im 15. und 16. Jahrhundert begann der Adel, Reisen gezielt zur Repräsentation zu nutzen. Parallelen zur Gegenwart sieht Mauntel dennoch, etwa bei Fluchtbewegungen. Auch heute sei Mobilität oft erzwungen und mit langem Warten verbunden. Damit zeigt seine Forschung, dass mittelalterliche Erfahrungen von Reisen und Verzögerungen überraschend viel über moderne Formen von Mobilität erzählen.
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