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Keine Gleichberechtigung: Männliche Erzieher unter Generalverdacht

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Männer können sich genauso gut um Kinder und Babys kümmern, wie Frauen – eine Aussage, die wohl von den meisten Menschen unterstützt wird. Und obwohl der Anteil der männlichen Erzieher in Krippen und Kindergärten weiter ansteigt, haben viele es in ihrem Beruf schwer. Sie dürfen bestimmte Tätigkeiten nicht ausführen und geraten schnell unter einen Generalverdacht.

Ein Erzieher in Ausbildung berichtet über seine Arbeit


„In den Köpfen der Menschen hat sich schon ganz viel getan und ich erhalte oft positives Feedback von Eltern für meine Arbeit“, erzählt der Erzieher der sich ganz bewusst für seinen Traumberuf entschieden hat, gegenüber unserer Redaktion. „Trotzdem wird es einem als Mann zum Teil schwer gemacht, seinen Beruf auszuüben.“ Er spricht zum Beispiel von allgemeinen Wickelverboten, blöden Sprüchen und Gerüchten, die auf einen Schlag ganze Karrieren ruinieren können, auch wenn sie nur als Witz gemeint waren.

Männliche Erzieher geraten unter Generalverdacht

Nur etwa 5% der Erzieher in Deutschland sind männlich. Dabei belegen diverse Studien, dass sie genauso wichtig für die Entwicklung der Kinder sind und genauso qualifiziert wie ihre weiblichen Kolleginnen. „Die Bindungsarbeit zwischen Erzieher und Kind ist sehr wichtig, sie schafft Vertrauen. Männer sind dafür genauso wichtig, wie Frauen,“ erklärt er. Die meisten Menschen sehen das heute auch so und sprechen den männlichen Erziehern die gleichen Kompetenzen zu, wie ihren weiblichen Kolleginnen. „Es hat sich einiges positives entwickelt, doch leider gerät man immer noch schnell unter Verdacht.“


Babys wickeln nur mit besonderer Erlaubnis

„Jeder Erzieher bekommt mal blöde Sprüche von der Seite“, sagt er. „Da kommen so Sätze wie: Na, suchst du dir hier schon deine zukünftige Freundin aus? Ich nehme die Sprüche meistens einfach so hin, aber so entstehen schnell Gerüchte und wer erstmal unter Verdacht steht pädophil zu sein, wird das nicht mehr los.“ Natürlich muss man Verdachtsmomenten genau nachgehen, das weiß er. Aber generelle Verdächtigungen machen es den Auszubildenden und den praktizierenden Erziehern schwer, ihre Arbeit richtig auszuführen. „In meiner Ausbildungsklasse sind zusammen mit mir vier Männer“, erzählt er. „Ich war zum Beispiel der einzige, der während seines Praktikums die Kinder wickeln durfte. Und das auch erst, nachdem ich bei den Eltern gefragt habe, ob das okay ist. Meine weiblichen Kolleginnen mussten das noch nie tun.“ Den anderen war es von der Leitung der Krippen oder KiTas direkt verboten worden, diese Art von Aufgaben zu übernehmen.

Dabei ist gerade bei ganz kleinen Kindern der enge Kontakt enorm wichtig. „Kleine Kinder brauchen körperliche Nähe. Wenn ein Kleinkind weinend vor dir steht, dann nimmt man es zum Trösten auf den Schoß oder kuschelt mit ihm. Als Mann muss man sich dabei aber immer fragen, wie das bei anderen rüberkommt.“ Ein erwachsener Mann mit einem kleinen Kind auf dem Schoß – das scheint bei einigen Menschen immer noch ein befremdliches Gefühl zu erzeugen. Diese generelle Verdächtigung löst auch bei den männlichen Erziehern selbst Verunsicherung aus. „Ein Bekannter von mir wickelt zum Beispiel keine Kinder mehr und nimmt sie auch nicht auf den Schoß, weil er Angst vor falschen Verdächtigungen hat.“

Gerüchte können das Ende einer Anstellung bedeuten

Pädophilie ist ein heikles Thema, das schnell Karrieren ruinieren kann. Einem Kollegen des Auszubildenden sind diese Gerüchte zum Verhängnis geworden. „Eine Mutter wollte nicht, dass er ihr Kind wickelt. Dadurch kamen Gerüchte auf – und am Ende hat er die Einrichtung wechseln müssen.“ Das ist auch der Grund, warum der Erzieher in Ausbildung in diesem Interview anonym bleiben möchte. Er hat Angst vor möglichen Konsequenzen, wenn sein Name online in einem Text mit dem Wort pädophil zu lesen ist. „Ich habe selbst viel positive Resonanz bekommen. Trotzdem muss man enorm aufpassen und sich bei allen Aktionen fragen, wie sie wirken. Man hat ständig Angst, falsch verstanden zu werden.“

Trotz allem: Erzieher ist der schönste Job der Welt

Trotz aller Widrigkeiten ist es für ihn der schönste Job der Welt. „Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn ein Kind in die Kindertagesstätte kommt, in einer neuen Situation und von den Eltern getrennt, und dann mit einem strahlenden Lächeln auf dich zu kommt, um dich zu begrüßen.“ Er schätzt die Ehrlichkeit und das Vertrauen, das die Kinder ihm so vorbehaltlos entgegenbringen. „Kinder sind ehrlich und sie entwickeln sich schnell, gerade in der Krippe. Während meines Jahrespraktikums haben viele Kinder Laufen gelernt, oder ihre ersten Wörter gesprochen. Das zu beobachten, und den Kindern ein sicherer Hafen zu sein, das macht diesen Beruf für mich so schön.“

Sophie Scherler
Sophie Scherler ist seit März 2018 Redakteurin bei der Hasepost. Zwei Jahre zuvor zog sie für ihr Studium der Sozialwissenschaften nach Osnabrück. Ihren Abschluss wird sie im nächsten Jahr machen. Danach strebt sie ein crossmediales Volontariat bei einem großen Medienunternehmen an.


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