Das Volkswagenwerk in Osnabrück hatte einmal ein ganz klares Profil: Cabriolets und bezahlbare Sportwagen. Allerdings prangte damals noch der stolze Name Karmann am Werkstor.
Dem Namen nach ist die Fabrik im Fledder inzwischen ein Teil des ehemals wichtigsten Auftraggebers, doch faktisch ist nichts wirklich besser geworden – im Gegenteil.

Seit Übernahme durch den Volkswagenkonzern fehlt dem ehemaligen Karmann-Werk ein eindeutiges Profil und damit fehlen auch Sicherheiten für die Zukunft.
Die derzeit an die Osnabrücker von den etablierten Werksstandorten “abgegebenen” Fertigungsaufträge reichen nüchtern betrachtet nur wenige Monate weit. Welche Rolle spielt Osnabrück in der elektrifizierten Welt zukünftiger VW-Modellreihen?

Land Niedersachsen bewarb sich nicht um Borgward

Anfang des Jahres kursierende Gerüchte, dass der österreichische Fertiger Magna Steyr in Osnabrück einsteigen könnte, haben sich bislang nicht bewahrheitet. Eine mögliche Übernahme des ehemaligen Karmann-Werks durch die in China neugegründete Traditionsmarke Borgward (HASEPOST berichtete) scheiterte am nicht vorhandenen Engagement der Landesregierung. Während man sich in Bremen um diese Ansiedlung eifrig bemühte, wie auch in Brandenburg und Baden-Württemberg (so der Weserkurier), soll nach Informationen unserer Redaktion Niedersachsen gar nicht erst angetreten sein um das überzählige Osnabrücker VW-Werk den Chinesen anzubieten. Es wäre eine Chance gewesen zukünftig in Osnabrück Elektro-SUV für einen sich entwickelnden Markt zu produzieren, statt weiterhin die Auslauffertigung alter VW-Modelle abzuwickeln.

Kein Erfolgsmodell mehr unter VW-Regie

Nach der maßgeblich durch den damaligen Ministerpräsidenten Christian Wulff eingefädelten Übernahme durch die Volkswagen AG im Jahr 2009, hatte das Osnabrücker Werk nicht ein einziges Erfolgsmodell auf seinen Bändern.
Das in der Tradition des Käfer Cabriolet stehende letzte Modell des Golf Cabrio war schon bei seiner Präsentation zum Scheitern verurteilt. Mit dem Beetle Cabrio aus dem Billiglohnland Mexiko, dem Klappdach-Cabrio Eos aus dem portugiesischen Werkstandort und dem ebenfalls billig in Ungarn produzierten Audi A3 Cabriolet gab es zu viel Konkurrenz im eigenen Haus. Der eigentliche Boom-Markt der SUV ging am Werk in Osnabrück vorbei.

Ein alter Streit mit Porsche wirkt noch immer nach

Die zeitweise – und nun erneut in der Diskussion stehende – Übernahme von Teilen der Fertigung des Porsche Boxster (zukünftig als Porsche 718) kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Osnabrück wieder einmal nur als Lückenbüßer für besser ausgelastete Werke herhalten muss. Kleine Sportwagen laufen bei den Stuttgartern “nur noch so mit” – von den SUV Macan und Cayenne werden weit mehr gebaut. Der zu kleinen Teilen in Osnabrück montierte Cayenne ist auch schon wieder ein altes Modell, dessen Nachfolger bereits in den Startlöchern steht und angesichts der aktuellen Automobilkonjunktur vermutlich wieder nur exklusiv in einem Werk gebaut werden wird. Nach aktueller Planung dann allerdings in Bratislava und nicht mehr im einst extra dafür gebauten Porschewerk Leipzig, das nun mit der Sportlimousine Panamera und dem SUV Macan ausgelastet ist [in einer ersten Fassung stand hier, dass der neue Cayenne vermutlich wieder in Leipzig gebaut werden wird, wir bitten um Entschuldigung, die Redaktion].

