Kommentar zur sich erneut abzeichnenden Verschiebung des Einkaufscenter-Projekts am Osnabrücker Neumarkt.

„Was zeichnet einen Unternehmer aus?“

Definitionen und passende Zitate gibt es zu dieser Fragestellung viele. Von der einfachen Feststellung, dass dies jemand sein muss, „der etwas unternimmt“, bis zu präziseren Feststellung, dass es sich dabei wohl um jemanden handelt, „der Risiken auf sich nimmt um seine Idee am Markt zu verwirklichen“.

Doch egal welche Definition ich mir vor Augen führe, wenn ich an das „Unternehmen“ denke, das seit mehr als fünf Jahren, und nach eigenen Aussagen noch immer plant am Neumarkt ein Einkaufscenter zu bauen, dann handelt es sich bestenfalls eben „nur“ um „ein Unternehmen“ – also ein Konstrukt.

Aber „Unternehmertum“, „Unternehmergeist“ oder was sonst noch an positiven Attributen für „Unternehmer“ gibt (selbst wenn es sich dabei um eine Aktiengesellschaft als juristische Person handelt) sind nicht im Ansatz feststellbar.

Unternehmer sein bedeutet ein Wagnis einzugehen

Seit der Privatsender VOX in seinem erfolgreichen Format „Die Höhle der Löwen“ junge Unternehmer vorstellt, sollte auch der sprichwörtlichen „Lieschen Müller“ oder dem „Otto Normalverbraucher“ klar sein, dass jeder Unternehmer permanent Wagnisse eingehen muss. Langfristiger Erfolgt winkt nur dem Unternehmer, der selbst an seine Geschäftsidee glaubt.
Zwar gibt es Businesspläne und Marktbeobachtungen, doch die sind schnell überholt wenn die Realität die angenommenen Parameter ins Unerwartete verschiebt.
Und oft wird sogar die Rente, das eigene kleine Häuschen und fast immer auch ein zuvor gut bezahlter und sicherer Arbeitsplatz für die eigene Geschäftsidee „verwettet“. Das alles geht natürlich nur, wenn der Unternehmer auch bereit ist Risiken einzugehen.

Kein Unternehmergeist am Neumarkt feststellbar

Zwar hat die Mannschaft des ursprünglichen Investors mfi den politisch Verantwortlichen vor mehr als fünf Jahren(!) viele schöne Studien gezeigt. Gebetsmühlenartig wurde gegenüber der Öffentlichkeit wiederholt, dass die Welt nur auf ein Shoppingcenter in Osnabrück wartet. Doch was ist seither passiert? Warum unterschreiben denn all jene, die angeblich unbedingt mit ihren Filialen nach Osnabrück kommen wollten keine Mietverträge?

Und die Mär von der schönen neuen Shoppingwelt wurde den Osnabrückern auch dann noch weitererzählt, als die Essener mfi 2012 an den französischen Unibail-Rodamco Konzern verkauft wurde.
Und selbst als ein kanadischer Investmentfonds im vergangenen Jahr die Mehrheit übernahm und Osnabrück vollends zu einem Spielball internationaler Spekulationsgeschäfte wurde, schaffte es eine gut geschmierte geölte PR-Strategie ausgerechnet Politikern der Linken, der Sozialdemokraten und der Grünen weiter das gute Gefühl zu geben, am Neumarkt würden schon bald blühende Landschaften entstehen. Die FDP, die Piraten und die UWG folgten dieser linken Allianz nur zu gerne – sollte die Eröffnung doch eigentlich schon im Herbst 2015 erfolgen und ein Superwahljahr 2016 einläuten. Das schöne neue Kaufhaus wurde nur nie gebaut, noch nicht einmal die angeblich fest für dieses Frühjahr versprochenen Abrissarbeiten wurden begonnen. Die SPD kassierte (und das hat natürlich überhaupt nichts mit dem Neumarkt zu tun) in diesem Herbst ihr schlechtestes Ergebnis der Nachkriegsgeschichte!

Dabei sollte doch alles noch bunter und segensreicher werden als die Blumenwiesen, die einst von Helmut Kohl den Ostbürgern versprochen wurden.
Wirklich bunter wurde in Osnabrück nur die Parteienlandschaft.
Der Bund Osnabrücker Bürger (BOB) darf für sich reklamieren, das einzig greifbare Ergebnis des jahrelangen Trauerspiels am Neumarkt zu sein.
Bei aller Sympathie für bürgerliches Engagement, darauf hätten wir auch gut verzichten können. Das sehen vermutlich selbst die Mitglieder von BOB ähnlich. Die konnten nicht anders, als so in das politische Spiel einzugreifen – auch wenn sie jetzt mehr als eine Neumarkt-Partei sein wollen. Eine Entwicklung die auch die Grünen, die UWG und die Piraten, jeweils aus anderen Ecken kommend, erfolgreich durchlaufen haben. BOB wird vermutlich bleiben, aber ob OSKAR das Kaufhaus noch kommt?

