Es war gegen Ende Dezember 1835, da tönte der Pfarrer von Schwabach, einem kleinen Städtchen, das einige Kilometer südlich von Nürnberg liegt, bei der Predigt von seiner Kanzel. Ein Teufelsding sei es, sie würde Mensch und Tier mit ihren Abgasen vergiften. Ja, die abstrusen Geschwindigkeiten würden den Organismus gar völlig überfordern; ein Heer geistig Verwirrter wäre die Folge, wenn das erst um sich greife. Was den Geistlichen so zürnen ließ, war die einige Tage zuvor stattgefundene erste Fahrt einer Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth – mit maximal 35km/h. Heute weiß man, die Vorwürfe des technikskeptischen Pfarrers bewahrheiteten sich nicht, der Mensch überlebt sogar die gut 25.000km/h beim Wiedereintritt eines Raumschiffs. Zwar gibt es durchaus gute Gründe, Technik zu kritisieren – man denke an Atomkraftwerke – aber es gibt in der Geschichte noch so einige andere Fälle, wo die Kritiker, zumindest mit ihrer ursprünglichen Intention, ziemlich daneben lagen. Einige der schönsten, interessantesten, süffisantesten davon hat der folgende Artikel zusammengetragen.

Die Motorsäge macht den Holzfäller arm

Seitdem der Mensch gelernt hatte, Äxte zu fertigen, wurden Bäume auf die gleiche Weise gefällt – in schweißtreibender Handarbeit. In den 1920ern kamen dann die ersten Motorsägen auf. Nicht solche Geräte, wie man sie heute kennt. Nein, das waren regelrechte „Trümmer“, die sich nur von zwei Männern bedienen ließen. Und sie hatten ein Problem: Die Kettensägen funktionierten nur, wenn man sie aufrecht hielt. Drehte man sie, so wie man es zum Fällen eines Baumes muss, soff der Motor ab, weil die damalige Vergasertechnik noch keine Lageänderung gestattete. Aus dem Grund kamen diese ersten Stücke auch nur auf den „Ablängplätzen“ zum Einsatz. Das sind die Areale, in die die gefällten Bäume geschleppt werden, um sie zu verkleinern.

Als jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten Motorsägen nach heutigem Verständnis auf den Markt kamen, riefen die Holzfäller Zeder und Mordio. Sie hatten Angst, dass nun, wo ein Holzfäller mit der Motorsäge so viel fällen konnte wie zehn, ihre Arbeitsplätze wegrationalisiert würden. Tatsächlich war das genaue Gegenteil der Fall. Die Unternehmer gaben stattdessen jedem Fäller eine Säge, um eben noch viel mehr fällen zu können. Und weil aber weltweit bislang immer im Akkord „pro Baum“ bezahlt worden war, verdienten sich die Holzfäller, teilweise noch mehrere Jahrzehnte lang, eine buchstäblich goldene Nase, weil jeder viel mehr fällen konnte.

Motorsäge
Die Motorsäge machte die Holzfäller mitnichten arbeitslos. Tatsächlich machte sie die große Masse von ihnen zu ziemlich reichen Männern. fotolia.com © Parilov

Autos machen Kutscher arbeitslos

Taxis gibt es nicht erst, seit es Autos gibt. Davor waren es einfach nur die Droschkenkutscher, die über Jahrhunderte nach dem gleichen Prinzip ihre zahlende Kundschaft beförderten. Dann aber, erst schleichend, dann rasend, kam das Auto auf – und die Kutscher sahen ihre Felle wegschwimmen.

Viele begehrten dagegen auf. Oft genug landete beispielsweise die Reitpeitsche statt auf dem Pferd auf dem (unüberdacht sitzenden) Fahrer einer gerade überholenden „Kraftdroschke“. Doch es nützte nichts. Schon in den 1920ern drohten die Droschkenkutscher, vollkommen auszusterben. Eine Ikone unter ihnen, der „Eiserne Gustav“ Hartmann, fuhr in einem Akt des letzten verzweifelten Protests gar mit seinem Vehikel bis nach Paris und zurück.

Allerdings war sämtlicher Protest nicht nur vergebene Liebesmüh‘, sondern oft genug scheinheilig. Die meisten Droschkenfahrer sattelten einfach um, besorgten sich einen Führerschein (der in Deutschland erst 1909 eingeführt worden war) und gingen weiterhin ihrem Geschäft nach.

Videobeweis nimmt die Spannung aus dem Fußball

Dass Fußball von der Spannung lebt, dürfte jedem, der im Leben auch nur ein einziges Spiel verfolgt hat, offensichtlich sein. Und insofern wurde schon immer groß gegen alles getönt, was diese Spannung (angeblich) nehmen könnte.  Allerdings zeigt sich darin auch sehr schön, wie konträr die Argumente von Technikskeptikern mitunter sein können. Als nach dem berühmten Wembley-Tor (von dem man sich immer noch nicht ganz einig ist, ob es eins war), die deutsche Seele im Zorn kochte, hätte jeder für die Einführung einer Torlinientechnik plädiert – diese kam jedoch erst Jahrzehnte später und unter viel Protest.

