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VfL Osnabrück: Auch Holstein Kiel kann den VfL nicht bremsen!

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Man kann ruhig mal glücklich und verdient zugleich gewinnen …

Ein extrem kurzweiliges Spiel, das zunächst nach einer klaren Niederlage für den VfL aussah, kippte in der zweiten Halbzeit komplett zugunsten der Osnabrücker um. Doch Glück allein kann es nicht gewesen sein, dass am Ende ein sensationeller 4:2 Auswärtssieg zu Buche stand …

Dass der VfL in der Kickerformtabelle nach der Vorstellung gegen den HSV den zweiten Platz (Note 3,15) hinter Bielefeld festigen konnte, verwundert nicht, und Kiel befand sich auf Platz neun (3,48) mit Tendenz nach oben. Tatsächlich spielte der VfL als Tabellenneunter gegen den Sechsten aus Kiel und beide Teams trennte vor der Partie ein einziger Punkt, nun sind es zwei und Kiel steht auf dem neunten Platz. Wie das angehen kann? Einfacher und zugleich schwerer, als man denkt …

Marc Heider gegen Phil Neumann (Kiel), Foto: imago images / Holsteinoffice
Marc Heider gegen Phil Neumann (Kiel), Foto: imago images / Holsteinoffice


Vor dem Spiel

Daniel Thioune sprach auf der PK vor dem Spiel von der Mannschaft der Stunde und meinte damit die “Kieler Sportvereinigung Holstein”, die aus den letzten sechs Spielen 13 Punkte geholt hatte. Der Kieler Trainer Ole Werner ist mit seinen 31 Jahren übrigens der jüngste Trainer der drei deutschen Topligen.
Mit dem sensationellen 2:1-Sieg gegen den HSV hatte der VfL, zumindest nach Ansicht vieler Fans, seine Hinrundenschuldigkeit bereits getan und war seit sechs Spielen ungeschlagen, wobei neben den vier Unentschieden die beiden Dreier ausgerechnet gegen die Aufstiegsfavoriten VfB Stuttgart und HSV geholt worden waren. Also trafen heute die beiden Mannschaften der Stunde aufeinander und am Ende stand nur noch dem VfL dieser Titel zu.
Das kaum noch wiederzuerkennende Holstein-Stadion war mit 12.000 Zuschauern zwar nicht ausverkauft, doch gut besucht und etwa 1.000 Osnabrücker Fans hatten sich auf die äußerst autobahnbaustellenintensive Reise in die Landeshauptstadt begeben. In Kiel scheint man sich nach all den mageren Fußballjahren und den fetten Handballjahren allmählich zu gewöhnen, dass auch Holstein wieder angesagt ist.

Beginn

Gegenüber der Aufstellung gegen den HSV war die Startelf kaum wiederzuerkennen. Agu musste aufgrund einer Trainingsverletzung kurzfristig passen. Amenyidos Ausfall war bekannt, etwas überraschender war, dass Schmidt und Susac auf der Bank saßen, dafür liefen Ouahim, Köhler, Wolze und Heider auf.

Anstoß hatten die Kieler Störche und bereits nach einer Minute die erste gute Chance: Lee flankt aus dem linken Halbfeld vor das Tor, der freistehende Mühling kommt nicht richtig an den Ball und setzt ihn knapp neben den rechten Pfosten. Kiel blieb am Drücker und bestimmte die Anfangsminuten. Zwar meldete sich der VfL in der achten Minute mit einem Schuss von Ouahim, der zuvor von Álvarez angespielt worden war,  und einem Abseitstor zurück, doch ließ er sich in der 10. Minute von den Kielern regelrecht ausspielen.
Der Kieler Lee spielt Özcan auf der linken Seite an, der nach innen flankt, wo Serra den Ball technisch versiert in die Maschen setzt. Die Abwehr wirkte in dem Moment, gelinde gesagt, nicht ganz auf der Höhe.
Der VfL versuchte zwar seinerseits, immer wieder Nadelstiche zu setzen, doch die spielerische Klasse der Kieler war in dieser Phase des Spiels nicht zu übersehen.

Kiel dem VfL spielerisch überlegen

Die mitgereisten Fans gaben alles und stellten immer wieder fest, dass sie aus Osnabrück und immer da sind, doch die Angriffsversuche des VfL verpufften zumeist schon vor dem Sechzehner.
Dann in der 26. Minute wird Heider eindeutig gefoult, was aber erst zwei Minuten später per Videobeweis mit einem Elfmeter geahndet wird. Álvarez tritt an und verlädt den Kieler Torhüter mit einem souverän getretenen Freistoß.
Und so steht es nach einer halben Stunde überraschend 1:1, für den VfL aufgrund der Kieler Überlegenheit zu diesem Zeitpunkt ein glücklicher Spielstand. Dennoch wehrte sich der VfL in gewohnter Weise mit allen Kräften, auch Álvarez und Heider arbeiteten viel nach hinten, doch Kiels Überlegenheit war nicht von der Hand zu weisen.
In der 34. Minute flankt Lee auf Iyoha, der knapp links neben das Tor schießt. In der 42. Minute dann klares Handspiel durch van Aken, den Elfmeter versenkt Mühling mit einem harten Schuss in die Mitte, Kühn hatte sich für seine linke Ecke entschieden.

