Aktuell 🎧Mösers Meinung - zum Thema "Position beziehen"

Mösers Meinung – zum Thema „Position beziehen“

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Guten Abend,

und ein frohes neues Jahr!
Das muß an dieser Stelle mal gesagt werden. Auch wenn die Zeit immer knapper zu werden scheint, auch wenn sich die Erde immer schneller dreht: der erste Tag im neuen Jahr bleibt trotzdem etwas Besonderes. Da werden gute Vorsätze gefaßt, da nimmt man neue Ziele in Augenschein, da schöpft man neuen Mut. Mit dem Mut ist das bei uns Deutschen natürlich eine ganz spezielle Sache. Der Rest der Welt belächelt gerne die „German Angst“ und wirft uns vor, zu zaghaft und zu mutlos zu sein. Vielleicht hat er recht, vielleicht sollten wir uns vornehmen, im neuen Jahr ein wenig mutiger zu werden.

Mösers Meinung Hasepost

Vor ein paar Tagen fuhr ich aus Richtung Rißmüllerplatz zur Kreuzung am Heger Tor. Die Ampel dort schaltete grade auf rot und von hinten näherte sich mit ohrenbetäubendem Lärm ein Rettungswagen. Die meisten Autos fuhren zur Seite, um eine Notfallgasse freizumachen. Der Rettungswagen wollte nach rechts in die Lotter Straße einbiegen, wahrscheinlich war er zum Klinikum unterwegs. Aber alle vier Autos, die direkt in erster Reihe an der Ampel am Heger Tor standen, bewegten sich partout nicht von der Stelle. Der Fahrer des Rettungswagens stand hinter einem der Autos auf dem Rechtsabbiegestreifen und gestikulierte wild vor sich hin. Keiner der Autofahrer wollte es riskieren, über eine rote Ampel zu fahren. Wahrscheinlich hatten sie alle Angst. Ich habe die Angst der Autofahrer nicht verstanden, denn vor ihnen war die Kreuzung komplett frei. Sie hätten dem Rettungswagen ganz einfach helfen können. Sie brauchten niemanden zu gefährden, sie mußten lediglich eine rote Ampel passieren und zwei bis drei Meter vorfahren. Aber das haben sie sich nicht getraut. Warum eigentlich? An der Kreuzung ist kein „Blitzer“ installiert, kein Polizist war zu sehen, selbst das OS-Team hatte augenscheinlich schon Feierabend. Wer hätte ihnen einen Vorwurf gemacht, wenn sie die rote Ampel ignoriert hätten, um eventuell ein Menschenleben zu retten. Aber niemand hatte den Mut, einfach loszufahren. Die „German Angst“, der Respekt vor der Obrigkeit, vor den Vorschriften, vor ein paar banalen Lichtzeichen, das steckt tief in uns drin.

Als die Ampel dann endlich auf grün schaltete, wurde schnell der letzte Rest der Notfallgasse freigemacht. Jetzt hatte niemand mehr Angst, etwas falsch zu machen. In der Zwischenzeit waren viele wertvolle Sekunden sinnlos verstrichen. Aber die Einhaltung der Verkehrsregeln schien wichtiger als die Hilfeleistung, als die Unterstützung für eine vielleicht lebensrettende Maßnahme. Offensichtlich setzten die Autofahrer die Nichtbeachtung einer roten Ampel mit dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung gleich. Ich fand die Autofahrer feige. Ihr Verhalten paßt zum vergangenen Jahr.

Uns Deutschen hat in vielerlei Hinsicht der Mut gefehlt, klar für oder gegen etwas Position zu beziehen. Da macht Osnabrück keine Ausnahme. Im Januar 2015 wurden Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ hingerichtet, und bei uns wurde über die Grenzen der Satire diskutiert. Viele waren der Ansicht, daß die Meinungsfreiheit bei der Kritik an Religion seine Grenzen hat. Als ob das Zeichnen irgendeines Propheten ein Grund wäre, jemanden zu töten. In Osnabrück ging niemand auf die Straße, um öffentlich seine Solidarität mit den Ermordeten zu bekunden. Auch nicht nach den feigen Anschlägen vom 13. November, wieder in Paris, wieder im Namen einer Religion, eines Gottes, eines Propheten. 130 Menschen starben. In Osnabrück blieb alles ruhig. Wir haben uns im vergangenen Jahr stattdessen über eine Baustelle am Hasetorwall und die Sperrung des Neumarkts aufgeregt. Und ein bißchen über den Feuerzeugwerfer im Pokalspiel des VfL Osnabrück gegen RB Leipzig. Aber als sich herausstellte, daß es ein Steinfurter war, haben wir dann doch still und heimlich resigniert.

Ich wünsche mir, daß wir Deutschen und natürlich besonders wir Osnabrücker im neuen Jahr öfter mal Stellung beziehen und den Mut finden, unsere Interessen klar zu vertreten. In vielen Gesprächen bekomme ich so oft Unverständnis und Wut über politische Entscheidungen und die Entwicklung unseres Landes und unserer Stadt zu hören. Meistens wird das nur hinter vorgehaltener Hand geäußert. Wir haben viel zu viel Angst, öffentlich unsere Meinung zu sagen. Aber vielleicht wird aus Wut ja endlich Mut. Mut zum Engagement, zum Einsatz für das, was wir für wichtig und richtig halten. Denn wenn wir unser Land und unsere Stadt besser machen wollen, dann brauchen wir schlichtweg Mut. Mut ist der Anfang von allem.

Deutschland steht 2016 vor gewaltigen Herausforderungen. Wie sollen wir die bewältigen, wenn wir vor einer roten Ampel zurückschrecken? Wenn wir immer weiter darauf hoffen, daß es die da oben schon für uns richten? Sie werden es nicht tun! Wir sehen und spüren doch, daß Politik und Verwaltung mit vielen Dingen überfordert sind. Vielleicht sollten wir unser Glück einfach mal selbst in die Hand nehmen. Vielleicht macht uns das Leben dann auch wieder mehr Spaß. Und vielleicht schaffen wir uns dann endlich mal selber eine lebenswerte Zukunft. Sonst tut das nämlich keiner. Auf geht’s!

Ich wünsche allen Hasepost-Lesern viel Mut und ein schönes erstes Wochenende im neuen Jahr!

Ihr

Justus Möser

Hier alle bislang erschienenen Kolumnen von Justus Möser.

Justus Möser
Justus Möser
Justus ist unser "ältester Mitarbeiter", seit 1720 wandelt er durch unsere Stadt - wobei er inzwischen eher "geistert". Sein Vertreter in der Gegenwart ist unser Autor Wolfgang Niemeyer, der sich in dieser Kolumne regelmäßig darüber Gedanken macht „was würde Möser dazu meinen“?

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