Das Porsche vor ein paar Jahren entschied den kleinen Sportwagen Boxster und die Variante Cayman nicht mehr in Finnland sondern in Osnabrück zu bauen, entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Schließlich hatte ein leichtfertig herbeigeführter Streit des alten Karmann-Managements mit der Porsche-Werksleitung in den 90er Jahren zum Bruch mit Volkswagen geführt. Es ging ausgerechnet um die erste Generation des Porsche Boxster und einen angeblichen Ideenklau durch die damals wirtschaftlich schwer angeschlagenen Stuttgarter. Seinen besten Kunden vor Gericht zu zerren – noch dazu während dieser ums Überleben kämpft – war nicht die cleverste Idee der familienfremden Karmann-Geschäftsführung.
Insider pflegen die Legende, dass der Porsche Enkel Ferdinand Piëch die inzwischen schon mehr als zwei Jahrzehnte alte Geschichte zum Anlass für den finalen Karmann-Todesstoß nahm und selbst heute noch eine tiefe Abneigung gegen Osnabrück pflegt – aber das ist eine andere Geschichte.

Ist Osnabrück ist ein ungeliebtes Stiefkind der Wolfsburger?

Fehlende Unterstützung vom Ministerpräsidenten, Abneigung im VW-Management – warum auch immer: Der Standort Osnabrück wird von Wolfsburg nicht gut behandelt.
Das die Mitarbeiter an der Hase bei Tarifverhandlungen noch immer schlechter gestellt sind als ihre Kollegen an den “alten” Standorten wie Wolfsburg, Emden oder Salzgitter, sollte nicht nur die Gewerkschaft IG Metall, sondern auch die Osnabrücker Landtagsabgeordneten nicht kalt lassen. Wie war das doch gleich mit “gleicher Lohn für gleiche Arbeit”? Wieso ist die Montage eines Tiguan in Osnabrück eigentlich weniger wert als in Wolfsburg – gemessen an den Lohnkosten?

Aber dieser Kostenvorteil ist derzeit vielleicht gar nicht so schlecht für den Standort Osnabrück. Er macht es für die Entscheider im fernen Wolfsburg möglich auch scheinbar irrationale Logistikketten aufzubauen. Kurzfristige Engpässe in anderen Werken werden durch eine Auslagerung von Teilen der Produktion nach Osnabrück ausgeglichen. Was nach Flexibilität klingt bedeutet für Osnabrück allerdings Unsicherheit und innerhalb des Konzerns eine Rolle irgendwo zwischen Resterampe und Lückenbüßer.

Rohkarosserien werden von Werk zu Werk geschickt

Für den in Osnabrück derzeit gefertigten “alten” Tiguan werden die halbfertigen Rohkarosserien weiterhin in Wolfsburg gefertigt. Der “Konzernverbund” und die “Solidarität” der VW-Werker bedeutet vor allem, dass die Kollegen in Wolfsburg nur so viel abgeben, wie nur irgendwie notwendig. Ökologisch betrachtet ist das der totale Wahnsinn – besonders solidarisch ist das auch nicht.
Hier wird viel Blech – aber auch viel Luft auf den Leerfahrten – auf der Autobahn durch halb Niedersachsen gefahren. Wo noch Kapazitäten über sind (im Presswerk Wolfsburg) hat die IG Metall ihren Wolfsburger Kollegen die Arbeitspätze gesichert. Die Endmontage dürfen die (billigen) Kollegen in Osnabrück erledigen. Vom Kostenvorteil wird vor allem der ökologisch und auch ökonomisch bedenkliche Transport der Karosserien bezahlt.

Nicht viel anders wird es aussehen, wenn zukünftig die Blechhülle des in Tschechien produzierten und mit nur einer niedrigen Marge vertriebenen Skoda Fabia zukünftig in Osnabrück lackiert werden. Was für ein Wahnsinn!
Es werden zwar dadurch auch in Osnabrück Arbeitsplätze gesichert und die moderne Lackieranalage genutzt, die noch zu Karmann-Zeiten gebaut wurde – doch um welchen Preis und mit welcher Zukunftsperspektive?
Wie Nachhaltig ist so eine quer durch Europa verteilte Produktion, deren einziger Zweck ganz offensichtlich darin besteht an den besonders geschützten Stammwerken von Volkswagen, Porsche und Skoda die Arbeitsplätze zu sichern?

Wie zukunftssicher sind die Arbeitsplätze im Fledder?

