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Kommentar: Wehr- oder Dienstpflicht? Eine gute Idee

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Arbeit in der Pflege (Symbolbild)

Nach dem russische Überfall auf die Ukraine steht Deutschland unter Schock. Politik und Medien sprechen von einer „Zeitenwende“ und die Regierung stellt spontan ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro (mehr als 500.000 Euro pro Soldat) für die Bundeswehr bereit. Auch ein überwunden geglaubtes Relikt des Kalten Krieges taucht wieder in der Debatte auf: die Wehrpflicht.

Eine Wiedereinführung einer Dienstpflicht wäre eine gute Möglichkeit, dass sich junge Menschen bei der Gesellschaft bedanken, findet HASEPOST-Herausgeber Heiko Pohlmann.

Vorweg: Ich selbst war noch von der Wehrpflicht betroffen. In den frühen 90er Jahren war es eine einfache Wahl: Zivildienst (15 Monate) oder Wehrdienst (12 Monate). Keine Gesinnungsprüfung vor irgendwelchen Tribunalen wie in den 60er und 70er Jahren. Es gab nach dem Fall der Mauer kein Feindbild mehr und gerade die Zivildienstleistenden waren gerne gesehene Helfer in Krankenhäusern, Pflege- und Altenheimen, wo auch ich plötzlich – zwischen Schule und Studium – mit einer Realität konfrontiert wurde, die mir sicher beim Erwachsenwerden sehr geholfen hat. Aber auch meine Freunde, die an Orten wie Munster oder irgendwo im Harz eine nicht immer leichte Grundausbildung gemacht haben, aber auch viel Kameradschaft erleben durften, waren nach einem Jahr deutlich reifer als zu Beginn ihrer nicht freiwilligen aber damals noch selbstverständlichen Dienstzeit.


Neben Heiko Pohlmann, der sich in seinem Kommentar für eine neue Wehr- bzw. Dienstpflicht ausspricht, hat auch Lukas Brockfeld einen Kommentar dazu verfasst. Er ist ganz anderer Meinung und gegen eine neue Wehr- bzw. Dienstpflicht. Beide Autoren haben – bis auf das Intro – ihre Texte unabhängig voneinander verfasst. Hier geht es zum Kommentar von Lukas Brockfeld.


Schulpflicht und das Recht auf Ausbildung – warum nicht auch Dienstpflicht?

Mindestens neun Jahre unterliegt jeder Deutsche der Schulpflicht, teilweise ergänzt um die Berufsschulpflicht. Wer will, der kann nach seiner verpflichtenden Schulzeit auch noch in einem der besseren Hochschulsysteme der Welt nahezu kostenfrei ein Studium absolvieren. Alternativ bietet unser Schul- und Ausbildungssystem umfassende Berufsausbildungen, für die Auszubildende sogar noch bezahlt werden.

Prima, oder? Aber das kostet natürlich alles Geld; nicht für die Schüler, die Azubis oder Studenten, respektive für die Eltern, sondern das übernimmt selbstverständlich die Gesellschaft, was auch dazu führt, dass Deutschland den zweifelhaften Titel „Weltmeister der Steuer- und Sozialabgaben“ trägt.
Denn das Erhalten von Bildung ist in unserem Land grundsätzlich kostenfrei und private Schulen und Hochschulen sind nur eine sehr seltene Ausnahme.
Wie es auch anders geht, zeigt der Blick über den Atlantik. Wer in den USA ein angesehenes College besuchen will, verschuldet sich oft bis ins hohe Alter – oder hat reiche Eltern. Und Handwerker ist dort im Zweifel jeder, der sich im WalMart einen Werkzeugkasten gekauft hat.

Gut ausgebildete Absolventen bereichern unsere Gesellschaft und auch unsere Volkswirtschaft, weil gut ausgebildete Bundesbürger bessere und besser bezahlte Jobs bekommen und den Wirtschaftsstandort Deutschland sichern. Selbst wenn manches Studium dann vielleicht doch nur für den Taxischein qualifiziert. Aber diese Welt braucht scheinbar auch Absolventen der Onomastik, Promenadologie oder Gender-Studies. Unsere Gesellschaft leistet sich kostenfreie Ausbildung auch für exotische Nischen. Wir sind eine Wissensgesellschaft und lassen uns das auch was kosten.

