Am 09. Mai las Anita Lasker-Wallfisch aus ihren Erinnerungen an die nationalsozialistische Zeit, sowie ihrer Deportation vor. Sie berührte nicht nur den Jahrgang 9 des Ratsgymnasiums, sondern sichtlich alle Zuhörer. Im Anschluss hatten die Anwesenden die Möglichkeit Fragen zu stellen.

Der 1925 in Breslau geborenen Cellistin wurde die Musik mit in die Wiege gelegt. Bereits ihre Mutter spielte Geige und auch beide älteren Schwestern erlernten ein Instrument.

Ihre Familie war bürgerlich, unreligiös und kultiviert. Am Sonntag sprach man im Hause Lasker nur Französisch. „Wir sollten niemals aufhören unseren Eltern zu danken.”, gibt Anita Lasker-Wallfisch den Schülern mit auf den Weg.

„Wir lebten im Vakuum.”

Der älteren Schwester Marianne gelang die Flucht. Nachdem Großmutter und Eltern deportiert wurden, arbeiteten die zwei Schwestern in einer Papierfabrik. „Wir lebten im Vakuum.”, sagt die jüngste der drei Schwestern.
Beim eigenen Fluchtversuch wurden beide am Bahnhof in Breslau verhaftet und anschließend verurteilt. Da sie in einem Gefangenentransport nach Auschwitz kamen, umgingen sie der Massenselektion.
Anita Lasker-Wallfisch hatte Glück: sie überlebte den Aufenthalt im Konzentrationslager. Sie wurde Teil des “Mädchenorchester von Auschwitz”, welches dringend auf der Suche nach einer Cellistin war. Dies ermöglichte ihr gesonderte Bedingungen.


„This is the British Army. Don’t worry, you are free.”

„Der einzige Weg aus der Falle war aus dem Schornstein.”, so die Holocaust-Überlebende. Sie erlebte, wie Menschen lebendig verbrannt wurden, weil das Gas knapp war. In Bergen-Belsen schlief sie mit Hunderten in einem Zelt, überall lagen Leichen.
Bei der Befreiung Bergen-Belsens durch die Briten, am 15. April 1945, “war ich 19 Jahre alt, doch ich fühlte mich wie 90.”. Es war vorbei, „doch Kraft zum Feiern und Jubeln hatte keiner.”.
Nach dem krieg verbrachte sie elf Monate auf der Reise, danach wanderte sie nach England aus. Anita Lasker-Wallfisch wurde professionelle Cellistin und gründete eine Familie.

Lesung, Schüler, Anita Lasker-Wallfisch

Nach der Lesung hatten die Anwesenden die Möglichkeit Fragen zu stellen:

„War Widerstand eine Option in Auschwitz?”

„Da muss ich aber lachen. Wie, wie? Als halbtote?”, entgegnet die Zeitzeugin der Schülerin. Widerstände habe es zwar in anderen Lagern gegeben, diese seien aber immer unglücklich ausgegangen und hätten nichts bewirkt. Die Deutschen bedienten sich der stärkeren Mittel.

„Haben Sie das Tattoo noch?”

Ernst fragt Lasker-Wallfisch zurück:„Warum sollte ich nicht? Würden Sie es sich wegmachen lassen?”. Der Schüler ist mit der Frage sichtlich überfordert. Für die Holocaustüberlebende ist es ganz einfach: Hätte sie sich das Tattoo, welches ihr in Auschwitz gestochen wurde, wegmachen lassen, hätte sie das Geschehene verleugnet. „Und ich bin keine Leugnerin.”, sagt sie. Oft habe sie erlebt, dass Leute auf die dunkelblaue Nummer an Ihrem linken Unterarm blickten und leicht beschämt meinten, sie hätten“es vergessen.

„Waren Sie rachsüchtig?

„Nach dem Krieg war es in Mode in deutsche Häuser zu gehen und etwas mitzunehmen.”, so Lasker-Wallfisch, „Ich bin einmal mitgegangen und blicke in einem Haus in die Augen eines kleinen Kindes und fragte mich: Was tue ich hier? Ohne etwas anzurühren bin ich hinaus gegangen.”. Nach ihrer Emigration nach England habe sie sich geschworen nie mehr nach Deutschland zu reisen und nie mehr mit einem Deutschen zu reden.

„Sie versprachen sich nie wieder deutschen Boden zu betreten. Wie kam es zum Gegenteiligen?”, fragte Schulleiter Lothar Wehleit.

Anita Lasker-Wallfisch wurde nach ihrer Emigration Musikerin und tourte durch die Welt. Unter anderem durch Europa. Die Orchesterkollegen übten Verständnis und planten deutsche Auftritte ohne die talentierte Cellistin. Eines Tages gab es wieder eine Tournee durch Europa mit Konzerten in Deutschland, unter anderem in Celle und sie entschloss sich mitzufahren um zu sehen, was aus dem nicht unweit entfernten Bergen-Belsen geworden ist. In Celle angekommen sprach sie ein junger Deutscher an, der ihr anbot sie nach Bergen-Belsen zu begleiten. In dem Moment musste sich die Musikerin entscheiden. Erst nachdem sie erfuhr, dass er nach dem Krieg geboren war, stimmte sie ihrem Angebot zu und beschreibt dies als „die richtige Entscheidung. Wie schnell es geht, dass man auf die falsche Seite geht.”. Sie begriff, dass die nächste Generation keine Schuld traf. Bis heute verbindet diese beiden Menschen eine tiefe Freundschaft.

Auch aktuelle Belange gehörten zu den Fragen der Schüler:„Sehen Sie in der AfD eine Gefahr?”

Ganz klar und präzise antwortete die Zeitzeugin:„Sie sind an der Reihe dies zu verhindern!”

„Niemand ist mit einem Etikett auf die Welt gekommen!”

Den Heranwachsenden gibt Anita Lasker-Wallfisch einiges mit. Sie hätten eine ganz besondere Verantwortung: die Erinnerung zu wahren und darüber zu lesen und zu lernen. „Man darf die Hoffnung nicht aufgeben.”, meint die 93-jährige in diesem Zusammenhang. Die Frage die zähle sei nicht “Bist du Türke, bist du Deutscher, bist du Jude oder Christ?”, sondern:”Bist du ein Mensch?”.
Abschließend sagt Lasker-Wallfisch:„Niemand ist mit einem Etikett auf die Welt gekommen. Wir haben die Etiketten erschaffen.”.