Als Osnabrücker wählt man „eigentlich“ den Weg durch das Katharinenviertel, statt über die enge Lotter Straße. Da aber auch auf dieser schmalen Gasse das Radfahren sicherer(!) werden soll, greift die Stadtverwaltung nun zum Farbeimer.

Egal ob New York, Kopenhagen oder Bohmte – wenn es um die Begründung neuer Maßnahmen geht, die das Radfahren befördern sollen, sind sich Lokalpolitiker und Stadtverwaltung nie für einen Vergleich zu schade.
Dieses Mal ist es die Hauptstadt der Alpenrepublik Österreich, die zwar in keiner Weise vergleichbar mit der Hasestadt zu sein scheint, aber als Impulsgeber für ein „noch mehr“ an Fahrbahnmarkierung herhalten darf. Den zum Fahrrad-Symbol eigentlich zugehörigen Fahrradweg wird man aber vergeblich suchen, den gibt es nicht, nur das Symbol.

Fahrradweg-Symbol ohne Fahrradweg

„Was in Wien funktioniert, wird hoffentlich auch das Radfahren in Osnabrück verbessern“, schreibt das Presseamt der Stadt in einer Meldung, die einen Modellversuch mit „Sharrows“ ankündigt.
Ein „Versuch“ der „zur Verbesserung der Verkehrssicherheit für Radfahrer“ durchgeführt wird und einen Fahrradweg vorgaukelt, wo keiner ist.

Gewisse Parallelen zur Kreuzungssituation am Domhof drängen sich auf, wo ein Schachbbrettmuster einen nicht vorhandenen Fußgängerüberweg simuliert und täglich dutzendfach für ratlose Gesichter auswärtiger Verkehrsteilnehmer sorgt.

52 Piktogramme auf 645 Metern

Insgesamt 52 Fahrradpiktogramme (das sind die „Sharrows“) werden zwischen der Bergstraße und Am Kirchenkamp in beiden Richtungen am Fahrbahnrand markiert.

HASEPOST hat die Distanz in Google Earth Pro nachgemessen: Die „Teststrecke“ ist 645 Meter lang. So wird es bei beidseitiger Markierung je Fahrstreifen alle 25 Meter eine entsprechende Markierung geben. Oder anders: Nach jeweils ungefähr 5 PKW-Längen folgt ein „Sharrow“.

Sharrow-Teststrecke - Kartenansicht
52 „Sharrows“ auf 645 Metern in der Lotter Straße, Screenshot: Google Earth Pro

Radfahrer sollen mehr in der Fahrbahnmitte fahren

Heike Stumberg, Fachdienstleiterin Verkehrsplanung, erläutert zu den Zielen: „Die „Sharrows“ sollen Radfahrer dazu veranlassen, mit größerer Entfernung vom Fahrbahnrand zu fahren. Dadurch werden Gefahren durch unachtsam geöffnete Autotüren vermieden.“
Als weiterer positiver Effekt werden ein Rückgang riskanter Überholvorgänge durch Autofahrer und größere Überholabstände erwartet. Erreicht werden soll eine gesteigerte Aufmerksamkeit der motorisierten Verkehrsteilnehmer auf die Radfahrer, mit denen sie sich die Straße teilen. „Diese positiven Effekte sind im Rahmen eines Modellversuches in Wien im Jahr 2014 nachgewiesen worden“, so die Stadtverwaltung. Ob die Maßnahme auch in der Lotter Straße wirkt, wird im Rahmen einer Masterarbeit evaluiert. Dazu werden online mit einer Vorher–Nachher-Befragung Radfahrer befragt, die in der Lotter Straße unterwegs sind.

Stadtbaurat will, dass sich die Radler sicherer fühlen

Bereits im Jahr 2014 gab es Bestrebungen seitens der Politik, einen einseitigen Schutzstreifen in der Lotter Straße zu markieren. Letztlich wurde von diesem Vorschlag abgesehen, da dieser aufgrund der geringen Straßenbreite sehr häufig durch Autos und Busse mitbenutzt worden wäre. Anlass für die Überlegungen, an der Lotter Straße etwas zu verändern, waren die Beschwerden vieler Radfahrer, die sich beim Fahren auf der Fahrbahn gefährdet fühlen. Ein Teil von ihnen fährt deshalb regelwidrig auf dem Gehweg, um subjektiv sicherer unterwegs zu sein. Die Unfalllage der letzten Jahre belegt aber, dass genau dieses Verhalten gefährlich ist. Stadtbaurat Frank Otte: „Wir erhoffen uns, dass Radfahrer sich mit Hilfe der „Sharrows“ auf der Fahrbahn sicherer fühlen und das Miteinander zwischen Auto- und Radfahrer besser funktioniert.“

Hintergrund zu den „Sharrows“:
„Sharrows“ stammen ursprünglich aus den USA. Der Begriff kommt von „share-the-road / arrows“ und bezeichnet Markierungen, die das Fahrrad-Logo mit einem Pfeil kombinieren. Sie werden dort eingesetzt, wo sich Kfz und Fahrräder die Fahrbahn teilen, wenn aus Platzgründen keine Radfahrstreifen oder Schutzstreifen möglich sind. Vor allem im Knotenbereich und neben Parkständen weisen sie auf erforderliche Seitenabstände hin. In Osnabrück erfolgt die Markierung allerdings ohne Pfeil, da an Kreuzungen sonst Missverständnisse mit Richtungspfeilen befürchtet werden.

Titelfoto: Sven Jürgensen, Stadt Osnabrück