Ein Jahr der Gesellschaft dienen – zu viel verlangt?

Und dann gibt es diese leidige Diskussion über eine Wehr-, noch besser Dienstpflicht.
Oh wie schlimm erscheint es manchem Zeitgenossen, was vor wenigen Jahren doch noch ganz normal war: Junge Menschen könnten für vielleicht ein oder auch anderthalb Jahre „gezwungen“ werden, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Einen „Dienst“ an der Gesellschaft zu verrichten oder sich „wehrhaft“ zeigen, unsere Gesellschaft zu verteidigen.

Ist es wirklich zu viel verlangt, wenn junge Menschen nach neun Jahren Schulpflicht auch noch ein paar Monate dazu verpflichtet werden, einen Dienst an der Gesellschaft zu verrichten? Ich finde: Nein.

Und seien wir ehrlich: Wir können etwas Hilfe im sozialen Bereich, also in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen ebenso gut gebrauchen wie die Unterstützung beim Aufbau einer wirklich wehrhaften und wehrfähigen Bundeswehr.

Vor allem, und davon bin ich fest überzeugt, wird so ein verpflichtender Dienst für die Gesellschaft auch einen guten Teil der Ausbildung zum wirklich erwachsenen Menschen beitragen.
So manch ein junger Mensch lernt dann, dass es mehr im Leben gibt als Schule, Party, Studium und Playstation.

Dienstpflicht auch für Frauen? Selbstverständlich!

Ob neben jungen Männern auch junge Frauen „eingezogen“ werden, ist dabei doch gar keine Frage – eine Dienstpflicht 2.0 sollte in unserer modernen und diversen Gesellschaft für jeden jungen Menschen verpflichtend sein, der die Vorteile unserer freien und offenen Gesellschaft genießt und von den Bildungschancen profitiert, die ihm geboten werden.
Warum sollten eigentlich nicht auch Menschen mit einem ausländischen Pass verpflichtet werden? Das Absolvieren der allgemeinen Dienstpflicht könnte zur Auflage für den Erwerb einer deutschen Staatsbürgerschaft werden. Und wer dazu nicht bereit und willens ist, der kann und muss dann gehen.  Aber da sind wir schon bei einer ganz anderen Herausforderung.

Die Details müssen natürlich noch geklärt werden – aber bitte schnell. Wichtig ist in meinen Augen, dass wir den historischen Fehler der Abschaffung der Wehrpflicht nun umgehend korrigieren und eine neue allgemeine Dienstpflicht auf den Weg bringen. 

–> Hier geht es zur „anderen Meinung“: Contra Dienst- bzw. Wehrpflicht.


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[Gruß vom Herausgeber] Liebe Leserin, lieber Leser, schön, dass Sie es bis hier ganz unten geschafft haben. Ein paar Zeilen weiter finden Sie noch den obligatorischen Hinweis, dass gekennzeichnete Meinungsbeiträge stets ausschließlich die Meinung des Autors wiedergeben. Aber ich möchte diesem förmlichen Disclaimer noch etwas hinzufügen. Natürlich haben Sie, wie auch ich und jeder andere Leser, eine eigene Meinung. Vielleicht weicht Ihre Meinung fundamental von diesem oder einem anderen bei uns veröffentlichten Kommentar ab, vielleicht stimmen Sie aber auch vollkommen zu oder aber Ihre Meinung ist „irgendwo dazwischen“.
Vielleicht kann ein Kommentar in der Hasepost dabei helfen neue Gedanken zu denken oder bestehende An- und Einsichten nochmals zu überdenken, dann haben wir und unsere Autoren etwas richtig gemacht und ganz generell zum Denken angeregt.

„Denken ist schwer, darum urteilen die meisten“ (C. G Jung).
Bitte denken Sie mehr, Ihr Heiko Pohlmann.


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Heiko Pohlmann
Heiko Pohlmann
Heiko Pohlmann gründete die HASEPOST 2011 unter dem Titel "I-love-OS", die Ursprungsidee reicht aber auf das bereits 1996 gestartete Projekt "Loewenpudel.de" zurück. Direkte Durchwahl per Telefon: 0541/385984-11
 

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