Aufmerksame Besucher des Heimatabends am vorherigen Sonntag wussten schon Bescheid: Kalla Wefel: Musiker, Satiriker, Schulbuchautor, ehemaliger Oberbürgermeister-Kandidat und profunder Kenner des VfL Osnabrück, bewarb sich in der vergangenen Woche darum Präsidentschaftskandidat der Lila Weißen zu werden.

Eine Kandidatur um die Kandidatur

Wefel bewarb sich nicht darum VfL-Präsident zu werden, sondern erstmal nur darum überhaupt Kandidat für das Amt werden zu dürfen.
Nach Auffassung der Vereinsoberen muss erst ein vorgelagerter Wahlausschuss darüber entscheiden, ob ein Vereinsmitglied des VfL auch tatsächlich geeignet ist, dass er den einfachen Vereinsmitgliedern zur Wahl gestellt werden kann.

Inzwischen steht fest: Aus dem Präsidentschaftskandidaten Kalla Wefel wird erstmal nichts. Fest steht aber auch, dass die bereits im Vorfeld von Seiten des Wahlausschusses verhinderte Kandidatur nicht ohne Folgen für den derzeit spielerisch im freien Fall befindlichen Verein bleiben wird.
Auf der Facebook-Seite des Heimatabends veröffentlichte Wefel wesentliche Teile des Schriftwechsels mit den Vereinsoberen – weitere Dokumente, darunter eine rechtliche Würdigung des Auswahlverfahrens, liegen unserer Redaktion vor.

Kaum ein VfL-Präsident wäre „mehr“ VfL

Der 1951 geborene Sohn des ehemaligen VfL-Mannschaftsarztes hat in Hamburg nicht nur – neben Germanistik und Philosophie – Sport mit dem Hauptfach Fußball studiert, sondern spielte einst in sämtlichen Jugendmannschaften des VfL und wurde dabei auch von der Legende Udo Lattek trainiert. Der VfL gehört seit Wefels Geburt zu seiner Familie. Jahrzehntelang gingen Spieler und Offizielle in Wefels Elternhaus ein und aus.
Neben der fachlichen Eignung und persönlichen Verbundenheit kommen bei Wefel auch noch mehr als 30 VfL-Heimatabende hinzu, bei denen er „stets für Transparenz und Offenheit einstand“ (O-Ton Wefel), sowie zwei aktuelle Bücher über den VfL und jene legendäre VfL-CD mit 25 Fassungen der Vereinshymne, bei der von „Kunstrasen“ über die „Blues Company“ bis hin zum „Domchor“ über 300 Osnabrücker Musiker mitgewirkt haben.

Kandidatur um die Kandidatur war kein Scherz

Es klang für viele Besucher des Heimatabends eine Woche vor der Landtagswahl wohl wie einer seiner beiläufig eingestreuten Scherze, mit denen Wefel die Veranstaltung in der Lagerhalle beendete: „Und übrigens, ich bewerbe mich darum die Präsidentschaft des VfL zu übernehmen“. Doch wer genau hinhörte, der konnte aus dieser scherzhaft klingenden Ankündigung heraushören, ein „Scherz“ sollte das nicht sein. Denn Wefel legte direkt nach und kritisierte öffentlich, dass man ihn aufgefordert habe ein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen. „Das werde ich machen, aber nur, wenn mir die Mitglieder dieses Gesinnungsausschusses auch ihre Führungszeugnisse präsentieren.“

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Bei seinen Heimatabenden holt Kalla Wefel auch politische Prominenz aufs Podium.

Showdown am Mittwoch an der Bremer Brücke

Was genau beim Bewerbungsgespräch um die Kandidatur im Treffpunkt Nord an der Nordtribüne passierte, darüber schweigt sich Kalla Wefel vorerst aus. Dass der Wahlausschuss von Wefel im Vorfeld ein polizeiliches Führungszeugnis verlangte, dürfte jedoch nur eine der kleineren Seltsamkeiten bei der Suche nach einem neuen Vereinspräsidenten gewesen sein.
Der Vorsitzende des Wahlausschusses („WA“), Ralf Wöstmann, bekommt von Wefel im Nachgang eine ordentliche Rechnung präsentiert, bei der sich zeigt, dass der Satiriker nicht so schnell vergisst.
Wöstmann, der seine sportliche Heimat nicht beim Fußball, sondern bei der Tischtennisabteilung des Vereins hat (Wefel dazu: „einer Abteilung also, die vor nicht einmal 50 Jahren bundesweit für Furore gesorgt hatte“), wirft Wefel eine Nähe zum Osnabrücker Rechtsanwalt Dr. Eberhard Frohnecke vor, dem Wefel wiederum eine Nähe zur AfD, Homophobie, der rechtsradikalen Identitären Bewegung und zu einer schlagenden Verbindung vorwirft.

