Kallas Kolumne Kallas Kolumne: 25 Jahre Schuldenuhr und andere Katastrophen

Kallas Kolumne: 25 Jahre Schuldenuhr und andere Katastrophen

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Der Bund der Steuerzahler feiert 2020 das fünfundzwanzigjährige Bestehen der sogenannten Schuldenuhr, die in regelmäßigen Abständen ganz laut tickt, damit irgendwann auch der letzte Untertan der Meinung ist, dieser Staat habe tatsächlich kein Geld mehr – vor allem kein Geld für geringfügige Belange wie Kultur und Bildung oder gar für so etwas Profanes wie soziale Sicherheit.
In den Wirtschaftsnachrichten einschlägiger Magazine konnte man neulich lesen, dass die Deutschen über 12,5 Billionen Euro Privatvermögen verfügen.
Nur mal so: Eine Billion sind 1.000 Milliarden und eine Milliarde 1.000 Millionen, eine Billion also eine Million Millionen.

Wir sind alle reich, aber wer weiß das schon?

Folglich verfügt jeder Bundesbürger schon von Geburt an über ein Vermögen von 156.250 Euro, auch wenn mir die Osnabrücker Sparkasse das partout nicht glauben will und mich stattdessen wiederholt wie einen aussätzigen Bulgaren griechischer Herkunft behandelt, während sie mir gleichzeitig vorrechnet, dass ein gutes Drittel von den 12,5 Billionen nur einem einzigen Prozent der Bevölkerung gehört. Mein steter Einwand, dass man das, was einem gehört, nicht unbedingt verdient hat, wird einfach mit einem mitleidigen Blick geflissentlich und achselzuckend übergangen.
Die Staatsschulden betragen übrigens rund zwei Billionen, also 16 Prozent des vorhandenen Privatvermögens. Pro Kopf sind das genau 25.000 € Schulden.
Jeder von uns bräuchte also von den 156.250 € frisch erlangtem Geldsegen nur 25.000 € an den Staat zahlen. Dann besäßen wir zwar “nur” noch 131.250 Euro, der Staat jedoch wäre komplett entschuldet.
Nun ist der Staat aber überhaupt nicht verschuldet, denn er verfügt neben den zwei Billionen € Schulden über ein Gesamtvermögen von über fünf Billionen €. Das heißt jeder von uns besitzt nicht nur 131.250 €, die Schulden haben wir ja schon abgerechnet, sondern 193.750 €.
Ich wäre damit sofort einverstanden, aber wer sagt das dem einen Prozent der Superreichen? Und vor allem, wer sagt das der Osnabrücker Sparkasse oder der Commerzbank, zu der ich längst aus Frust gewechselt bin?
Zurzeit wächst das Privatvermögen um etwa 12.500 € pro Sekunde oder etwa fünfzehnmal schneller als die sinkenden Staatsschulden – komisch, auch davon habe ich persönlich noch nichts bemerkt.
Wie wäre es eigentlich, wenn man statt einer Schuldenuhr eine Vermögensuhr einführen würde? Von mir aus könnte man auch beide Uhren direkt nebeneinander aufhängen und synchron laufen lassen, dann sähe nämlich auch der letzte Volltrottel, dass ein Verzicht auf die Erhöhung des Spitzensteuersatzes und auf Lohnrunden nicht nur absurd, sondern ein Verbrechen ist. Von diesem Verbrechen sind allerdings nur lächerliche 99 Prozent der Bevölkerung betroffen.

