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Mösers Meinung in eigener Sache: Über den Bürger als Aktionär des Staates

Kolumne

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Guten Abend,

“Wir haben alle einigen Begriff von den großen Kompagnien, welche nach Ost- und Westindien handeln; wir wissen, daß dieselben aus Leuten bestehen, wovon jeder ein sichers Kapital hergeschossen hat; wir nennen dieses Kapital eine Aktie, und daß nur diejenigen, welche eine solche Aktie besitzen, Schaden und Vorteil zu teilen haben; das, sage ich, wissen wir deutlich, und zwar so deutlich, daß, wenn jemand fragen würde: ob nicht auch billig alle und jede Menschen, welche zur christlichen Kirche gehören, als Mitglieder der Ostindischen Kompagnie anzusehen wären, der Einfältigste darüber lachen würde. So einleuchtend diese Begriffe sind, wann wir sie uns unter einer so bekannten Gestalt gedenken: so dunkel scheinen sie manchem zu werden, wenn man ihm jede bürgerliche Gesellschaft als eine solche Kompagnie schildert, jeden Bürger als den Besitzer einer gewissen Aktie vorstellet und nun zu eben den Folgerungen übergeht, welche wir vorhin gemacht haben; nämlich, daß Menschenliebe und Religion keinen zum Mitgliede einer solchen Gesellschaft machen können und daß wir in die offenbarsten Fehlschlüsse verfallen, sobald wir den Aktionisten oder den Bürger mit dem Menschen oder Christen verwechseln. Hier strauchelt oft der größte Philosoph, und unter allen, soviel ihrer die gesellschaftlichen Pflichten und Rechte der Menschen behandelt haben, ist mir keiner bekannt, der seine idealische Gesellschaft auf gewisse Aktien errichtet und aus dieser näheren Bestimmung die Rechte und Pflichten eines jeden Mitgliedes gefolgert habe. Gleichwohl ist es natürlich und begreiflich, daß die Verschiedenheit der Aktien auch ganz verschiedene Rechte hervorbringen und der Mangel derselben eine völlige Ausschließung nach sich ziehen müsse.”

Aus: Patriotische Phantasien – Der Bauerhof als eine Aktie betrachtet

Guten Abend,

am 04. Dezember jährt sich mein Geburtstag zum 300. Mal. Ich möchte die geneigte Leserschaft deshalb an dieser Stelle während meines Jubiläumsjahres in mein publizistisches und staatstheoretisches Werk im 18. Jahrhundert einführen. Vielleicht ist das ja auch eine willkommene Abwechslung zu den aktuellen Meinungsäußerungen, die ich mir trotz meines hohen Alters gerne noch erlaube und die bei dem ein oder anderen offensichtlich für erhöhten Blutdruck sorgen. Man sollte sich selber nie für zu wichtig nehmen und jedem Menschen, gleich welcher Gesinnung er ist, mit dem nötigen und gebührenden Respekt begegnen. Man sollte ihm mit Argumenten entgegentreten, wenn man anderer Meinung ist, aber sich nie auf das bloße Beschimpfen und Diffamieren beschränken. Denn damit disqualifiziert man sich als ernsthafter Teilnehmer an Debatten jedweder Art.

Und ich war zeitlebens ein großer Freund von Debatten. Zum Beispiel habe ich in einer Art Aktientheorie den Staat als Gesellschaft verglichen, in dem vor allem Grundbesitzer sich zu einem Staatswesen zusammenschließen, um gemeinsame Anliegen wie die Verteidigung ihrer Güter oder eine allgemeine Rechtssicherheit beschließen zu können. Die Teilnahme an diesem Staatswesen ist aber nicht nur den Grundbesitzern vorbehalten, sondern durch ihre Steuerleistungen oder den Wehrdienst werden schließlich alle Bürger zu einem Aktionär des Staates, die eine gewisse Einlage für dessen Wohlergehen zu leisten haben. Diese Staatstheorie gilt heute als ein wenig überholt und wurde im 19. Jahrhundert durch die sogenannte Vertragstheorie abgelöst, nach der alle (allerdings zunächst nur männlichen) freien Erwachsenen in die Begründung eines Staates mit einzubeziehen sind. Ich habe demgegenüber versucht, durch die Aktientheorie die realpolitischen Verhältnisse im heiligen römischen Reich deutscher Nation des 18. Jahrhunderts auf eine solide theoretische Grundlage zu stellen. “Der Arme, der kein Land hat, hat keine politischen Rechte, aber er braucht eben auch keine Steuern zu zahlen und vielleicht auch keinen Wehrdienst zu leisten”. Dieses Verständnis von politischer Gerechtigkeit war bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vor allem in den westlichen Gesellschaften weit verbreitet. Mittlerweile ist es durch ein eher egalitäres Staatsverständnis abgelöst worden, das die Gleichheit eines jeden Menschen in den Mittelpunkt des staatlichen Handelns stellt. Das ist sicherlich ein Gedanke, mit dem ich mich an meinem 300. Geburtstag durchaus anfreunden kann.

Ich wünsche allen HASEPOST-LESERN einen Sonntagabend, an dem es nichts zu mösern gibt.

Ihr

Justus Möser

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Justus Möser
Justus ist unser "ältester Mitarbeiter", seit 1720 wandelt er durch unsere Stadt - wobei er inzwischen eher "geistert". Sein Vertreter in der Gegenwart ist unser Autor Wolfgang Niemeyer, der sich in dieser Kolumne regelmäßig darüber Gedanken macht „was würde Möser dazu meinen“?

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