Uwe Brunn und Jürgen Wehlend mit-entscheidend für Kandidatur?

Neben dem „Ping-Pong-Diplomaten“ Wöstmann musste Wefel am Mittwochabend sich und seine Kandidatur auch gegenüber dem amtierenden Vizepräsidenten Uwe Brunn und VfL-Geschäftsführer Jürgen Wehlend präsentieren.
Uwe Brunn, so Wefel, will sich selbst um ein Amt im Präsidium bewerben. Das löste wohl einiges Unbehagen bei Kalla Wefel aus, denn so sollte er seinem Mitbewerber gegenüber offenlegen, was er selbst als Präsident für den VfL plant. Noch seltsamer empfand der Bewerber, dass auch der augenblicklich ein wenig glücklose VfL-Geschäftsführer über seine Kandidatur bescheiden sollte. Bei Zulassung als Kandidat und erfolgreichem Votum der Mitglieder müsste Geschäftsführer Wehlend sich zukünftig weisungsbefugt dem Präsidenten Wefel unterordnen, den dieser zuvor hätte an der Kandidatur hindern können [was ja auch passierte].
Wefel fasst diese absurde Situation zusammen: „Der Geschäftsführer befindet selbst darüber, wer sein zukünftiger Chef ist, und ein Mitkonkurrent hört sich im Vorhinein die Ideen seiner Konkurrenten an.“

Wefel hätte eine Revolution ausgelöst

Die Ideen, die Wefel für einen VfL der Zukunft auf seiner Facebook-Seite präsentiert, dürften für die bisher Verantwortlichen auch schwer verdauliche Kost sein. Der verhinderte Präsidentschafts-Kandidat zählt unter anderem auf:

  • Demokratie und Transparenz in einem Verein einzuführen, der längst ein städtischer Betrieb ist.
  • Jeden Klüngel abzuschaffen und externe Fachkompetenz im sportlichen und wirtschaftlichen Bereich einzuholen.
  • Hüggelmeyer unter allen Umständen zurückkaufen, um ein Vereinsheim zu haben
  • Osnabrück-Pass-Inhabern bei freier Kapazität generell freien Eintritt zu gewähren.
  • Für alle Zeiten kostenlos für „terre des hommes“ auf den Trikots zu werben.

Dazu Kalla Wefel: „Solche Maßnahmen würden dem VfL landesweit derart viele Sympathien einbringen, dass man um den Ruf des VfL fürchten müsste und Rechtspopulisten verschreckt werden könnten. Das will doch wirklich niemand, oder?“

Auch sportlich hätte Wefel einiges ändern wollen

  • Beim VfL wieder Fußball spielen zu lassen, und zwar auf allen Ebenen
  • Eine dritte und vierte und was-weiß-ich-nicht-wievielte Mannschaft und eine Frauenfußball-Abteilung, die zum VfL wie die Luft zum Atmen gehören, wenn Verein und Vereinsheim mit Leben gefüllt werden sollen.

Und am Ende könnte sogar das Hofieren der VIPs zu Gunsten „Very Un-Important Persons“ (VUP) in Frage gestellt werden, was Wefel allerdings selbst – im Sinne der bisherigen Vereins-Oberen – ironisch kommentiert: „Ein solcher Präsident wie ich, der womöglich ausschließlich im Sinne der Mitglieder handeln könnte, würde doch nicht einmal davor zurückschrecken, den VIP-Bereich zum VUP-Bereich zu erklären oder gar die Osnabrücker Tafel mit dem Catering zu beauftragen. Derart reale Spinnereien haben beim VfL nun wirklich nichts zu suchen und stören nur beim unaufhaltsamen Prozess, Firma und Verein sehenden Auges vor die Wand zu fahren.“

Vor Gericht und mit dem Finanzamt droht Ärger

Wefel kündigt in seiner auf Facebook veröffentlichten „Chronologie einer Absage“ an, dass er rechtliche Schritte gegen das Vorgehen des Wahlausschusses prüft.

Das Vorgehen des Wahlausschusses, das bereits im Vorfeld verhindert, dass Kandidaten, die für den Fortbestand der bestehenden Strukturen kritisch sein könnten, den Vereinsmitgliedern nicht zur Wahl gestellt werden, kann für den Verein womöglich tatsächlich noch problematisch werden. In einer ersten rechtlichen Würdigung des Verfahrens, die unserer Redaktion vorliegt, wird ein eklatanter Verstoß gegen die Vereinssatzung festgestellt, der auch steuerrechtlich bedenklich sein könnte und den Verein dann da treffen würde, wo er am verwundbarsten ist: Bei den Finanzen.

 
Illustration unter Verwendung eines Pressefotos zum Ferienpass (Stadt Osnabrück / Jens Lintel)