Stand 14. Januar 2020

Darüber hinaus wäre ohnehin zu befürchten, dass das kriminelle Hobby der Superreichen und längst auch der gar nicht mal so Superreichen nur neuen Zulauf bekäme: Nämlich »Oh, wie schön ist Panama« zu singen (wahlweise durch andere Steueroasen zu ersetzen) und Steuern in dem Land zu hinterziehen, das ihnen ihren schier unfassbaren Reichtum dank seiner steuerfreundlichen Gesetze und Schlupflöcher überhaupt erst ermöglicht hat.
Und so frage nicht nur ich mich seit ewigen Jahren, wann knallt es hier eigentlich mal? Ich meine, so richtig. Wann haben die Armen in diesem Land die Schnauze gestrichen voll und tauschen Fernbedienung, Smartphone und Sechserpack wenigstens gegen Spruchbänder, Trillerpfeifen und Streiks ein?
Die geistig Armen gehen ja schon seit Jahren in Dresden auf die Straße und genau die meine ich eben überhaupt nicht.
Ich meine die wirklich Armen, die, die womöglich seit ihrem 15. Lebensjahr gearbeitet haben und nach 50 Jahren Arbeit ihr Reihenhaus verkaufen müssen, weil es dieses erbärmliche Gesetz verlangt, das nach einem korrupten und wegen Veruntreuung von Geldern verurteilten VW-Manager benannt wurde, der seine Puffbesuche als Spesen abrechnete und natürlich, wie es in Mafiakreisen üblich ist, mit Gerhard Schröder befreundet war.
Und das genau ist dieses perfide Spiel mit dem Schicksal des unteren Drittels dieser Gesellschaft. Letztendlich wird dieses Drittel ganz allein die Konsequenzen einer komplett verfehlten Politik dieser und aller vorherigen Regierungen tragen müssen, während sich die Wohlstandsinvaliden am Stadtrand darüber wundern, dass Wohnungsnot herrscht und der Pöbel unzufrieden ist, obwohl doch RTL2 sendet und ein Sechserpack so billig ist.
Und wenn bis zur Bundestagswahl, die womöglich noch in diesem Jahr stattfindet, das Vertrauen nicht mehr da sein sollte, dann gnade euch euer komischer Gott. Dann wird dieses Land so weit nach rechts rutschen, dass selbst im rechtsradikalen Polen bald kein Platz mehr für Polen sein wird.
Und das kann passieren, wenn sich die Bundesregierung nicht endlich dazu durchringt, den ALG2-Satz zu erhöhen, eine bedingungslose Mindestrente einzuführen und den sozialen Wohnungsbau radikal auszubauen.
Ach, schon hätte ich es fast vergessen, eine ganz kleine Hoffnung habe ich: Wir haben ja noch die stets tickende Schuldenuhr, die jeden gutgläubigen Menschen daran erinnern soll: “Halt gefälligst dein leeres Maul und sei froh, dass es nun den Mindestlohn gibt, auch wenn der nicht einmal dazu reicht, ein menschenwürdiges Leben zu führen, sondern allenfalls ein Mindestleben.”

Ein gesundes und glückliches 2020 wünscht euch Kalla

Nachschlag:

Reiche (Männer)
(Musik „Männer“: Herbert Grönemeyer – Text: Kalla Wefel)

Reiche nehmen den Armen, Reiche klagen allen ihr Leid.
Reiche prassen nur heimlich, Reiche erblassen höchstens vor Neid.
Oh, Reiche sind so entsetzlich,
Reiche sind auf dieser Welt unersättlich.

Reiche zahlen keine Steuern, Reiche stöhnen ein Leben lang.
Reiche tragen viel Risiko und ’n Koffer voll Geld zur Bank.
Reiche sind allzeit bereit.
Reiche bestechen mit Geld und durch Dreistigkeit.

Reiche geben nur schwer, nehmen leicht,
außen hart und innen ganz gleich,
sind als Kind schon aufs Erben geeicht.
Wann ist ein Reicher reich? Wann ist ein …

Reiche leisten sich Luxus, Reiche denken stets global.
Reiche leisten sich alles, leider nur keine Moral.
Reiche ha’m für Tiere ’n großes Herz.
Und leisten sich ´n dickes Fell aus echtem Nerz.

Reiche geben nur schwer …

Reiche bauen Raketen, bis der Mond vom Himmel fällt.
Reiche lieben auch Kinder, die arbeiten für wenig Geld.
Reiche lassen sich gern das Fett absaugen und schicken’s dann in die dritte Welt.

Reiche lesen sogar Heine, denn der ist schon lange tot.
Reiche geh’n in die Kirche und spenden den Armen trocken Brot.
Oh, Reiche trinken heimlich Wein
und predigen öffentlich Wasser zum heil’gen Schein.

Reiche haben keine Freunde, denn bei Geld hört die Freundschaft auf …


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Kalla Wefelhttps://kallawefel.info/
Kalla Wefel saß mit zwei Jahren zum ersten Mal auf der Trainerbank des VfL, und zwar auf dem Schoß seines Vaters „Doc“ Wefel, der 34 Jahre lang Mannschaftsarzt und Vorstandsmitglied war. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Jupp Heynkes, Gerd Müller, Paul Breitner, Lothar Matthäus, Diego Maradona und Kalla Wefel hatten denselben Fußballtrainer, nämlich Udo Lattek, der einst bei Familie Wefel ein und aus ging. Diese und viele weitere skurrile, heitere und ernste Geschichten und Anekdoten um den VfL lassen sich in seinen Büchern „Mein VAU-EFF-ELL!“ und „111 Gründe, den VfL Osnabrück zu lieben“ nachlesen. Die von ihm 2010 mit viel Aufwand produzierte CD „Wir sind der VfL“ wurde 5.000 mal verkauft und der komplette Erlös (etwa 30.000 €) ging an terre des hommes. Seine VfL-Heimatabende sind legendär. Mit „Kär, Kär, Kär!“ schrieb er das nach der Bibel und „Mein Kampf“ meistverkaufte Buch Osnabrücks. Mit "Der VfL in der Saison 2019/20" hat er ein neues Format entwickelt, das von nun an jährlich erscheinen soll. Seit über vierzig Jahren arbeitet er professionell als Journalist und Autor sowie als Kabarettist und Musiker.

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