Und das bringt uns zu den Arbeitsplätzen. Wirklich neue Arbeitsplätze entstehen in Osnabrück nicht mehr. Aktuell dient das Osnabrücker Werk der Beschäftigungssicherung für 300 Mitarbeitern des portugiesischen Werks, für die schlicht ein dort noch sinnvoll zu produzierendes Produkt fehlt.
Halbfertige Autos von Tschechien nur um sie zu lackieren statt bis nach Osnabrück gleich an die Westspitze Europas zu verschicken, das war dann wohl auch den Wolfsburger Strategen zu dumm. Gut für Osnabrück – blöd für die Portugiesen, die deshalb zumindest zeitweise ihr Einkommen durch die Reise nach Osnabrück sichern können.
Wie es heißt, sollen die Portugiesen aber bald schon durch andere europäische Kollegen ausgetauscht werden.
Das Personalkarussell für die nicht mehr benötigten Arbeiter dreht sich weiter und macht erneut Stopp im Osnabrücker Werk.
In Osnabrück werden alte Autos mit überholter Technik von nicht mehr benötigten Mitarbeitern gebaut – das ist die traurige Realität im siebten Jahr der Volkswagen Osnabrück GmbH.

Osnabrück hat bei den Zukunftsthemen bislang keine Aufgabe bekommen

Und welche Zukunft hat die Automobilproduktion in Osnabrück angesichts der fortschreitenden Elektrifizierung der Automobilproduktion?
Bis zu 30.000 Arbeitsplätze will Volkswagen in absehbarer Zeit abbauen. Was nicht durch Altersteilzeit und Abfindungsregelungen erreicht werden kann soll die “Nicht-Stammbelegschaft” treffen. Soweit bekannt, könnte die Arbeitsplatz-Sense dann auch das als GmbH außerhalb der Kern-AG laufende Werk in Osnabrück treffen, denn unter Stammbelegschaft laufen die Osnabrücker VW-Werker aus Wolfsburger Sicht nicht.

Volkswagen Osnabrück braucht eine Aufgabe

Um dem Volkswagenwerk in Osnabrück eine Zukunft zu geben, braucht der Standort eine klar definierte Aufgabe im Konzernverbund!
Zu Karmann-Zeiten war diese Aufgabe klar umrissen (siehe oben): Cabriolets und bezahlbare Sportwagen.
Andere Werksstandorte hatten und haben (noch) klare Aufgabenprofile. Von Wolfsburg (Dauerbrenner Golf) über Emden (Passat) und Kassel (Getriebe Logistik), Braunschweig (Komponenten) bis Salzgitter (Motoren) – um nur die wichtigsten Standorte und Aufgaben zu nennen.

Weil Elektroautos keine komplexen Motoren mehr brauchen, auf ein Getriebe verzichtet werden kann und die Anteile der benötigten Komponenten rapide sinkt, haben die betroffenen Werksstandorte Kassel, Braunschweig und Salzgitter inzwischen wichtige Zukunftsaufgaben zugesprochen bekommen.
Wo in Zukunft Batterien, Elektromotoren und Elektronik produziert wird, ist inzwischen geklärt. Selbst die einstige Gläserne Manufaktur in Dresden hat eine neue Aufgabe erhalten, dort wird zukünftig statt dem Phaeton der Elektro-Golf produziert. Nur Osnabrück kommt in dieser Aufgabenteilung für die Produktion zukünftiger Elektroautos nicht vor.
Soll Osnabrück also zur flexiblen – aber nur mit einer sehr kurzfristigen Zukunftsperspektive versehen Resterampe des Konzerns verkommen?

Um Volkswagen Osnabrück eine Zukunftsperspektive zu verschaffen ist die Politik und sind Organisationen wie die IG Metall, die IHK und die Wirtschaftsförderung gefordert in Hannover und Wolfsburg den notwendigen Druck für die mehr als 2.500 Osnabrücker VW-Beschäftigten zu machen!

Am 7. Dezember wird Ministerpräsidenten Stephan Weil, der auch Mitglied im Aufsichtsrat der Volkswagen AG ist, zur Betriebsversammlung der Volkswagen Osnabrück GmbH kommen.

Der Autor war von 2000 bis 2007 in verschiedenen Funktionen für das Konzernmarketing und das Marketing der Marke Volkswagen an den Standorten Wolfsburg, Peking und Shanghai tätig.