In unserem kollektiven Gedächtnis stehen die 1980er nur für einige, wenige Dinge. Dabei war es ein für die heutige Zeit entscheidendes Jahrzehnt.

2015 wollte es die Deutsche Presse-Agentur wissen und ließ eine repräsentative Umfrage erstellen: „Welches ist Ihr Lieblings-Nachkriegsjahrzehnt?“ fragte man und die Antwort war überwältigend eindeutig: Fast ein Viertel sprach sich für die 1980er aus, ein ziemliches Statement für Nena, NDW und New Wave. Allerdings hatte diese Umfrage eine Schwäche: Sie basierte auf persönlichen Vorlieben. Der eine wählte vielleicht die 80er, weil er sie mit seinen Teenagerjahren verbindet, der andere wegen der ziemlich einzigartigen Musik. Für diesen Artikel wollen wir über solche subjektiven Eindrücke hinausgehen. Denn Tatsache ist, für sehr viele gesellschaftliche Realitäten unserer späten 2010er wurden vor über 30 Jahren die Fundamente gegossen, die Bundeszentrale für politische Bildung nennt es gar ein „Scharnierjahrzehnt“ – was die 80er, ganz objektiv betrachtet, zu einer unheimlich wichtigen Epoche macht, ohne deren Entwicklungen unsere Gegenwart anders aussehen würde.

1. Startpunkt: Elektronik

Unser erstes Kapitel ist bereits archetypisch für alle, die noch folgen. Denn es dreht sich immer um Dinge, die zwar schon vor den 1980ern entstanden waren, aber erst in diesem Jahrzehnt zu einem wichtigen Motor wurden. So die Elektronik. Zwar wurde der Transistor schon in den 1940ern erfunden und es gab schon in den vorherigen Jahrzehnten unzählige zivile wie militärische Anwendungen dafür. Ja, selbst Videospiele existierten bereits in den 1970ern – etwa das legendäre Pong. Doch die 80er waren es, die Elektronik massenweise in Normalo-Haushalte katapultierten.

Es war das Jahrzehnt eines Commodore C64 – dem ersten Heimcomputer, der nicht nur erschwinglich war, sondern sich auch für unzählige Anwendungen eignete, vom Programmieren bis zum ersten vernetzten Spielen. 1988 erschien „Club Caribe“, welches erstmalig via Telefon-Akustikkoppler über ein weiteres 80er-Kind gespielt werden konnte, die Frühformen des Internets. Das erste Multiplayer-Rollenspiel nach heutigem Verständnis.

Elektronik für jeden. Auch ohne „ernsthafte“ Anwendung. Kaum ein 80er-Produkt verdeutlicht das so sehr wie tragbare Kassettenspieler.

Und auch abseits des PCs wurde Elektronik allgegenwärtig. Plötzlich steckten Programm-Chips in Waschmaschinen, überwachten Computerhirne das Fahr- und Bremsverhalten eines Fahrzeugs. Selbst wer heute glaubt, dass sein vollelektronischer LED-Tacho im Auto das Nonplusultra sei, muss sich vor den 80ern geschlagen geben – schon damals lieferten u.a. VW und Opel volldigitalisierte „Mäusekinos“ aus.

2. Startpunkt: Gentechnik

Erst kürzlich verkündete die Stadtverwaltung einen neuen Grundsatz. Künftig will Osnabrück nicht mehr in anrüchige Fonds investieren – darunter keine, die Gentechnik fördern. Dass man es so tut, ist nur einem weiten Weg zu verdanken, der in den 80ern begann. Denn nachdem in den 1970ern die Grundlagen erarbeitet worden waren, ging es im darauffolgenden Jahrzehnt rasend schnell: 1988 wurde mit „Nicotiana“ die erste genetisch modifizierte Pflanze großmaßstäblich angebaut – eine Tabaksorte. Gleichsam wurden die ersten Techniken zur Gentherapie ersonnen, wenngleich die erste Behandlung erst 1990 stattfand. Dass heute Gentechnik nicht nur „normal“ ist, sondern auch kritisiert wird, ist letztlich wieder eine Folge der Entwicklungen in den 80ern – wenngleich damalige Gen-Gegner eher ethisch-religiöse Gründe ins Feld führten.

3. Startpunkt: Fernsehen

Es war schon ein Drittel der 1980er vergangen, bis das Fernsehen von Deutschland zu dem wurde, als das wir es heute kennen. Am 1. Januar 1984 startete die „Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS)“ ihren Sendebetrieb – heute als Sat 1 bekannt. Einen Tag später ging RTL an den Start. Beide Sender brachten dem deutschen Fernsehen, das über seine gesamte bisherige Geschichte in staatlicher Hand gewesen war, erstmals einen privaten Touch. Damit änderten sich nicht nur unsere Fernsehgewohnheiten an und für sich, sondern Experten sind auch der Meinung, dass sich darüber die Sportwelt verändert habe: Als RTL 1988 eine eigene Fußballsendung auf die Beine stellte, entzog man den Öffentlich-Rechtlichen damit nicht nur das bisherige Privileg auf die Fußballberichterstattung, sondern machte den Sport auch zu einer werbewertvollen Unterhaltung. Wer Spots in bei „Anpfiff“ unterbringen wollte, musste tief in die Tasche greifen.

