Über den Vorgarten will niemand eine Hochspannungsleitung gespannt bekommen. Warum die ungeliebten Leitungen nicht entlang der Autobahn führen, wie auf unserem Titelbild, das in Russland entstand? In den Landkreisen Osnabrück und Cloppenburg findet man Gefallen an der in Deutschland noch unüblichen Idee und fordert die Prüfung dieser Variante.

Die Frist zur Stellungnahme der Träger öffentlicher Belange für das Raumordnungsverfahren zur 380kV-Freileitung von Cloppenburg nach Merzen läuft Ende Dezember 2017 ab. Deshalb haben die Landräte der Landkreise Cloppenburg und Osnabrück, Johann Wimberg und Michael Lübbersmann, jetzt der stellvertretenden Leiterin des Amtes für regionale Landesentwicklung in Oldenburg, Talke Hinrichs-Fehrendt, die kritischen Stellungnahmen ihrer Behörden persönlich überreicht.

Landräte Johann Wimberg (Cloppenburg) und Michael Lübbersmann (Osnabrück)
Votum aus der Region: Bernhard Heidrich und Talke Hinrichs-Fehrendt (von links, Amt für regionale Landesentwicklung) nahmen aus den Händen der Landräte Johann Wimberg (Cloppenburg) und Michael Lübbersmann (Osnabrück) die Stellungnahmen zur Verlegung der neuen Stromtrasse entgegen.
Foto: Landkreis Cloppenburg

Die Landkreise engagieren sich sehr stark in diesem Raumordnungsverfahren, um für Bürgerinnen und Bürger sowie Natur und Umwelt die verträglichste Lösung zu erreichen. Landrat Wimberg stellt heraus: „Die gemeinsame Stellungnahme des Landkreises Cloppenburg und seiner Städte und Gemeinde wurde unter Beteiligung von Fachexperten erarbeitet, um die Antragsunterlagen auf Augenhöhe prüfen zu können.“
Diese Beurteilung komme zu dem Ergebnis, dass die Bewertung des Bestandes, der Vorbelastungen und der Vorhabenwirkung an vielen Punkten Argumentationsschwächen und Erkenntnislücken aufweise.

Lübbersmann kritisiert methodische Defizite

Landrat Lübbersmann weist auf die auch aus Sicht des Landkreises Osnabrück zu kurz gekommene Betrachtung der Autobahntrasse hin: „Die autobahnnahe Variante wurde entgegen der Empfehlung des Landkreises Osnabrück sehr frühzeitig aus dem Verfahren ausgeschlossen. Damit konnte keine ergebnisoffene und transparente vergleichende Bewertung aller Varianten vorgenommen werden“, kritisiert Lübbersmann. Dieses methodische Defizit führe dazu, dass keine Engstellenanalyse durchgeführt worden sei. Dem Landkreis Osnabrück sei in diesem Zusammenhang wichtig, dass eine vollständige und ergebnisoffene Prüfung stattfinde, deren Ergebnis auch eine Chance auf Akzeptanz in der Bevölkerung habe.

Streckenlänge ist nicht alles

In ihren Stellungnahmen kommen beide Landkreis übereinstimmend zu dem Schluss, dass eine Überbewertung des Faktors Streckenlänge zu konstatieren sei. Die Vorteile einer Bündelung mit der Autobahn schlügen aufgrund einer ungünstigen Verteilung von Gewichtungsstufen an vielen Stellen nicht angemessen in der Bewertung durch. Zudem werde an Engstellen fast ausnahmslos der Freileitung ein Vorzug gegeben. Die Ausnahmebegründungen von dem im Landesraumordnungsprogramm geforderten Wohnumfeldschutz seien zudem wenig stichhaltig. Osnabrücks Landrat Lübbersmann weist in diesem Zusammenhang auch auf technisch mögliche kompaktere Bauformen der Erdverkabelung hin, die in der Engstellenbetrachtung keine Berücksichtigung gefunden hätten.