Osnabrück Falscher Polizist gesteht vor dem Landgericht Osnabrück, was er...

Falscher Polizist gesteht vor dem Landgericht Osnabrück, was er „Fernraub“ nennt

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„Fernraub, so wie die Fernwartung beim PC“, beschreibt Ismail Y. seine Taten, mit denen er sich an diesem Mittwochvormittag am Landgericht Osnabrück konfrontiert sieht.

In insgesamt neun Fällen soll der gebürtige Deutsche mit türkischen Wurzeln mitgeholfen haben ältere Menschen um ihr in einem langen Leben angespartes Vermögen zu erleichtern. Neun Fälle, für die der Staatsanwaltschaft Beweise vorliegen hat. Nur neun Fälle, vielleicht waren es aber auch mehr – im Callcenter der falschen Polizisten wurde Leistung gefordert, erklärt der Angeklagte an diesem ersten Verhandlungstag: „Wer finanziell unabhängig sein will muss arbeiten“; so, als ob es ein ganz normaler Job in einem Callcenter wäre.

„Fernraub“ deswegen, weil der Raubzug aus dem 3.000 Kilometer entfernten Istanbul organisiert wurde. Ein wenig wie eine Festung sei der Ort gewesen, von dem aus er mit seinen Kumpanen die passenden Opfer aussuchte und schließlich dazu brachten teils sehr hohe Summen an Bargeld, alten Schmuck und Münzsammlungen an angebliche Polizisten zu übergeben oder zum Beispiel in einem Altpapiercontainer zu deponieren, von wo es Helfer dann im Schutz der Nacht abholten und in die Türkei schickten.

Täter in Istanbul – Opfer in Osnabrück, Tecklenburg, Bad Bentheim

Die Fälle, über die an diesem Vormittag verhandelt wird, liegen alle ziemlich genau ein Jahr zurück, im August und September 2018. Ein Fall in Osnabrück, ein weiterer in Tecklenburg, einer in Bad Bentheim aber auch an anderen Orten in Deutschland.

Ismail war selbst nicht vor Ort, er organisierte vom Bosporus aus die Logistik und griff nur gelegentlich zum Hörer um geeignete Opfer vorzubereiten. Das wichtigste Arbeitswerkzeug neben dem Telefon: Google Earth, um gute Wohnlagen zu finden, und das Internet-Telefonbuch „das Örtliche“, aus dem er mit den anderen Bandenmitgliedern Telefonanschlüsse heraussuchte, die mit klassischen Vornamen wie „Hannelore“ auf ältere Menschen hindeuteten.

„Kommissar Stahlberg, das klingt nicht so schwul“

Am Telefon gaben sich die falschen Polizisten selbst Namen wie Weber oder Schwarz oder auch mal Stahlberg, weil ihnen andere deutsche Namen zu schwul klangen.
Die Geschichten, die sie ihren Opfern erzählten, ähnelten sich immer wieder. Märchen aus 1000 und einer Nacht in Variationen; effektiv um alte Leute per „Fernraub“ auszuplündern. Ein Wort des Mitleids für die Opfer hört man nicht.
Angeblich hätten es rumänische Banden auf das Vermögen ihrer Opfer abgesehen, die ganz schnell ihr Bargeld abholen sollten, so eine der Geschichten. Oft über Stunden und mit immer wieder wechselnden Ansprechpartnern, die Titel wie Kriminalhauptkommissar oder Generalstaatsanwalt trugen, wurden die meist über 80-jährigen schwindelig geredet. Ganz oft klappte die Masche und mal 40.000 Euro, mal auch nur eine Münzsammlung, wurde an Kuriere übergeben, die dafür zwischen 600 und 1.500 Euro erhielten.

Die Bosse fuhren Porsche – für die falschen Polizisten gab es einen Pool

Die falschen Polizisten am Telefon erhielten in der Regel 40 Prozent vom „Gewinn“, 60 Prozent die beiden Bosse, von denen einer so etwas wie der Investor des anderen war und sich im Hintergrund hielt.
Die Chefs fuhren Porsche oder Audi R8. Zu der Anlage, in der das Callcenter untergebracht war, gehörte ein Pool, das Essen war kostenlos, im Kofferraum der Chef-Autos lag auch mal ein Sack mit Marihuana, das angeblich großzügig verteilt wurde, genau wie das Kokain in den Schreibtischschubladen.