Halbzeitfazit:

Die Kieler Führung ging völlig in Ordnung. Die Kieler bestimmten die ganze erste Halbzeit. Der VfL war im Mittelfeld zu weit vom Gegner entfernt, die hohe Fehlpassquote tat ihr Übriges. Die Frage war, ob Kiel das Tempo und das Niveau in der zweiten Halbzeit würde halten können.

Halbzeitgedanken:

Die Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900 e. V. (KSV Holstein), bekannter als Holstein Kiel, hat etwa 2.700 Mitglieder. Die erste Mannschaft der Fußballabteilung gehörte wie die des VfL bis zur Einführung der Bundesliga 1963 jeweils der höchsten deutschen Spielklasse an.
Holstein Kiel wurde 1912 sogar Deutscher Meister und holte 1910 und 1930 die Vizemeisterschaft.
Das Holstein-Stadion ist eins der ältesten Stadien Deutschlands. Auf wikipedia gibt es neben Informationen wunderbare Fotos aus der Frühzeit zu sehen.

Noch mehr Halbzeitgedanken:

Kiel ist mit knapp 250.000 Einwohnern die nördlichste Großstadt Deutschland – nein, es ist nicht Flensburg, da dort 10.000 Einwohner zu wenig wohnen, um Kiel diesen Rang streitig machen zu können, dafür ist Flensburg zweifellos die sehr viel schönere Stadt.
Bei der Wahl zur Kieler Ratsversammlung 2018 wählten 94,1 Prozent demokratische Parteien, von den 59 Plätzen gingen somit nur drei an die AfD.
Über 50 % der Bevölkerung gehören keiner Konfession an, nur 6,8 % sind gen Rom und 8 % gen Mekka orientiert.
Im Kieler Landesparlament regiert übrigens bereits seit 2017 eine Jamaika-Koalition.

Abwegige Halbzeitgedanken:

Mit Kiel verbinde ich viele Auftrittsorte, angefangen bei der Pumpe, entsprechend unserer Lagerhalle, über die Traumfabrik, der Kieler Woche bis hin zur Ostseehalle, in der die Handballmannschaft des THW Kiel – seit Jahrzehnten als großer Konkurrent zum Fußball – ihre Heimspiele vor gut 10.000 Zuschauern austrägt.
Früher trug der NDR das “NDR-Hörfest” aus, bei dem Rockbands und Musiktheatergruppen ausgezeichnet wurden. Im August 19
87 – also vor 32 Jahren – saß ich unter anderem mit Ortwin Löwa, einem meiner engsten Freunde aus meiner Hamburger Zeit, der leider am 10. März dieses Jahres verstorben ist, am ersten Tag mit in der Jury. Am Ende gewann eine quicklebendige, extrem unterhaltsame Gruppe namens Die angefahrenen Schulkinder und ich erinnere mich an folgenden Dialog: “Woher sind die überhaupt?”, fragte ich Ortwin.
“Kennst du die nicht?”, antwortete er verwundert. “Die sind aus deiner alten Heimat, Kalla …”
“A watt …”
“Ja, erstaunlich nicht. Wer hätte das gedacht?”
“Was denn?”, hakte ich nach.
“Na, dass auch Gutes aus Osnabrück kommen kann …”
Ich vermisse Ortwin sehr.

Noch abwegigere Halbzeitgedanken:

Die spare ich mir heute lieber für das Rückspiel auf, denn wie ich Mitte der 90er sturzbesoffen versehentlich einen Streit in Brösels Stammkneipe zwischen zwei Rockergruppen schlichtete, bedarf doch genauerer Erklärungen und Aussagen von Zeitzeugen. Und warum ich einst einen Tag mit den Hooters in der Traumfabrik verbracht habe und mit Knuth Kiesewetter und Dieter Hildebrandt in der Ostseehalle aufgetreten bin, dafür gibt es bestimmt noch Begegnungen in kommenden Spielzeiten.

Beide Teams wechselten nicht zur zweiten Halbzeit

Daniel Thioune sah keinen Grund für einen Wechsel, der Kieler Trainer verständlicherweise auch nicht.
Der VfL störte zunächst früher als in der 1. Halbzeit. Nach einem Ballverlust foult Meffert Álvarez  gut 20 Meter vor dem Kieler Kasten. Der Gefoulte tritt selbst an und verwandelt mit einem phantastischen Kunstschuss oben links in den Winkel. Und es steht 2:2!