Da verwundert es nicht, dass auch viel über die nächste technische Errungenschaft gestritten wurde, den Videobeweis. Menschliche Fehler gehörten nun mal zum menschlichen Fußball dazu, war das häufigste Argument. Tatsächlich jedoch ist das System nun seit einem Jahr im scharfen Einsatz – und wenn sich überhaupt etwas gezeigt hat, dann, dass es nur die Fairness erhöht. Etwas, das ebenso vehement immer wieder eingefordert wird, wie Spannung.

Gentechnik macht die Ernährung kaputt

Dieser Punkt ist mit Sicherheit derjenige, der am längsten nachwirkt – denn er dauert seit der ersten Anwendung einer gentechnisch veränderten Pflanze Mitte der 1980er (eine Tabakpflanze übrigens) bis heute an. Die Kritik lautet, Gentechnik würde die Ernährung – wie auch immer – zerstören. Anfangs hatte das noch philosophische Gründe; der Mensch würde durch seinen Eingriff in die Wurzel allen Lebens „Gott“ spielen. Heute indes geht die Skepsis eher in Richtung klassische Kapitalismuskritik – einige wenige Unternehmen würden dadurch Monopolisten und Herr über die Welternährung (was allerdings nicht von der Hand zu weisen ist). Auch gerne gehören vermutete aber nach wie vor unbewiesene Folgen auf den Organismus dazu.

Nun hat Gentechnik bislang viele positive Auswirkungen gezeigt – etwa auf dem medizinischen Sektor, wo sie als einziges Mittel das Zeug hat, einige der größten Geißeln der Menschheit zu besiegen. Doch gerade den größten Erfolg feiert die Technik dort, wo sich die meisten Kritiker befinden, in der Ernährung:

  • 1986, als die erste gentechnisch veränderte Tabakpflanze ins Freiland gesetzt wurde, hatte die Erde eine Bevölkerung von fünf Milliarden Menschen, von denen etwa eine Milliarde (also 20%) an Hunger litt.
  • 2017 hatte die Erde eine Bevölkerung von 7,5 Milliarden, von denen 815 Millionen an Hunger litt

Zweieinhalb Milliarden Menschen mehr, aber etwa 200 Millionen weniger Hungernde. Und das praktisch nur, weil es dank Gentechnik ertragreichere, resistentere Pflanzen gibt.

Hunger
Gentechnik mag nicht kritikfrei sein. Doch nur sie schaffte es, dass der Welthunger nicht im gleichen Maß stieg, wie die Bevölkerung, sondern prozentual und absolut sank. fotolia.com © soupstock

Der Katalysator ist eine Katastrophe fürs Auto

Im Laufe der 1970er wurde immer mehr westlichen Regierungen bewusst, dass die Fahrzeugabgase ein gewaltiges Problem waren, das sich immer weiter verstärkte. Den Anfang machten die USA und forderten, dass Autohersteller den bereits 1956 entwickelten Oxidationskatalysator (ein ungeregelter Kat) einführen sollten.

Das trat, um es mit einem heutigen Begriff zu umschreiben, einen veritablen Shitstorm los, der bis Mitte der 1980er andauerte. Erstes Argument: Er würde Kraftstoff und Motorenproduktion um ein Vielfaches verteuern – das lag daran, dass damals nur verbleites Benzin verkauft wurde. Das Blei war nötig, um die Ventile der Fahrzeuge zu schmieren. Eine Umstellung der Kraftstoffproduktion sowie die dann nötige Härtung der Ventilsitze würde die Kosten hochtreiben.

Und selbst als die USA gezeigt hatten, dass dem nicht so war, ging die Diskussion in Europa noch weiter. Als die ersten geregelten Kats aufkamen, tobten Stammtischler noch, diese müssten alle fünf Jahre für ein Heidengeld ausgetauscht werden – und gleichzeitig würden die Motorleistungen ins Bodenlose sinken, weil der Kat den Abgasstrom bremst.

Heute weiß man erst, wie lächerlich all diese Argumente waren. 1994 stellte eine Studie fest, dass die Bleikonzentration im Blut von Amerikanern seit dem Ende der 70er um unglaubliche 78% abgenommen hatte – nur weil es kein verbleites Benzin mehr gab. Und dass der Kat der Leistung keineswegs abträglich ist, zeigt die Tatsache, dass damals die durchschnittlichen Motorleistungen in Deutschland bei 60PS lagen – heute sprechen wir von 125 PS.

Fazit

Technikskeptizismus ist immer ein zweischneidiges Schwert. Immer resultiert er aus der Sorge, dass durch die Entwicklung von etwas ein bisheriger Ist-Zustand massiv abgeändert werden könnte. Dabei sind die Ängste jedoch häufig irrational. Denn auch wenn Fortschritt nicht immer nur Positives mit sich bringt, ist es doch meistens die Summe all seiner Vorteile, die den Unterschied ausmacht. Und nur daran sollte etwas gemessen werden, bevor man sich dazu entschließt, es abzulehnen.

Titelfoto:  fotolia.com © sdecoret