Kallas Kolumne Kallas Kolumne: Liebe, Drama, Wahnsinn! Der VfL am Scheideweg...

Kallas Kolumne: Liebe, Drama, Wahnsinn! Der VfL am Scheideweg …?

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Wie war das am Freitagabend an der Bremer Brücke?

Die Sitzplätze auf der Nord- und Südtribüne lichteten sich etwa ab der 60. Minute zusehends. Der Kuchenblock auf der Süd hatte offenbar etwas Leckereres vor und viele auf der Nord etwas Besseres.
Eins hatten beide gemeinsam: Die Schnauze gestrichen voll, ob mit oder ohne Kuchen. Dieses für die sonst recht braven Sitzplatzbesucher ungewöhnlich aufmüpfige Verhalten kann man nach der katastrophalen Vorstellung des VfL durchaus verstehen.
Es soll also gar kein Vorwurf sein, lediglich eine nüchterne Feststellung von Tatsachen, denn jeder geht mit seinen ureigensten Vorstellungen und Gefühlen ins Stadion, die sich von denen anderer radikal unterscheiden können. Jeder ist auf sein Art VfL-Fan oder einfach nur Fußballliebhaber, der sich darüber freut, dass in Osnabrück zweitklassiger Fußball dargeboten wird. Keiner ist deswegen ein besserer oder schlechterer Mensch.
Und das lässt sich auf alle anderen fußballbegeisterten Städte mit all ihren Vereinen und Ligazugehörigkeiten eins zu eins übertragen, ob einem das gefällt oder nicht. Und so unvorstellbar es auch sein mag: Auch Meppener und sogar Münsteraner Fans sollen ihren Verein lieben (derlei unglaubliche Geschichten wurden mir jedenfalls von mehreren Leuten zugetragen, die namentlich auf keinen Fall erwähnt werden wollen).

Der Unterschied zwischen Kunden und Fans

Doch was geschah eigentlich in der insbesondere von dauernörgelnden Sky-Sesselfans so oft gescholtenen Ostkurve und auf dem Affenfelsen an diesem nasskalten 2:6-Abend?
Kaum einer ging vor dem Ende der Partie und die Fans stimmten a capella die VfL-Hymne “Nur für diesen Verein” an und sangen in Dauerschleife “Zweite Liga ist so schön, sollte nie zu Ende geh’n …”
Und wenn sie nun doch zu Ende gehen sollte diese zweite Liga?
Nun, dann werden zwar alle Ostkurvenfans weiterhin ins Stadion gehen, der Anblick der leeren Nordtribüne dürfte allerdings wieder zum Standard gehören. So war es in der jüngsten Vergangenheit und so wird es auch zukünftig sein.
Und nach dem Schlusspfiff sprach man der hoffnungslos unterlegenen VfL-Mannschaft trotz ihrer desaströsen Leistung mit Beifall Mut zu, die ihrerseits geschlossen zum Abklatschen mit zunächst gesenkten, sich aber langsam wieder aufrichtenden Köpfen an der Ostkurve vorbeizog. Ein großartiger und anrührender Anblick: Das ist meine Vorstellung von Fußball. Das ist mein VfL.
Welches Fanverhalten mehr Respekt gebührt, muss jeder für sich selbst entscheiden, ich für meinen Teil habe es längst getan.

Wie wäre es um den VfL ohne Daniel Thioune bestellt?

Nun fordern in den kümmerlichen Kommentarspalten der sozialen Medien sogar einige die Entlassung des Trainers. Dieses Trainers also, der zusammen mit Sportdirektor Schmedes und dieser Mannschaft überhaupt erst “das Wunder zweite Liga” möglich gemacht hat.
Daniel Thioune hat aber vor allem etwas sehr viel Größeres als den Aufstieg erreicht: Er hat es mit seiner sympathischen und besonnenen Art geschafft, anderen Menschen, die schon längst den emotionalen Faden zum VfL verloren hatten, einen neuen Zugang zum VfL zu ermöglichen. Er ist das, was für den VfL viel notwendiger ist als jede städtische Finanzspritze oder Stadiondiskussion: Er ist die so wichtige Identifikationsfigur, die der VfL nach all den Jahren der Entfremdung, die inbesondere ältere Fans empfanden, nötiger hat als je zuvor.
Sollte er den VfL verlassen, hinterließe er ein riesiges emotionales Vakuum, das derzeit durch niemanden ersetzt werden könnte. Vor einem solchen Bruch habe ich derzeit sehr viel mehr Angst als vor einem Abstieg.

Gegen den Brückenvirus hilft keine Impfung

Vielleicht hat diese verheerende Niederlage sogar den Vorteil, dass einige Stadträte und Funktionsträger, die vor wenigen Wochen noch von der Notwendigkeit eines 25.000-Zuschauer-Stadions schwadronierten, wieder geerdet werden.
Der VfL benötigt die Bremer Brücke, ohne deren Atmosphäre ein Wiederaufstieg und auch ein Verbleib in der zweiten Liga gar nicht möglich sein würde.
Der VfL benötigt die Emotionalität der Bremer Brücke wie die Luft zum Atmen und sonst gar nichts, zumal deren derzeitige Kapazität in jeder Hinsicht für immer und ewig reichen wird, denn wir sind die Osnabrücker und bestimmt nicht die Bayern und schon gar nicht das Leipziger Allerlei.

Eine schöne Woche und eine dicke Überraschung in Bielefeld wünscht euch Kalla

PS: Mein Kolumne zur Causa Hopp und zu Karl-Heinz Rummenigge, der hässlichen Fratze des Fußballs, dann vermutlich übernächste Woche.


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Kalla Wefelhttps://kallawefel.info/
Kalla Wefel saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär. Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Seit über vierzig Jahren arbeitet er professionell als Kabarettist, Musiker, Journalist und Autor.

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