Drogen sollten gegen Paranoia helfen

Im Verlauf des ersten Verhandlungstages versucht der 32-jährige Angeklagte sich selbst auch als Opfer dazustellen. Er hätte eigentlich einen Job als IT-Administrator gesucht, erst auch nur die PCs gewartet.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor die Software programmiert zu haben, mit der falsche Rufnummern (110) nach Deutschland übermittelt wurden. So eine Software könne man ganz einfach und bereits fertig über das türkische Google finden, redet der Angeklagte seine Rolle klein.
Er, der selbst immer einen hochroten Kopf bekommen haben will, wenn es Ernst wurde und eine Geldübergabe per Telefon gesteuert wurde – auch die immer verfügbaren Drogen hätten ihm da nicht geholfen. Am ganzen Körper habe er in solchen Situationen gezittert, die Kollegen hätten sich über seine Paranoia lustig gemacht: „Hier in der Türkei passiert Dir doch nichts.“

Gewinne sollten in Fluggesellschaft investiert werden

Manchmal hätte er am Morgen gar nicht mehr gewusst, ob er in Deutschland oder in der Türkei sei, denn für seine Chefs hätte er im westfälischen Rheine eine Fluggesellschaft gründen sollen, doch die „Euro Flights“ genannte Gesellschaft hob nicht ab – und eigentlich hätte er ja auch nur die Website und ein bisschen Marketing dafür machen sollen. Auch aus dem Einstieg ins Glücksspielgeschäft wurde nichts.

Nichts verdient als falscher Polizist?

Wirklich Geld will der Angeklagte nicht verdient haben. Dem Staatsanwaltschaft fallen aber schnell Ungereimtheiten auf. Keine 10.000 Euro will er verdient haben, obwohl doch 40 Prozent des Raub-Gewinns für die Organisatoren am Telefon als Anteil vereinbart waren. Ein einzelner Fall soll 6.000 Euro eingebracht haben. Mal hätten ihm die Hintermänner auch geholfen alte Schulden zu bezahlen, die Krankenkasse in Deutschland, 1.000 Euro; mal auch 500 Euro, mal 500 türkische Lira.
Ganovenehrlichkeit scheint es nicht gegeben haben, ergaunerte Goldbarren kamen nie in Deutschland an.

Die Prozesseröffnung ließ gerade beim Thema Geld noch einige Fragen offen.
Gewiss ist nur: Viele ältere Menschen haben ihr gesamtes Erspartes verloren. Und zahlreiche Banken und Sparkassen fragten wohl auch nicht nach, wenn leicht verwirrte Menschen über Nacht Investmentfonds und Aktiendepots kündigten und hohe fünfstelligen Summen in bar abhoben.

Tochter des Angeklagten erblindete kürzlich

Während der Angeklagte auf seinen Prozess wartete, erblindete seine inzwischen acht Jahre alte Tochter. Sie erkrankte als Kleinkind an einer Hirnkrankheit. Im Rahmen eines Medikamententests, so jedenfalls schilderte der falsche Polizist es dem Gericht, wurde seine Tochter bislang in einem Hamburger Krankenhaus auf Kosten einer amerikanischen Pharmafirma behandelt. Seine Frau, die er in der Türkei geheiratet hat und die kaum Deutsch spricht, ist bei dem Kind, wohnt in einem Hotel, ihr droht die Abschiebung.
Die Ehe zerbrach durch die Umstände. Erst kamen Spielschulden, dann Drogen. Der Angeklagte setzte sich von der Frau und seinem kranken Kind ab, reiste in die Türkei, wo die kriminelle Karriere begann.

Ein gesetzestreuer Bürger, der sich im Auto immer anschnallt

Bis er sich bei der Bande in Istanbul eigentlich nur um die PCs kümmern sollte, sei er ein gesetzestreuer Bürger gewesen, meint Ismail. „Er habe sich im Auto immer angeschnallt“, erklärt er der Richterin. Die Richterin ist sichtlich interessiert die Hintergründe zu erfahren, wie aus Ismail ein falscher Polizist wurde, sie fragt immer wieder nach. Neun weitere Prozesstage sollen helfen ein gerechtes Strafmaß zu finden.

Manchmal bei seinen Telefonaten seien die Menschen – 3.000 Kilometer entfernt von Istanbul – „ganz still geworden“, sagt Ismail und lässt offen, was da wohl auf der anderen Seite passiert ist. Ein Herzinfarkt ein Schwächeanfall?
In einem Fall, als eine alte Dame Verdacht geschöpft hatte und sich bei der echten Polizei meldete und der Coup platzte, wurde sein Callcenter-Kollege böse, rief die Frau nochmals an und beschimpfte und bedrohte sie.

„So war das, aber wir wären ja nicht wirklich vorbeigekommen um der Frau was zu tun“ – sie kamen nur vorbei um das Ersparte eines ganzen Lebens abzuholen. In Istanbul lockten der Porsche des Chefs, der Pool und die Schreibtischschubladen voll mit Kokain.

 



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Heiko Pohlmann
Heiko Pohlmann gründete die HASEPOST 2011 unter dem Titel "I-love-OS", die Ursprungsidee reicht aber auf das bereits 1996 gestartete Projekt "Loewenpudel.de" zurück. Direkte Durchwahl per Telefon: 0541/385984-11

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