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Kommentar: Wehe, wenn sich das „Hufeisen“ schließt

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Die „Hufeisentheorie“ besagt grob vereinfacht, dass die politischen Extremlager in der horizontalen Achse zwar jeweils weit entfernt voneinander agieren, bei der Draufsicht das politische Spektrum aber wie ein Hufeisen geformt ist, bei dem die beiden Extrempunkte dicht beieinander liegen – geeint durch die Ablehnung der staatlichen Ordnung und extreme Tendenzen ihrer Anhänger und Vertreter. 

Erstmals aufgebracht wurde diese Theorie von dem französischen Schriftsteller und Philosophen Jean-Pierre Faye, der sich intensiv mit dem Zusammenbruch der Weimarer Republik und der Entstehung totalitärer Regime beschäftigte.
Insbesondere in Deutschland wird diese Theorie von der inhaltlichen Nähe linker und rechter Extremisten von zahlreichen Politik- und Sozialwissenschaftlern abgelehnt und als zu vereinfachend kritisiert.

Ich aber glaube, nein, ich befürchte, dass an dieser Theorie mehr dran ist. Mir wird dabei angst und bange.

Ein Kommentar von Heiko Pohlmann

Ich erinnere mich gut an die zahlreiche Kritik, als ich im vergangenen Jahr die Hufeisentheorie in einem kurzen Kommentar zu einem Artikel erwähnte, in dem es um die inzwischen wieder bei der AfD beheimatete Landkreispolitikerin Tanja Bojani ging.
Bojani hatte nach ihrem Einstieg in die Politik bei der Landkreis-AfD zwischenzeitlich einen Wechsel in die Fraktion der Linkspartei vollzogen. Nach einem Streit um die Besetzung eines Listenplatzes für die Bundestagswahl 2017 wechselte Bojani in die Fraktion der Linkspartei im Osnabrücker Landkreis. Rund drei Jahre später verabschiedete sie sich wieder von der hart-linken Fraktion, um zurück zur AfD zu wechseln.
Das war im Mai vergangenen Jahres. 

Inzwischen hat sich unsere Welt nochmals ordentlich neu sortiert – nicht zum Guten. Noch bevor der russische Einmarsch in die Ukraine die Energiepreise zum Explodieren brachte, sorgte Corona im vergangenen Winter für zahlreiche Proteste und Gegenproteste in Osnabrück.
Aufseiten der Kritiker der Corona-Maßnahmen konnten immer wieder auch bekannte Osnabrücker Persönlichkeiten gesehen werden, die eigentlich den Osnabrücker Grünen nahestehen, oft beheimatet in der Esoterik- und Homöopathie-Bewegung. Mittendrin immer wieder auch Thomas Polewsky, pensionierter Gesamtschullehrer, engagierter Streiter für eine Stadtbahn und in den 70er Jahren als Landtagskandidat aktiv für die „Grüne Liste Umweltschutz“ (GLU), aus der später die Osnabrücker Grünen hervorgehen sollten. In einem ebenfalls viel kritisierten Kommentar stellte ich im Januar die Frage „Wie grün sind die Corona-Proteste in Osnabrück?“.
Auf der anderen Seite, der Seite der Gegendemonstranten, versammelten sich Osnabrücker Lokalpolitiker aller demokratischen Parteien und nahmen dabei in Kauf, sich hinter Bannern der Antifa aufzustellen, deren Anhänger die vorbeiziehenden Kritiker der Coronamaßnahmen mit Schmährufen eindeckten.
Das war der vergangene Winter.

Schneller Vorlauf um etwas mehr als ein halbes Jahr: Inzwischen demonstrierten am vergangenen Wochenende in Prag unter dem Motto „Die tschechische Republik zuerst“ rund 70.000 Menschen gegen die von der Energiekrise angetriebene Inflation, Corona-Impfungen und die Aufnahme von Migranten. Aufrufe zur Teilnahme kamen sowohl von tschechischen Kommunisten wie von rechtsextremen Organisationen.

