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Nerven liegen blank: Betreiber von Filmpassage Osnabrück und Hall of Fame schreiben Stephan Weil

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Entnervt, resigniert aber dennoch kämpferisch sind sie, schreiben Anja und Meinolf Thies, das Betreiber-Ehepaar, das mit der Filmpassage in der Johannisstraße und der Hall of Fame am Hauptbahnhof zu den Säulen der Kinokultur in Osnabrück zählen.

Adressat eines offenen Briefes ist Ministerpräsident Stephan Weil. Hintergrund ist die geplante stufenweise Öffnung unterschiedlicher Branchen bei einer weiteren Besserung der Pandemielage, die inzwischen Überlegungen folgen, die in Schleswig Holstein federführend entwickelt wurden.

Erst bei einer stabilen 7-Tage-Inzidenz unterhalb von 35 sollen Kinos, genau wie Spaßbäder und Saunen, wieder geöffnet werden.
Deutlich früher dürften bspw. Friseuse (7-Tage-Inzidenz unter 100) oder Nagelstudios (7-Tage-Inzidenz unter 50) öffnen.

Familie Thies zeigt der Politik klare Kante

Das Ehepaar Thies hatte im Juni bundesweit Schlagzeilen gemacht, als es vor dem Verwaltungsgericht gegen das Land Niedersachsen erfolgreich eine Kinoöffnung durchsetzen konnte. Osnabrück war zeitweise die einzige Stadt in Niedersachsen, in der Kino möglich war.

In einem ersten offenen Brief an Kulturstaatsministerin Monika Grütters mahnten zahlreiche deutsche Filmtheater, darunter auch die Filmpassage und das Hall of Fame Osnabrück, im August vergangenen Jahres, dass Corona und fehlende Unterstützung durch den Staat bundesweit das „Aus“ für Filmtheater bedeuten könnte.

Der offene Brief an Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) im Wortlaut:

Osnabrück, 29. Januar 2021

Ist Kultur das Allerletzte?

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Weil,

aktuellen Medienberichten zufolge, und die Richtigkeit dieser Meldungen vorausgesetzt, können wir als Kinobetreiber mit Betrieben in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern, nur mit entsetzter Fassungslosigkeit reagieren, wie Ihr offensichtlich ernannter „Gruppenleiter für eine sichere und gerechte Öffnungsstrategie“ für Deutschland mit Sitz in Schleswig-Holstein sich den Ablauf derselben vorstellt, seinen Vier-Stufen-Plan zur Lockerung von Corona-Maßnahmen. Wie konnte er sich anmaßen, einen derart unsicheren und ungerechten – und mit Verlaub, in unseren Augen auch unqualifizierten – Vorschlag zu veröffentlichen, erst recht auf die Gefahr hin, dass ihm andere Bundesländer womöglich folgen auf dem dünnen Eis, auf dem er sich dabei argumentativ bewegt…?

Wir fragen Sie hier konkret: Mit welchen Fakten und schlüssigen Erkenntnissen hat er und sein Mitarbeiterstamm die Einordnung von ganzen Branchen in die zeitlich gestaffelten vier Stufen „einsortiert“? Wir können über Infektionsrisiken in (zum Beispiel) Bars nicht referieren. Das ist nicht unser Business, und wir haben zu dem Thema auch keine Sachkenntnis (ja, das kann man ruhig zugeben!). Macht aber auch nichts, denn wir sind weder Barbetreiber noch Politiker. Wären wir eines von beiden und müssten zum Thema argumentieren, handeln und beschließen, dann müssten wir das fundierte Wissen zu dieser Materie unabdingbar haben. Doch wir sind Kinobetreiber. Und Kino, das ist unsere Kernkompetenz und Berufung!

Nun, er hat alle Kinos in die zeitlich gesehen letzte Stufe (Inzidenzwert liegt 7 Tage lang stabil unter 35) der Wiedereröffnungen einsortiert, zusammen mit (zum Beispiel) Kneipen, Spaßbädern und Saunen. Das sind zeitlich einsortiert die letzten geschlossenen Betriebe, die wieder öffnen dürfen sollen, nachdem bereits der Einzelhandel und die Gastronomien wieder loslegen dürfen, aber auch nachdem Einrichtungen für „körpernahe Dienstleistungen“ wieder an den Start gegangen sind. Aufgezählt werden in seinem Vorschlag konkret „kosmetische Fußpflege, Nagelstudios und Maniküre“.

Sehr geehrter Ministerpräsident, kommen wir nun zu den harten Fakten seiner vorgeschlagenen Vorgehensweise, mit der „er“ „unsere“ Branche, die Filmtheater in Deutschland, aber dadurch auch die ganze Filmbranche, unnötig näher an den Abgrund schiebt, als es nötig ist und er Maniküre offensichtlich über die Kultur stellt… Dabei ist ergänzend zu erwähnen: Würden die in Berlin inzwischen regelmäßig verkündeten Corona-Hilfen von Bund und Ländern tatsächlich genauso fließen, wie sie dort versprochen werden, dann hätten wir es wohl nicht so nötig wie jetzt, einen Überlebenskampf zu führen. Aber wir wissen doch, Sie und wir und inzwischen auch viele andere, dass dem nicht so ist… Und so stellt sich umso dringender die Frage, wieso dieser Mann Kinos, zusammen mit zum Beispiel Theatern, als die mit Bezug auf ein Infektionsgeschehen gefährlichsten Freizeit- und Kulturbetriebe in Deutschland tituliert, denn nichts anderes sagt seine Klassifizierung in die „letzte Corona-Stufe“ im Umkehrschluss aus! Nur aus Interesse: Wo in seinem Ranking des Vorschlages sind Bordellbetriebe eingestuft? Hat dieser Wirtschaftszeig Kino bei ihm auch noch abgehängt?!