Kiel ließ sich nach dem 2:2 das Heft nicht aus der Hand nehmen und kassierte das 2:3 und das 2:4 und verliert am Ende sogar zurecht!

Beide Mannschaften spielten nun munter drauflos. Der VfL kam zwar besser ins Spiel, doch Kiels Schockstarre nach dem 2:2 hielt nur kurz an. In der 60. Minute ging überraschend Álvarez vom Platz, für ihn kam der vom Gastgeber ausgeliehene Kieler Girth ins Spiel.
Kurz darauf Tohuwabohu vor dem Kieler Tor. Blacha nutzt das Durcheinander entschlossen, holt sich den Ball, schlängelt sich ein paar Meter durch den Strafraum, setzt einen eher harmlosen Schuss aufs lange Eck an und der Ball trudelt zum 2:3 über die Linie!
Im Grunde ist der Spielverlauf damit auf den Kopf gestellt, aber wen stört das außer den Kielern?
Gerade als Holstein eine Großchance durch Serra hatte, dessen Kopfball Kühn ohne Mühe parieren konnte, und sich gefangen zu haben schien, versetzt ein Weltklasse-Konter des VfL den Gastgebern den Knockout: Heyer hält den Ball am Fuß, passt auf Henning, der spielt Ajdini an, dessen Querpass wieder bei dem erst kurz zuvor eingewechselten Henning landet, der den Ball zum unfassbaren 2:4 über die Linie drückt.
Was hat der Daniel Thioune bloß für ein Händchen, oder besser: Wie gut kennt der nur seine Mannschaft?
Kiel verliert die Nerven, Meffert erhält fürs Vogelzeigen die rote Karte. Der VfL schießt fast das 2:5, als Ouahim den Pfosten trifft.

Fazit

Die zweite Hälfte, bei der praktisch alles für den VfL lief, ließ die wirklich sehr schwache Leistung der ersten Halbzeit vergessen. Nach dem Platzverweis hätte der VfL sogar einen fünften und sechsten Treffer erzielen können, doch beide Male stand der Pfosten im Weg und es wäre auch des Guten zu viel gewesen.
Die Mannschaft wird einem langsam unheimlich und egal, wen Daniel Thioune auflaufen lässt, seine Entscheidungen passen so gut wie immer. Es ist einfach beeindruckend, wie der VfL Rückschläge wegsteckt und immer wieder ins Spiel zurückfindet, und das ja nicht erst seit heute.
Der VfL ist seit sage und schreibe sieben Spielen ungeschlagen, holte aus den letzten vier Spielen 10 Punkte, steht vorläufig auf Platz fünf und beschert seinen Fans so oder so vorzeitig einen schönen zweiten Advent.
Der VfL hat nun 23 Punkte und kann sich auf die letzten beiden Spiele vor der Winterpause freuen: Am dritten Advent geht es an der Brücke gegen Dynamo Dresden und eine Woche danach startet die Rückrunde mit der Auswärtspartie in Heidenheim.

Zahlen, Daten & Fakten

Zuschauer: 11.920, davon etwa 1.000 aus Osnabrück

Tore:
1:0 (10.) Serra
1:1 (31.) Álvarez – Foulelfmeter
2:1 (42.) Mühling – Handelfmeter
2:2 (48.) Álvarez
2:3 (63.) Blacha
2:4 (77.) Henning

Holstein Kiel: Gelios – Neumann (79. Schmidt), Wahl, Thesker, van den Bergh (79. Atanga) – Meffert, Mühling, Özcan – Iyoha (66. Baku), Lee – Serra
Trainer: Ole Werner

VfL Osnabrück: Kühn – Ajidini, Heyer, van Aken, Wolze – Köhler, Taffertshofer, Blacha (71. Henning), Ouahim (92. Farrona Pulido), Heider – Álvarez (60. Girth)
Trainer: Daniel Thioune

Schiedsrichter: Alexander Sather (Grimma)

Gelbe Karten:
(51.) Iyoha
(74.) Ouahim
(81) Meffert

Rote Karte:
(82.) Meffert

Statistik:
Seit 1947 trafen die beiden Clubs 48-mal aufeinander
Dabei gab 26 Siege für den VfL und 16 für Kiel.
Sechs Spiele gingen unentschieden aus.

Die aktuelle Tabelle:

 

Kalla Wefelhttps://kallawefel.info/
Kalla Wefel saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär. Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Seit über vierzig Jahren arbeitet er professionell als Kabarettist, Musiker, Journalist und Autor.

 

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