Das neue Schuljahr startete auch in Osnabrück nicht für jeden Schulpflichtigen erfreulich. Schließlich gibt es auch in diesem Jahr in Deutschland wieder Tausende Sitzenbleiber – davon insgesamt 332 in Osnabrück.

Sitzenbleiben ist längst nicht mehr nur eine Frage des fehlenden Wissens und Könnens, stellt eine aktuelle bundesweite Studie fest. Und weil Berlin „schummelt“, kann man in der Bundeshauptstadt, mit Ausnahme auf Gymnasien, auch als Totalversager ohne Ehrenrunde durchs System rutschen – nicht viel anders sieht es in Hamburg aus, wo man Schule „soft“ handhabt.
Somit entscheiden auch der Wohnort und die Schulart über das Wohl und Wehe der Schüler. Fakt ist zudem: Jeder Sitzenbleiber kostet Geld. Allein für die in einer aktuellen Studie berücksichtigten 122 Städte belaufen sich die Kosten für den Steuerzahler auf hochgerechnet 1,8 Milliarden Euro, nimmt man Daten der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) als Berechnungsgrundlage. Wo Deutschlands Sitzenbleiber-Hochburgen sind, und in welchen Schularten es die meisten Wiederholer gibt, das untersuchte das Studien-Team von Deutschlands führendem Verbraucherportal für Preis- und Produktvergleiche von billiger.de (3,09 Millionen Nutzer im Monat lt. AGOF Mai 2016) pünktlich zum Schulbeginn und fasst die Ergebnisse nun in einem großen „Sitzenbleiber-Atlas“ zusammen.

Osnabrück im Gesamtranking auf Platz 89 von 122

Im aktuell vorliegenden Ranking werden die oberen Platzierungen von den Städten belegt, die besonders viele Sitzenbleiber haben (Platz 1 = Coburg mit 224 Wiederholern bei nur 5.323 Schülern). Der Platz 89 (von 122) den Osnabrück einnimmt, ist daher oberstes Mittelfeld (mit 332 Wiederholern von insgesamt 18.662 Schülern).

Sitzenbleiber Atlas 2016


Deutschlandweit unterscheiden sich die ermittelten Sitzenbleiber-Quoten erheblich. So blieben in den untersuchten bayerischen Städten teilweise viermal mehr Schüler sitzen als etwa in Aalen, Flensburg oder Konstanz. Die Berechnungen berücksichtigen sowohl Nichtversetzte als auch freiwillige Wiederholer eines Schuljahres.
Coburger Schüler bleiben am häufigsten sitzen. Mit 38 Klassenwiederholungen je 1.000 Schüler (224 Nichtversetzte gesamt im Schuljahr 14/15) sichert sich die Stadt in Oberfranken den unrühmlichen ersten Platz. Knapp dahinter rangiert Fürth mit 37 Sitzenbleibern je 1.000 Schüler (395 Nichtversetzte gesamt) auf Platz zwei, gefolgt von Hof (ebenfalls 37 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler; 189 Nichtversetzte gesamt). Insgesamt betrachtet dominiert Bayern die Top 15 der Sitzenbleiber-Hochburgen.

In Berlin und Hamburg schummelt die Politik

Zu den Top-Städten gehört – überraschenderweise – Berlin. Zwar hatte die Bundeshauptstadt im vergangenen Schuljahr 2014/15 mit 4.182 berücksichtigten Schülern die höchste Anzahl an Sitzenbleibern in ganz Deutschland, diese verteilen sich jedoch auf 317.022 Schüler. Demnach kommt Berlin auf eine erstaunlich niedrige Sitzenbleiber-Quote von gerade einmal 1,32 Prozent. Würde man jedoch den ermittelten bundesweiten Studien-Schnitt von 1,97 Prozent als Grundlage für Berlin nehmen, käme die Hauptstadt rein theoretisch auf rund 6.245 Sitzenbleiber. Der Grund für die starke Normabweichung liegt vor allem in Berlins lockerer Schul- und Versetzungspolitik. Ein Sitzenbleiben an Sekundarschulen ist dort nämlich gar nicht mehr möglich. Diese seit 2010 existierende Schulform vereint Haupt-, Real- und Gesamtschule. Lediglich an Gymnasien müssen die Schüler noch um ihre Nichtversetzung fürchten.

Noch einen (fraglichen) Schritt weiter in der Abschaffung des Sitzenbleibens ist der Stadtstaat Hamburg. Dort rückt nahezu jeder Schüler automatisch in die nächste Jahrgangsstufe vor. Der Grund: Hier wird ein besonders softes pädagogisches Konzept gefahren, das keine Loser mehr vorsieht. Das bedeutet: Man möchte jeden Schüler durchziehen, egal wie die schulischen Leistungen sind. Das macht einen deutschlandweiten Vergleich von Schulnoten und Leistungen natürlich durchaus schwierig, aber nicht unmöglich.

In Münster, Bielefeld und Oldenburg gibt es weniger Sitzenbleiber

Zu den Schulen mit besonders wenigen Sitzenbleibern zählen Osnabrücks Lokalrivalen Oldenburg (13 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler) und Münster (13 Sitzenbleiber je 1.000 Schüler) im unteren Mittelfeld, also den Streber-Städten recht nahe, rangiert Bielefeld (23 Prozent unter dem Schnitt).

Untersucht wurde das Schuljahr 2014/15 und zwar in den 122 größten und wichtigsten Städten, die in der Regel über 100.000 Einwohner haben. Für die Untersuchung wurden zahlreiche Quellen herangezogen, darunter die Kultusministerien und deren Schul- und Kommunalbehörden sowie die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Zudem wurde auch bei einigen Schulen direkt angefragt. Auf diese Weise kamen mehr als 2.100 Datensätze zusammen, mit denen Deutschlands erstes umfangreiches SitzenbleiberRanking gebildet werden konnte.

Titelbild: Dirk Vorderstraße, Lizenz CC BY 2.0