Es ist eine Nachricht, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre: Volkswagen fehlt derzeit das Geld, um die Entwicklung einer neuen Generation seines wichtigsten Automodells voranzutreiben. Ausgerechnet der Golf, seit mehr als einem halben Jahrhundert das Aushängeschild des Wolfsburger Autobauers, fällt dem verschärften Sparkurs zum Opfer. Der geplante elektrische Nachfolger wird vorerst auf Eis gelegt.
„Wir können uns diese Arbeiten gerade schlicht nicht leisten“, erklärte VW-Markenchef Thomas Schäfer in einem internen Interview, das am Freitag (30. Oktober) im Intranet des Konzerns veröffentlicht wurde und dem NDR sowie der Nachrichtenagentur Reuters vorliegt.
Die Entscheidung sei nicht leichtgefallen. Schließlich wisse man bei Volkswagen, welche Bedeutung der Golf für das Unternehmen und insbesondere für den Standort Wolfsburg habe. Schäfer betonte allerdings, dass es sich nicht um eine endgültige Einstellung des Projekts handele: „Wir pausieren, wir streichen nicht.“
Der Golf soll elektrisch werden – irgendwann
Seit 1974 steht der Golf wie kaum ein anderes Fahrzeug für die Marke Volkswagen. Mehr als 50 Jahre nach dem Produktionsstart der ersten Generation sollte der vollständig elektrische ID. Golf die Erfolgsgeschichte fortsetzen.
Die inzwischen neunte Generation des Kompaktwagens soll auf der neuen Elektroplattform SSP aufbauen. Diese soll künftig die technologische Grundlage für zahlreiche Fahrzeuge des Volkswagen-Konzerns bilden.
Noch im Frühjahr war bei Volkswagen davon die Rede, dass der neue Golf in Richtung 2030 auf den Markt kommen könnte. Mittlerweile spricht der Konzern vom Anfang der 2030er-Jahre. Einen konkreten Termin gibt es nicht.
Ob dieser ohnehin bereits nach hinten gerückte Zeitplan eingehalten werden kann, ist fraglich. Denn mit der nun angekündigten Entwicklungspause geht wertvolle Zeit verloren.
Die Automobilexpertin Prof. Dr. Helena Wisbert von der Ostfalia Hochschule hält weitere Verzögerungen für wahrscheinlich. Gegenüber dem NDR erklärte sie, dass Entwicklungsprozesse in der Automobilindustrie eng aufeinander abgestimmt seien. Verzögerungen in einer frühen Phase hätten deshalb gewöhnlich Auswirkungen auf den späteren Produktionsstart.
Milliardenverlust zwingt Volkswagen zum Sparen
Der vorläufige Entwicklungsstopp kommt unmittelbar nach der Veröffentlichung dramatischer Geschäftszahlen.
Am Donnerstag meldete Volkswagen für das dritte Quartal 2026 einen Konzernverlust nach Steuern von rund 5,8 Milliarden Euro. Verantwortlich dafür sind vor allem milliardenschwere Abschreibungen bei Porsche, das schwache Geschäft in China und hohe Kosten für den Konzernumbau.
Doch die Schwierigkeiten betreffen längst nicht mehr nur die Sportwagentochter Porsche. Die Kernmarke Volkswagen Pkw verzeichnete im dritten Quartal einen operativen Verlust von 182 Millionen Euro. In den ersten neun Monaten des Jahres lag die operative Umsatzrendite bei lediglich 1,3 Prozent.
Zum Vergleich: Die ebenfalls zum Konzern gehörende Marke Skoda erreichte im selben Zeitraum eine Umsatzrendite von 8,3 Prozent.
Volkswagen steckt dabei in einem Dilemma. Die Nachfrage nach Elektroautos steigt in Deutschland deutlich. Nach Angaben des Unternehmens verdienen die Wolfsburger an diesen Fahrzeugen allerdings bislang weniger als an vergleichbaren Verbrennermodellen.
Je stärker sich der Absatz in Richtung Elektromobilität verschiebt, desto größer wird deshalb kurzfristig der Druck auf die Gewinne.
Selbst das Stammwerk Wolfsburg verfehlt seine Sparziele
Besonders brisant ist die Entwicklung für das Wolfsburger Stammwerk. Nach Angaben von Reuters und Handelsblatt fehlen dem Standort im laufenden Jahr rund 300 Millionen Euro, um die vereinbarten Einsparziele zu erreichen.
Dabei sollte ausgerechnet der elektrische Golf eine zentrale Rolle bei der Zukunftssicherung des Stammwerks übernehmen.
Die Produktion des bisherigen Golf mit Verbrennungsmotor soll künftig nach Mexiko verlagert werden. Wolfsburg soll stattdessen neue Elektrofahrzeuge auf der SSP-Plattform fertigen.
Neben dem ID. Golf ist ein elektrisches Modell im Segment des T-Roc vorgesehen. Dessen Entwicklung läuft nach Angaben des Betriebsrats weiter. Es soll als erstes Fahrzeug auf der neuen Plattform in Wolfsburg gebaut werden.
Der Volkswagen-Betriebsrat bemüht sich, die Folgen des Entwicklungsstopps herunterzuspielen. Die Pause bedeute nicht zwangsläufig, dass sich die Markteinführung verschiebe. Verlorene Entwicklungszeit könne wieder aufgeholt werden. Zugleich räumt die Arbeitnehmervertretung ein, dass der Ausgabenstopp die angespannte finanzielle Lage des Unternehmens deutlich mache.
Auch das Volkswagen-Werk in Osnabrück belastet die Bilanz
Die Krise des Automobilkonzerns hat längst direkte Auswirkungen auf Osnabrück.
In seiner am Donnerstag veröffentlichten Mitteilung zu den Geschäftszahlen nennt Volkswagen ausdrücklich den angestrebten Verkauf der Volkswagen Osnabrück GmbH als einen der Sondereffekte, die das operative Ergebnis der Kernmarke belasten.
Neben Restrukturierungskosten und der Einstellung der ID.4-Produktion im amerikanischen Chattanooga trägt damit die ungewisse Zukunft des Osnabrücker Werks zur finanziellen Belastung bei.
Wie groß der Anteil der auf Osnabrück entfallenden Aufwendungen am Gesamtergebnis ist, geht aus den veröffentlichten Zahlen nicht hervor.