Und wenn heute eine Serie wie „Stranger Things“ oder „The Americans“ von den Kritikern

Vor allem das Waldsterben machte den Umweltschutz in den 80ern auf einen Schlag massentauglich. Den „deutschen Wald“ wollte niemand auf dem Gewissen haben.

mit Lob nur so überschüttet werden, dann auch deshalb, weil sie den Kreis schließen: alle Errungenschaften des 80er-basierten Privatfernsehens, um darin die 80er selbst zu feiern.

4. Startpunkt: Umweltbewusstsein

Wohl jeder Deutsche, der heute beispielsweise in die USA reist, dürfte mit ziemlicher Verwunderung eine dortige Praxis sehen: eine Mülltonne, für alles. Dass wir dies nicht als normal ansehen, ist abermals den 1980ern zu verdanken. Denn damals trat nicht nur das generelle Problembewusstsein dafür, dass der Mensch die Umwelt in massivem Umfang schädigt, erstmals ins Licht der breiten Öffentlichkeit. Viel mehr waren es auch die 80er, die überhaupt erst dafür sorgen, dass wir heute verstehen, dass das Verhalten jedes einzelnen über Wohl und Wehe entscheiden kann.

Natürlich, die frühen Umwelt- und Anti-Atomkraftbewegungen, die in der Grünen-Partei einen Zusammenschluss fanden, waren der entscheidende politische Part dieser Zäsur. Doch in den 80ern kamen noch mehrere Dinge dazu. Etwa saurer Regen, das Waldsterben, die Katastrophe von Tschernobyl. Und erstmals begann auch die Medienlandschaft, diese Probleme prominent zu präsentieren. Es erfolgte eine Beweislastumkehr: Nicht mehr der, der die Umwelt schützte, musste sich rechtfertigen, sondern der, der sie schädigte. Das Umweltthema trat ins Rampenlicht der Normalverbraucher. Katalysatoren wurden in der BRD in den 80ern Pflicht. Das Ozonloch wurde ebenso entdeckt wie einer seiner Haupt-Verursacher – Spraydosen mit FCKW-haltigen Treibmitteln.

Nie zuvor waren plötzlich so viele Umweltpunkte breitgesellschaftlich vorhanden, wurden diskutiert und akzeptiert. Ohne die 80er stünde die Umwelt – global – heute wahrscheinlich noch wesentlich beschädigter dar, als sie es sowieso schon ist.

5. Mode

Natürlich ist es unmöglich, einen Artikel über die 1980er zu erstellen, ohne auf die Mode einzugehen. Dafür war dieses Jahrzehnt in sämtlichen Ausprägungen einfach viel zu signifikant. Aber statt an dieser Stelle einmal mehr das Lied der Karottenhose zu singen, zeigen wir eine andere Bedeutung. Zwei, um genau zu sein.

Wenn heute jemand durch Osnabrücks Innenstadt geht, dreht sich niemand mehr um, wenn auf seinem Pullover das übergroße Logo irgendeines Sportartikelherstellers prangt. Riesige Markenaufdrucke sind in der Mode fast schon das normalste der Welt – und das nur, weil es die 80er gab. Und diese Logos haben wiederum ihre Wurzel in der zweiten Bedeutung dieser Epoche.

Denn in den 80ern wurde es erstmals breitgesellschaftlich tauglich, sich auf der Straße mit Sportbekleidung zu zeigen. Auch die gab es damals schon seit Jahrzehnten. Aber egal ob man zuvor Tennis oder Fußball gespielt hatte, wenn man den Platz verließ, trug man wieder „Unsportliches“. Dann aber kamen die 80er. Und mit ihr die Erhebung von Sportlerstars in die Riege der Über-Promis. Wenn ein Boris Becker sich in der ausgebeulten Sport-Windjacke den Kameras präsentierte, obwohl sein Match seit Stunden vorbei war, sendete das ein überdeutliches Signal – und die Modelabels griffen allzu gerne zu.

Erst waren es die Firmen, die sich vornehmlich mit dem „großen Sport der 80er“ befassten, Tennis. Das „Fila-F“ war plötzlich allgegenwärtig. Und rasch zogen auch andere Sportartikelhersteller nach. Spätestens ab der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts trugen Männer und Frauen von Welt Adidas, Nike und Co. – auch im Büro, der Kneipe oder der Couch. Doch auch das machten die 80er: Sie zogen das über die Logodrucke überdeutlich sichtbare Markenbewusstsein in die Köpfe vor allem einer jungen Generation.

Fazit

Wenn wir heute an die 1980er denken, denken wir meist an Popkulturelles – schon deshalb, weil die Charthits dieses Jahrzehnts auch heute noch im normalen Radio rauf und runter laufen. Doch neben solchen Oberflächlichkeiten waren die 80er Startpunkt für so viel mehr. Und nicht wenige Fachleute glauben, dass sie die wichtigste soziokulturelle Wurzel für unser heutiges Leben sind. Denn egal wohin man blickt, die Spuren der 80er sind fast allgegenwärtig. Und das nicht nur in Retro-Mode oder Dirty-Dancing-Wiederholungen.

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