Am frühen Donnerstagabend (21. August) versammelten sich 200 bis 300 Menschen für zwei Stunden vor dem Theater Osnabrück, um ein Podiumsgespräch zur Absetzung des Stücks „Ödipus Exzellenz“ zu verfolgen. Ursprünglich sollte das Stück am 31. August die neue Spielzeit eröffnen, doch Intendant Ulrich Mokrusch stoppte die Produktion, in der es um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche geht. Begründet wurde die Entscheidung mit „unüberbrückbaren Differenzen in der Art der künstlerischen Umsetzung“.
Diskussion vor großer Kulisse
Mit einer mobilen Bühne und einer eher kleinen Soundanlage war die Veranstaltung nur auf 30 bis 50 Zuhörende ausgelegt – tatsächlich kamen jedoch 200 bis 300 Interessierte. Wegen der Enge drängten sich Menschen bis auf die Straße, Busse mussten hupend um die Kurve kämpfen. Die Tonanlage sorgte für Rückkopplungen und teilweise zu leise Beiträge.
Eingeladen zur Diskussion waren Kristina Pfaff (Grüne), Thomas Kienast (Schauspieler am Theater Osnabrück), Karl Haucke (Betroffener von sexualisierter Gewalt), Regisseur Lorenz Nolting und Dramaturgin Sofie Boiten. Moderiert wurde das Gespräch von Angela Marquardt (SPD-Politikerin und ebenfalls Betroffene von Kindesmissbrauch). Ein Vertreter des Bistums Osnabrück erschien trotz Einladung nicht. Ulrich Mokrusch wurde bewusst nicht eingeladen – er habe ausreichend Möglichkeiten gehabt, sich zu äußern, hieß es.

Kunstfreiheit und Missbrauchsaufarbeitung
Angela Marquardt betonte: „Ein Stück, das in Zusammenarbeit mit einem Betroffenen erarbeitet wurde, ist abgesetzt worden. Man schaut weg. Dabei soll Kunst wehtun, darf wehtun.“
Karl Haucke, seit Jahren in der Aufarbeitung von Missbrauchsskandalen engagiert, forderte: „Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle darf nicht verhindert werden.“ Er sagte außerdem: „Als Täterorganisation hat man viel zu verstecken. Kirche, ich glaube euch nicht.“ Mit Blick auf den Intendanten erklärte er: „Der Intendant sagte, sein Glaube wurde beschmutzt. Aber er sagte nichts über Tausende missbrauchte Kinder.“
Auch kritisierte er die Haltung vieler Gläubiger: „Menschen unterstützen das System der katholischen Kirche durch ihre Kirchensteuer und ihren Besuch im Gottesdienst. Ich vermisse bei deutschen Christen, dass sie sich nicht distanzieren.“
Kritik an Intendant und Stadtspitze
Regisseur Lorenz Nolting holte zum Rundumschlag aus, griff auch Oberbürgermeisterin Katharina Pötter an, die sich hinter Mokrusch gestellt habe. „Nach allem, was passiert ist, nach Verschwiegenheitsklauseln, nach Drohung mit rechtlichen Schritten, können wir diesem Intendanten nicht mehr vertrauen und vertrauen ihm auch in Zukunft nicht, dass er gute Kunst ermöglicht. Das ist genauso wie unsere Liebe zum Ensemble unsere feste Überzeugung“, so Nolting.
Schon zuvor hatte der Regisseur auf Instagram Vorwürfe erhoben. Ulrich Mokrusch habe angeblich gesagt: „Ich habe euch hier alle unter Vertrag. Und das ist mein Theater.“ Auch die Schauspielleitung habe das Regieteam nicht unterstützt, nur von Ensemble und Assistenzen hätte es Rückendeckung gegeben.
Widersprüchliche Darstellungen
Uneinigkeit herrschte über die Rolle des Intendanten bei den Proben. Das künstlerische Team wirft ihm einerseits massive Eingriffe vor, andererseits sagte Nolting: „Der Intendant war bei keiner einzigen Probe.“ Dramaturgin Sofie Boiten erklärte: „Einen Austausch mit der Intendanz gibt es normalerweise erst in der letzten Probenwoche. Uns wurde die Tür jedoch bereits nach zwei Wochen Probenzeit, also in einem sehr frühen Prozess, zugeschlagen.“
Schauspieler Thomas Kienast unterstützte den Regisseur: „Theater muss wehtun. Mit der Faust in den Bauch.“ Er verwies auf den Wunsch des Ensembles nach Aufarbeitung: „Wir sind im Ensemble im ständigen Austausch, reden darüber. Es gibt den Wunsch, das aufzuarbeiten und strukturelle Fragen zu stellen, statt einfach weiterzumachen und von Produktion zu Produktion zu hetzen.“

Reaktionen aus dem Publikum
Auch unter den Zuhörenden vor dem Theater äußerten viele Kritik am Intendanten. Transparente trugen Aufschriften wie „Kein Publikum braucht Schutz vor der Kunst“ und „Die Angst des Intendanten vor der Premiere“. Mehrere Stimmen betonten, dass das Publikum selbst entscheiden könne, welche Stoffe es ertrage.
Das Theater Osnabrück verwies vorab dagegen auf einen künstlerischen Konflikt: Nicht das Thema Missbrauch sei ausschlaggebend für die Absetzung gewesen, sondern unterschiedliche Vorstellungen über die Inszenierung eines katholischen Gottesdienstes. Man habe die Zusammenarbeit beendet, nachdem das Regieteam die gemeinsame Arbeit verweigert habe. Eine Abstimmung mit dem Bistum Osnabrück wies das Theater zurück. Auch das Bistum erklärte, keinen Kontakt zum Theater in dieser Sache gehabt zu haben.
Hintergrund zum Intendanten
Ulrich Mokrusch ist seit 2021 Intendant des Theaters Osnabrück, zuvor war er in derselben Position am Stadttheater Bremerhaven tätig. Sein in Osnabrück ursprünglich bis 2026 laufender Vertrag wurde aufgrund künstlerischer Erfolge und hoher Besucherzahlen vorzeitig bis 2030 verlängert. Im Jahr 2015 erhielt er den Theaterpreis des Bundes, darüber hinaus wurde er mehrfach für verschiedene künstlerische Preise (unter anderem für das Opernhaus des Jahres) nominiert.