Rund 250 Kilometer entfernt von der tschechischen Hauptstadt in Leipzig – aber auch in zahlreichen anderen ostdeutschen Städten – kam es am Montag zu einer Neuauflage der „Montagsdemos“.
Doch anders als zu Pegida-Zeiten, als es gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung ging, oder bei den Montagsdemos gegen die Corona-Maßnahmen hatten hier linke und rechte Gruppierungen zur Teilnahme am Protest aufgerufen, um gegen die Politik der Bundesregierung im Zuge des Ukraine-Kriegs und der Energiekrise zu demonstrieren.
Mittendrin die Antifa, die sich handfeste Auseinandersetzungen mit den rechten Gruppierungen um die Hoheit der inhaltlich gleichen Forderungen lieferte. Mittendrin aber auch Menschen, die von ihrem Demonstrationsrecht Gebrauch machten, ohne einem der extremen Lager anzugehören.

Unter einem Facebookteaser über einen Artikel zu den neuen Montagsdemos kritisierten an diesem Dienstag (6. September) zahlreiche Leser, dass die Teilnehmer an den Protesten gleichgesetzt würden mit den extremen Kräften, die diese Demos organisieren und versuchen, politisches Kapital daraus zu schlagen.

Nein, selbstverständlich ist nicht jeder – vermutlich sogar die große Mehrheit – der Teilnehmer an den neuen Montagsdemos gleichzusetzen mit der Linkspartei, die für sich die Rechtsnachfolge des SED-Regimes beansprucht (gegen das sich 1989 die ursprünglichen Montagsdemos richteten) oder mit rechtsextremen Gruppierungen, von denen es gerade in Sachsen ja auch einige gibt.

Ich für meinen Teil sehe in den aktuellen Protesten allerdings bestätigt, was die Hufeisentheorie vereinfacht beschreibt: Linke und rechte Extremisten sind sich näher, als es auf den ersten Blick scheint. Vor allem können sie in politisch turbulenten Zeiten schnell Themen finden, die sie eint und die für politische Auseinandersetzungen sonst weniger empfängliche Bürger motiviert, auf die Straße zu gehen.

Wehe, wenn sich das Hufeisen schließt.
Wehe, wenn in diesem Herbst offenbar wird, dass die Nebenkostenrechnung nicht einfach nur die zweite Miete ist, sondern bei zahlreichen Bürgern aus der Mitte der Gesellschaft zum Auslöser der privaten Insolvenz wird. Wehe, wenn Unternehmen und Unternehmer aus dem Mittelstand, die selbst zu Corona-Zeiten noch so gerade den Spagat zwischen Monatsbeginn und den zum Monatsende anstehenden Steuererklärungen und den zahlreiche Vorauszahlungen hinbekommen hatten, sich eingestehen müssen, dass es so nicht weitergeht.
Dann kann ein Rückblick auf die unwürdigen politischen Diskussionen der vergangenen Wochen, zum Beispiel über die Nicht-Laufzeitverlängerung des Kernkraftwerks Lingen aus rein politischen Gründen und die gescheiterte Tankrabatt-Regelung, das sprichwörtliche Fass zum Überlaufen bringen.
Weiteres Explosionspotenzial birgt in meinen Augen auch die Personalie des Schweige-Kanzlers Olaf Scholz. Wehe, wenn ihn in den Wintermonaten noch der CumEx-Skandal so richtig einholt und offenbar wird, dass er der Kanzler der Privatbanker und Steuerdiebe ist, für die ihn bereits jetzt zahlreiche Kritiker halten.

Dann schließt sich das Hufeisen und uns steht neben einem bitterkalten auch ein gleichzeitig heißer Winter bevor.

 


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Heiko Pohlmann
Heiko Pohlmann
Heiko Pohlmann gründete die HASEPOST 2011 unter dem Titel "I-love-OS", die Ursprungsidee reicht aber auf das bereits 1996 gestartete Projekt "Loewenpudel.de" zurück. Direkte Durchwahl per Telefon: 0541/385984-11
 

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