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Mösers Meinung: Über das Vergessen

Kolumne

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Guten Abend,

wenn ich über mein Vaterland nachdenke, dann fallen mir immer wieder die Bilder vom 9. November 1989 ein. Es gibt nicht viele Daten in unserer Geschichte, die so positiv besetzt sind. Die meisten großen Ereignisse der Deutschen sind leider in der öffentlichen Wahrnehmung dem Vergessen anheimgefallen. Wer gedenkt noch groß dem wunderbaren Westfälischen Frieden vom 24. Oktober 1648, der die deutschen Länder bis zu den Napoleonischen Kriegen mehr als anderthalb Jahrhunderte vor bewaffneten Auseinandersetzungen bewahrte und der seinen Ursprung in meiner Geburtsstadt Osnabrück hatte. Wo wird heute noch an die Gründung des Deutschen Reiches im Januar 1871 erinnert, die den deutschen Nationalstaat zum ersten Mal in der Geschichte Wirklichkeit werden ließ. Und wie verblaßt ist der 9. November 1918, der Gründungstag der deutschen Demokratie, der Weimarer Republik, die schließlich so furchtbar scheiterte. Ein Grund für das Vergessen mag die schwierige Neuorientierung nach dem Nationalsozialismus sein. Es fällt natürlich schwer, ein Land und sein Volk zu feiern, das innerhalb kürzester Zeit unfassbares Elend und Verderben über den halben Erdball gebracht hat. Diese Zeit war sicherlich alles andere als ein Fliegenschiss; sie wirkt bis heute nach und prägt unsere Gegenwart mehr, als uns gemeinhin lieb sein kann. Gerade deshalb ist der 9. November nicht nur das Datum des Mauerfalls und der Ausrufung der ersten Republik. Dieser Tag im Jahr 1938 wird auch immer für das Anzünden von Synagogen und den Beginn der systematischen Judenverfolgung in Europa stehen. Vielleicht ist es deshalb ganz gut, daß man sich schließlich auf den 3. Oktober geeinigt hat, einen historisch völlig unbelasteten Herbsttag, um zumindest ein kleines bisschen nationales Bewusstsein für Deutschland zu konstatieren und den Tag der deutschen Einheit zu feiern.


Doch bei aller gebotenen Zurückhaltung sollten die anderen Eckdaten der deutschen Geschichte nicht in der Versenkung verschwinden. Es missfällt mir sehr, wenn ich spüre, wie der 9. November 1989 nach gerade einmal 30 Jahren schon von Schwadroneuren aller politischen Couleur mißbraucht wird, um das eigene Weltbild ins rechte Licht zu rücken. Da werden die Demonstrationen vom Herbst 1989 als allegorischen Mittel benutzt, um eine Wende 2.0 herbeizubeschwören, die dem rechten Rand als Sprungbrett zur Macht dienen soll. Da erklären namhafte Politiker aus dem linken Spektrum die DDR nachträglich zum Rechtsstaat, um ein paar Wählerstimmen der ewigen Ostalgiker abzugreifen. Und der aktuelle Außenministerdarsteller bedankt sich großspurig bei allen, die die deutsche Einheit angeblich möglich gemacht haben, ohne die für dieses Ereignis essentiell wichtige USA auch nur am Rande zu erwähnen. Wahrscheinlich gefällt ihm der derzeit dort amtierende Präsident nicht so recht.

Diese Geschichtsklitterung ist bezeichnend für die aktuelle Stimmungslage in diesem Land. Jeder scheint sich die Wahrheit und die dazugehörigen Fakten so zurechtzubiegen, wie es ihm in den Kram passt. Ich halte das für hochgefährlich. Wenn man ein Volk seiner Geschichte beraubt, dann nimmt man ihm das letzte Stück gemeinsamer Identität. Was bleibt uns dann noch übrig außer dem Euro und der Energiewende? Deswegen müssen wir uns noch viel stärker als bisher an unsere Geschichte erinnern, an all das, auf das wir stolz sein können und müssen, aber natürlich auch an die Schattenseiten, von denen es mehr als reichlich gibt. Wenn wir vergessen, wo wir herkommen, dann geben wir unser Land auf. Wer kann das wollen? Es wird bestimmt zahlreiche Zeitgenossen geben, denen diese Vorstellung gefällt. Aber nur ein Volk, das sich allen Facetten seiner historischen Verantwortung bewusst ist, kann die eigene Zukunft erfolgreich gestalten. Und das müsste doch eigentlich unser primäres Interesse sein.


Ich wünsche allen HASEPOST-LESERN einen Sonntagabend, an dem es nichts zu mösern gibt.

Ihr

Justus Möser

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Justus Möser
Justus ist unser "ältester Mitarbeiter", seit 1720 wandelt er durch unsere Stadt - wobei er inzwischen eher "geistert". Wem er hier bei uns die Feder führt? Das verraten wir nicht. Nur so viel: Es ist jemand, der sonst nicht für uns schreibt und vielen in der Stadt in ganz anderer Weise bekannt sein dürfte.



 

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