Kolumne Morgen-Kommentar: Das Einkaufserlebnis war schon mal weniger aufregend ...

Morgen-Kommentar: Das Einkaufserlebnis war schon mal weniger aufregend …

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Das Einkaufserlebnis war schon mal weniger aufregend …

Hausarrest hatte ich zuletzt vor über fünfzig Jahren bekommen.
Hausarrest! Allein das Wort klang für mich als Kind nach Zuchthaus und Folter oder zumindest nach ewiger Verdammnis. Da der Hausarrest nach wenigen Minuten umweltschädlichen Lärmverhaltens meinerseits von meinen milden Richtern stets auf Bewährung ausgesetzt wurde, verlor er allerdings rasch seine abschreckende Wirkung.

Nun war vor ein paar Wochen von heute auf morgen nur noch Einkaufen und allenfalls Spazierengehen erlaubt. Hausarrest light also.
Zumindest ein Supermarktbesuch artet dabei unter Umständen zum Überlebenstraining aus, wenn mir zum Beispiel im Edeka-Center Eversburg ein Vollidiot über die Schulter greift, als ich vor dem Käseregal stehe. Ich raunze ihn daraufhin unter meiner gefährlich aussehenden FFP2-Alienmaske hindurch an: „Na, hoffentlich hab ich dich jetzt nicht angesteckt, du armer Tropf. Habe nämlich gerade per Handy eine positive Botschaft erhalten, die besagt, dass ich …“
Er entschwand in Sekundenschnelle aus meinem Dunstkreis und ward nie wieder gesehen.
An der Kasse ging es zivilisierter zu. Die Verkäuferin trug Einweghandschuhe und saß hinter einem Plexiglasgestell.
Als ich mich jedoch draußen anstelle, um den Einkaufswagen abzugeben, und zwei Meter Abstand lasse, drängen sich gleich zwei Klappskallis von beiden Seiten vor.
„Sagt mal, habt ihr noch alle Tassen im Schrank, ihr Pfeifen!? Ich halte den Sicherheitsabstand nicht aus Versehen ein“, brülle ich sie in Gedanken an und versuche dabei, ihnen per wütendem Blickkontakt genau diese Zeilen und mein Unverständnis kopfschüttelnd zu vermitteln. Die beiden Security-Leute beobachten das Geschehen nur achselzuckend und denken gar nicht daran einzugreifen. Ich lasse meinen Wagen daraufhin einfach mit einem lauten Scheppern stehen – scheiß auf die 50 Cent. Werdet glücklich damit, hier kaufe ich vorläufig nicht mehr ein.

Vorher war ich im Großmarkt Brülle, früher besser als Ratio bekannt. Hier kaufen vor allem Gaststätten- und Restaurantbetreiber ein. Da die meisten von ihnen die nächsten Wochen unfreiwillig von ihren Vorräten leben können, wirkt die riesige Verkaufshalle mehr oder weniger menschenleer und es freut einen fast, wenn man jemanden ausweichen muss.
Schon am Eingang stehen rechts Desinfektionsmittel und Haushaltspapier, zudem gibt es in der Drogerieabteilung Einweghandschuhe zu kaufen.
An der Kasse werde ich zum Abschluss freundlich darauf hingewiesen, die Ware hinten aufs Band zu legen, um mehr Abstand zu halten. Sowohl die Kassiererin als auch ich tragen Einweghandschuhe und einen Mundschutz. Perfekt.

Als ich kurz darauf auf einem Spargelhof in Hollage vor dem Laden warte, geflissentlich mit deutschem Sicherheitsabstand, drängelt sich eine Omi an mir vorbei.
„Hallo, gnä‘ Frau, ich warte hier draußen nicht umsonst, sondern wegen des …“
„Ach, wegen dieser neuen Sache da? Früher gab’s so was nich!“, unterbricht sie mich.
„Ja, das stimmt wohl“, pflichte ich ihr bei, „aber Adenauer ist ja auch nicht mehr Kanzler.“
„Wie bitte …?“
„Ach, egal …“ Eine ausführlichere Antwort blieb mir erspart, da mir ein herauskommender Kunde mit einer Handbewegung dezent signalisierte, hineingehen zu können. Geht doch.

Bei Lidl und Aldi in der Dodesheide habe ich in den letzten Wochen wohl eher zufällig nichts Erschütterndes und auch keinen Schiffbruch mit dem Einkaufswagen erlebt. Am Eingang gab es gar keine oder eine lustlose Kontrolle unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Was mich allerdings in allen Supermärkten aufregt, sind diese laut plaudernden Pärchen, die sich zu allem Überfluss über die Regale hinweg im rotzenden RTL2-Jargon zurufen müssen, ob sie auch wirklich nichts vergessen haben.

Neben dem entspannten Einkaufen bei Brülle ist für mich Combi an der Natruper Straße mein privater Testsieger der letzten Wochen. Ein freundlicher junger Mann desinfizierte am Eingang die Einkaufswagen und achtete darauf, dass jeder einen nimmt, um den Überblick zu behalten. An der Kasse freundliches Personal, dass sogar trotz der Anspannung noch ein Lächeln übrig hatte.

Fazit: Ich gehöre eigentlich nicht zu den ständigen Nörglern und finde es großartig, wie diszipliniert und einsichtig sich die meisten Leute mit den Einschränkungen arrangiert haben, aber das Fehlverhalten eines einzigen Trottels könnte ja schon reichen, um sich anzustecken. Und solange es solche rücksichtslosen Idioten gibt, setzt man, ganz nach dem darwinschen Prinzip „survival of the fittest“, mit jedem Einkauf sein Leben aufs Spiel. Das klingt nicht nur dramatisch, das ist auch dramatisch und sollte man sich stets vor Augen halten.
Ansonsten will ich mich gar nicht beklagen: Der Spargel war lecker. Das Wetter ist schön und zudem kann ich ab Montag die insbesondere in diesen Zeiten für mich wichtigsten Überlebensmittel wieder einkaufen: Bücher und eine neue Fahrradklingel, denn eine Schlagbohrmaschine habe ich ja schon.

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