Macht „Kino“ für ihn so gefährlich, dass die Branche zwischen Lockdown 1 und 2 mit aufwändigen und teuren Hygienekonzepten geglänzt hat in Räumlichkeiten mit bis zu mehreren tausend Quadratmetern Fläche und immens großen Kuben? Hat ihn verunsichert, dass mit den in Kinos üblichen Ticketsystemen die exakte Sitzplatzbelegung mit Gästen gemäß aller Corona-Auflagen automatisiert möglich ist, ebenso wie die Nachverfolgbarkeit aller Kontaktdaten, und zwar auf Knopfdruck?? Vielleicht ist ihm aber auch nicht geheuer, dass es in Kinos in 2020 nicht einen einzigen thematisierten, geschweige denn nachgewiesenen – weil nicht entstandenen – Infektionsfall gegeben hat… Auch aus dem Ausland wird ebenso nachweislich berichtet, dass solange die Infektionsketten zurück verfolgbar waren, nicht eine einzige Infektion mit einem Kinobesuch in Verbindung gebracht werden konnte! Wir denken, auch wissenschaftliche Erkenntnisse – die Rede ist von Fakten, nicht von Annahmen – lassen ihn (nicht) stutzen. Die in 2020 veröffentlichte Studie des Hermann- Rietschel-Instituts der Technischen Universität Berlin besagt nach aufwändigen Untersuchungen und Tests mit Blick auf ein Infektionsrisiko keine Gefahr für die Besucher, u. a. da im Kinosaal in der Regel nicht bzw. kaum gesprochen werde. Die Zahl der eingeatmeten Aerosole selbst bei einem Film mit Überlänge läge noch deutlich unter der eines Großraumbüros. Zudem ermöglichten die in Kinos typischerweise eingebauten starken Lüftungsanlagen einen regelmäßigen Luftwechsel mit einem Frischluftanteil bis auf 100 %. Aerosole und Viren würden so zu 100 % abtransportiert, so die Forscher. Kennt der Mann die Studie der TU Berlin überhaupt? Oder will er die Studie gar nicht kennen? Vielleicht mag er aber auch einfach nur den Kollegen Laschet nicht, der im letzten Jahr für NRW als erster Landesvater den Mindestabstand in Kinosälen komplett abgeschafft hat, Hygienekonzept und Nachverfolgbarkeit der Gästedaten vorausgesetzt… und der erst kürzlich bemerkte: „Wenn Lockerungen wieder möglich sind, ist die Kultur ganz vorn.“

Nun, Herr Ministerpräsident, verzeihen Sie uns den Sarkasmus, aber wir können nicht mehr anders! Wissen Sie, solange Menschen, die in Nagelstudios gehen, keine 1,5 Meter lange Fingernägel haben, um dort den geforderten Mindestabstand einhalten zu können, solange zwar für den Handel maximale Kundenzahlen pro Quadratmeter vorgeschrieben sind, diese sich aber dann doch an einem Sonderangebotsregal gegenseitig auf den Füßen stehen, solange unsere Kids nach Schulwiedereröffnungen in den öffentlichen Verkehrsmitteln dicht an dicht stehen wie geschichtete Sardinen in der Dose und manche Gastronomien so schlecht belüftet sind mit dem gefühlten Frischluftanteil eines Vakuumbeutels, ganz ehrlich, solange das alles so ist, können wir nicht akzeptieren, dass ein politischer Entscheider bezüglich einer Brache wie den Filmtheatern, eine Branche mit einer derart tadellos weißen Corona-Weste, derart unqualifiziert versucht, endgültig den Dolch von hinten ins Herz stoßen!

Damit Sie uns nicht falsch verstehen: Wir gönnen jedem Inhaber einer Kneipe, eines Nagelstudios und allen anderen Unternehmern, dass sie diese von ihnen nicht verschuldete Krise irgendwie wirtschaftlich überstehen werden und wissen ganz genau, wie sich jeder einzelne von ihnen fühlt, ganz sicher. Und wir haben auch gar nichts gegen Maniküre… Doch was reicht, das reicht!
Unser Fazit ist, dass wir dem MP von S-H jede Sachkompetenz zum Thema absprechen, jedenfalls können wir mit den Corona-Fakten, die zu unserer Branche gehören, ihm und seinen Mitarbeitern mühelos das Wasser reichen, und wir hoffen inständig, so wie eine ganze Branche und auch verwandte Branchen wie Bühnenbetriebe, dass Frau Merkel, alle Ministerpräsidenten/innen und auch sonst niemand auf ihn hören wird. Er handelt unprofessionell und mit Blick auf die tatsächlich vorhandenen Daten im höchsten Maße unverantwortlich, jedenfalls mindestens, was unseren Unternehmenszweig angeht. Zudem gefährdet er unnötig Lebenswerke, Arbeitsplätze sowie auch den Kinos angeschlossene Branchen und letztlich: die Kultur!

Haben Sie die Größe, an Ihrem eigenen Vorschlag – den wir sehr wohlwollend der NOZ vom 27.01.2021 entnommen haben – festzuhalten und sich für diesen auch bundesweit einzusetzen, denn die aus S-H erarbeitete Version hält einer Prüfung auf Rechtfertigung und Gerichtssicherheit nie und nimmer stand!

Anja Thies.     Meinolf Thies

Heiko Pohlmann
Heiko Pohlmann gründete die HASEPOST 2011 unter dem Titel "I-love-OS", die Ursprungsidee reicht aber auf das bereits 1996 gestartete Projekt "Loewenpudel.de" zurück. Direkte Durchwahl per Telefon: 0541/385984-11

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