„Elbphilharmonie“, dieser Name, der gleichzeitig auch Synonym ist für öffentliche Verschwendung, explodierende Kosten und eine Kulturpolitik, die sich auf elitäre Minderheiten konzentriert, wurde schon mehrfach benutzt im Zusammenhang mit der für 80 Millionen Euro kalkulierten Renovierung des Osnabrücker Theaters.

Nicht selten, zum Beispiel auch bei Kommentaren auf Facebook, wird angemerkt, dass die aktuell vorliegende Kostenschätzung für das Osnabrücker „Theaterchen“ (642 Sitzplätze) bereits um 3 Millionen über der ersten Kostenschätzung für die geradezu gigantische Elbphilharmonie (2.820 Sitzplätze in drei Sälen) liegt, die vor Baubeginn noch 77 Millionen Euro kosten sollte.



Wie unsere Redaktion am Wochenende berichtete, sind in den aktuell geschätzten 80 Millionen Euro allerdings Kostensteigerungen von knapp 30% eingerechnet.

Die Hamburger bekamen zur Elbphilharmonie auch noch ein Luxushotel, Eigentumswohnungen, ein Parkhaus und mehrere Restaurants

Die Elbphilharmonie wurde am Ende mit rund 866 Millionen Euro etwas mehr als 11x so teuer wie geplant – als kompletter Neubau, mit mehr als 4x so vielen Plätzen und inklusive eines 5*-Luxushotels (245 Betten) und 45 exklusiven Eigentumswohnungen im Gebäude, einem Spa, einem Konferenzbereich auf Weltklasseniveau, mehreren Restaurants mit einer Kapazität von mehr als 500 Sitzplätzen und einem Parkhaus mit 433 Stellplätzen.
Last not least ist das Hamburger Konzerthaus inzwischen eine weltweit beachtete Touristenattraktion, die für auswärtige Besucher oft auf einer Liste steht mit Schloss Neuschwanstein und dem Kölner Dom.

Ob das lediglich renovierte Stadttheater Osnabrück für 1/10 der Baukosten wenigstens 1/10 der Attraktivität der Elbphilharmonie erreichen wird, darf bezweifelt werden.

In Hamburg stürzte die CDU in die Bedeutungslosigkeit

Ein Aufschrei ging durch die Republik als die Schlussrechnung für das Hamburger Mega-Bauvorhaben präsentiert wurde: 868 Millionen Euro statt der ursprünglich geplanten 77 Millionen Euro. Dem damaligen Bürgermeister Ole von Beust („der Vater des Kostendebakels„) kostete die Elbphilharmonie das Amt, die einst regierende CDU stürzte in der Hansestadt in die Bedeutungslosigkeit, mit nur noch 15,9% bei den Bürgerschaftswahlen 2015.

Elbphilharmonie für die Hamburger „pro Kopf“ billiger

Gemessen an der geplanten Renovierung des Osnabrücker Theaters kamen die Hamburger allerdings noch billig weg. Nicht nur, dass die Kosten des Neubaus inzwischen auch durch die Pachteinnahmen für das Hotel, die Restaurants, das Parkhaus und den Verkauf der Eigentumswohnungen refinanziert werden; „pro Kopf“ kamen die in den Melderegistern der Hansestadt verzeichneten 1.880.997 Einwohner rein rechnerisch auch noch billiger weg, als die aktuell 169.108 Osnabrücker.
Vom Baby bis zum senilen Greis kostete die Elbphilharmonie jeden Hamburger „nur“ 460,39 Euro, nach aktuellem Stand werden die Osnabrücker pro Kopf 473,07 Euro bezahlen – wohlgemerkt nur für eine Renovierung, ohne zusätzlich ein Parkhaus, ein Hotel, Eigentumswohnungen und mehrere Restaurants „im Paket“ zu erhalten. Und vor allem: Ohne mögliche weitere Kostensteigerungen.

Noch vor vier Jahren ging man im Rathaus von Kosten in Höhe von 20 Millionen Euro aus. Diese Summe hat sich bereits vervierfacht, noch bevor der Stadtrat sein OK für den Umbau gab.

Kommentar des Redakteurs

Das Beispiel Hamburg sollte die Osnabrücker Lokalpolitiker mahnen, dass die Kosten für das Osnabrücker Theater auch noch weiter explodieren können. Es zeigt aber auch, dass so ein Investment nicht nur den eigenen politischen Kopf kosten kann, sondern die Zustimmungswerte für eine einst dominierende Partei während der Bauzeit von knapp 50% auf marginale 15% einbrechen können. Von den tatsächlichen Kosten, die der Steuerzahler tragen muss, ganz zu schweigen – den interessieren die politischen Kosten eigentlich nicht.
Sehr wohl interessiert es die Osnabrücker aber, was sie an Steuern und Abgaben zahlen müssen und in welchem Zustand die Schulen und Turnhallen sind, in die ihre Kinder jeden Tag gehen.
Ins Theater geht man doch deutlich seltener – und wenn es das Stück hergibt, würde manch einer dafür sicher auch nach Hannover oder Oldenburg fahren. Für ein gutes Konzert fährt ein Pop-Liebhaber schließlich auch nach Hamburg oder Köln, wer sagt denn eigentlich, dass ein Theater unbedingt mit dem Stadtbus erreichbar sein muss? Wenn die Mehrheit für ein Konzert-Ticket nicht nur zwischen 150 und 300 Euro investiert und oft einen Tag Urlaub opfert, warum eigentlich geht das nicht auch bei der „Hochkultur“, die ohnehin nur eine Minderheit der Bevölkerung begeistert?

Sicher, man kann argumentieren, dass ja 2/3 der Renovierungskosten für das Provinztheater in Osnabrück die Steuerzahler „von anderswo“ ausgeben sollen, aber das sind auch Steuerzahler, wie die Osnabrücker. Und noch ist es völlig offen, ob sich Bund und Land an den Kosten beteiligen.
Nicht zuletzt weil in Lokalparlamenten und Verwaltungen die Denkweise vorherrscht „soll sich doch der Bund beteiligen“, haben wir in Deutschland ein so absurd hohes Steuerniveau. Wieso gilt nicht bundesweit der Grundsatz: „Wenn die Gemeinde es nicht aus eigener Tasche schaffen kann, dann ist es halt eine Nummer zu groß!“ Aber das ist schon wieder eine andere politische Baustelle.
Zurück zur geplanten ganz konkreten Baustelle am Domhof in Osnabrück: Ganz besonders erstaunlich ist, dass der Osnabrücker Oberbürgermeister (wie auch der ehemalige Hamburger Bürgermeister Ole von Beust ein CDU-Mitglied) bei der Handgiftenrede 2015 die damals noch auf moderate 20 Millionen geschätzten Renovierungskosten als „kaum noch zu vermitteln“ bezeichnete, nun aber in Nibelungentreue zu den geradezu religiös anmutend für das Theater „kämpfenden“ Renovierungsbefürwortern steht.
Was ist da passiert in den vergangenen vier Jahren, Herr Griesert?

Von durchaus möglichen und vermutlich auch nötigen drastischen Anhebungen der Eintrittspreise und einer Orientierung mehr am Geschmack der Massen – die schließlich für die Kosten aufkommen sollen – war von diesen eifernden Ratsmitgliedern bislang noch nichts zu hören.
Das wäre immerhin ein erster Schritt. Der zweite – ebenso notwendige Schritt – wäre die Erstellung eines kostengünsigeren „Plan B“, den sich Osnabrück im Zweifel auch aus eigener Tasche leisten kann.