In der sonst recht harmonischen Schimpansengruppe im Zoo Osnabrück geht es zurzeit manchmal ruppiger zu: Die Weibchen streiten um die Rangordnung innerhalb der siebenköpfigen Familie.

Am Freitag informierte der Zoo darüber, warum bei der Schimpansen-Familie derzeit der Haussegen schief hängt und manchmal die Fetzen fliegen.


„Schimpansen können schon sehr grob und bis hin zu aggressiv miteinander umgehen“, berichtet Zoodirektor Prof. Michael Böer. „Aktuell haben wir bei unseren Schimpansen eine besondere Situation: Die jüngere Vakanga verhält sich ausgesprochen dominant gegenüber der ältesten Schimpansin Lady und will sich so in der Gruppe besser stellen.“

Rangordnungen sind klar gegliedert

Schimpansen haben in ihren Verbänden Rangordnungen: Ganz oben steht das Männchen, die Weibchen ordnen sich darunter nachfolgend ein. „Doch diese Rangordnungen sind nicht immer stabil und friedlich. Es gibt auch Phasen der Auseinandersetzungen und Aggressionen. Dann werden zum Beispiel soziale Vorrechte oder begehrte Ressourcen wie Schlafplätze, Futter, Aussichtspunkte oder Paarungspartner erstritten oder sogar erkämpft“, erläutert Böer. Besucher können unter Umständen Zeuge dieser Streitigkeiten zwischen Vakanga und Lady werden. „Da Schimpansen ein raubtierähnliches Gebiss haben, können dabei auch schon mal Verletzungen entstehen, die behandelt werden müssen. So hatte Lady neulich eine Wunde am Kopf, nachdem Männchen Tatu, anscheinend aufgestachelt von Vakanga, sie angriff. Wir mussten Lady deswegen narkotisieren und die Wunde versorgen“, so Böer.

Lady und Tisa wurden von der Gruppe getrennt

Dem bereits 48 Jahre alten Schimpansenweibchen geht es wieder gut. Allerdings kann Lady nun nicht in die Gruppe zurück. „Wir möchten sie nicht dem Risiko aussetzen, dass sie eine ernsthafte Verletzung davonträgt. Deswegen ist Lady nun mit ihrer Tochter Tisa zusammen und abgetrennt von den anderen. Die Tiere haben aber immer noch Kontakt über ein Gitter. Das ist sehr wichtig, damit sich der Konflikt nicht verfestigt“, erläutert Zoodirektor Böer. Durch die separate Haltung kann es sein, dass Besucher zeitweise keine Schimpansen in der 500 Quadratmeter großen Schimpansenhalle sehen, denn der Kontaktbereich mit Gitter liegt in den hinteren Schlafbereichen und ist für die Besucher nicht einsehbar. „Dass es diese Rangkämpfe bei Schimpansen gibt, ist normal. Das passiert auch in der Wildbahn und dort sind diese Menschenaffen ebenfalls nicht zimperlich bei Streitigkeiten untereinander – das kann in besonderen Situationen, wie wenn mehrere fremde Männchen benachbarter Reviere ein oder mehrere Weibchen übernehmen wollen, auch zu tödlichen Kämpfen führen. Selbst Kannibalismus ist beobachtet worden“, berichtet Böer. Bei den Schimpansen im Osnabrücker Zoo handelt es sich um Westafrikanische Schimpansen – eine Unterart, die vom Aussterben bedroht ist. Deswegen sei die artgerechte Haltung und wissenschaftlich geführte Nachzucht in Zoos auch sehr wichtig, betont Böer. Die Gruppe sei ansonsten sehr harmonisch und Tatu, Vater von zehn Jungtieren, ein sehr ruhiges Familienoberhaupt.

Schimpansenweibchen Vakanga, Zoo Osnabrück
In der sonst recht harmonischen Schimpansengruppe im Zoo Osnabrück geht es zurzeit recht ruppig zu zwischen Schimpansenweibchen Vakanga und ihrer Artgenossin Lady (Foto: Zoo Osnabrück)

Wissenschaftliche Beobachtungen der Gruppe

Wann die Tiere wieder zusammenkommen, hängt vom individuellen Verhalten der Schimpansen ab. Aktuell lässt der Zoo die Interaktionen in der Gruppe detailliert durch eine Biologiestudentin für eine Bachelorarbeit auf wissenschaftlicher Basis beobachten. Dabei protokolliert die Studentin das Sozialverhalten der Tiere etwa drei bis fünf Stunden am Tag und notiert auch, was genau vor dem dominanten Verhalten in der Gruppe passiert. „Wir tauschen uns zusätzlich intensiv mit anderen Zoos über die Situation aus, um das Verhalten der Schimpansen bei uns mit anderen Gruppen abzugleichen und die verschiedenen möglichen Schritte gemeinsam zu erörtern. Wir hoffen, dass wir die Tiere bald wieder zusammenlassen können“, so der Zoodirektor.

Insgesamt leben sieben Schimpansen im Zoo Osnabrück: Männchen Tatu (29 J.), Lady (48 J.), Vanessa (35 J.), Vakanga (23 J.), Tisa (15 J.), Helmut (4 J.) und Tamika (3 J.). Die Osnabrücker Schimpansenanlage gehört mit einer 500 Quadratmeter großen und begrünten Innenanlage sowie einer 2.400 Quadratmeter großen Außenanlage zu den größten in Europa.