Und was macht der Investor? Er gibt ganz offen zu, dass er das Risiko scheut und erst dann an sein eigenes Projekt glauben will, wenn anderen ihm das Risiko abnehmen. Erst wenn er genügend Dumme Mieter eingesammelt hat, dann wird er auch tatsächlich mit den Bauarbeiten beginnen.
Aber wo sind sie denn, die zahlreichen und so interessierten Einzelhändler, die ausgerechnet in Osnabrück gegen den Onlinehandel anstinken wollen?

Der Markt hat sich gedreht: Ladenflächen sind Ladenhüter

Eine in dieser Woche veröffentlichte Studie ergab, dass der Onlinehandel im vergangenen Jahr um zwölf Prozent zulegen konnte.
Unternehmen die den Trend zum Onlinehandel verschlafen haben oder nicht fest in der lokalen Handelslandschaft verwurzelt sind, geraten inzwischen reihenweise in wirtschaftliche Schwierigkeiten, wie zuletzt Wöhrl und SinnLeffers oder Stefanel. Die Nachfrage nach Handelsflächen sinkt – jahrelange Leerstände wie in der Osnabrücker Theaterpassage werden zukünftig das Bild der Innenstädte beherrschen. Kein Wunder, wenn der Investor nun dem Oberbürgermeister häppchenweise die bittere Wahrheit präsentiert, dass das Vermietgeschäft langsam aber sicher zum Erliegen kommt.

Geschäftsmodell ohne eigene Risiken

Man stelle sich einen Geschäftsgründer vor, der erst dann seinen Laden eröffnet, wenn er bereits für die kommenden fünf bis acht Jahre feste Verträge für seine Waren in der Tasche hat. So ungefähr sieht das Geschäftsmodell der Unibail-Rodamco aus. Und wenn es nicht funktionieren sollte am Standort Osnabrück, dann zieht man weiter und hinterlässt jahrelangen Stillstand und Kommunalpolitiker und Bürger, die sich inzwischen tief entzweit haben.
Womöglich darf muss die ohnehin verschuldete Stadt (mit jahrelanger Verspätung) dann auch noch das Spekulationsobjekt für teures Geld übernehmen, um dort schließlich etwas wirklich sinnvolles zu bauen.

Investor verschiebt und vertröstet

Würde man die traurige Realität am Osnabrücker Neumarkt zum Maßstab für Unternehmertum machen, dann wäre die Bedeutung: „Verschieben“, „Vertrösten“ und vor allem „Absichern“.

Denn was der Investor macht, ist sich nach allen Seiten abzusichern. Erst wenn alle Mietverträge unter Dach und Fach sind – was angesichts der Konjunktur, des demographischen Wandels und vor allem des Onlinehandels immer schwieriger wird – erst dann soll der erste Spatenstich ausgeführt werden.

Unternehmer müssen auch ins Risiko gehen

Sich gegen jedes Risiko absichern zu wollen ist exakt das Gegenteil von Unternehmertum. Selbstverständlich sichert sich jeder gute Unternehmer auch bestmöglich ab, aber irgendwann kommt der Punkt, an dem man ins Risiko gehen muss.
Und sollte das Projekt dann nicht den vollen kalkulierten Erfolg haben, dann muss man vielleicht noch ein wenig härter am Erfolg arbeiten oder die Preise für die Mietflächen anpassen. Aber das will Unibail-Rodmaco ganz offensichtlich nicht.
Die essentielle Tugend des Unternehmers, an sein Projekt zu glauben und deswegen auch Risiken einzugehen, die fehlt dem Neumarkt-Investor eindeutig, sonst hätten wir schon längst „bauvorbereitende Maßnahmen“ gesehen.

Nichtmal der Begriff „Spekulant“ passt für diesen Investor

Selbst der Begriff Spekulant passt für so eine Handlungsweise nicht. Man müsste vielleicht einen neuen Begriff erfinden, wie wäre es mit „Vollkasko-Investor“ – oder doch lieber „Feigling“?
Wer auf Vollkasko setzt, dessen Risiken tragen andere; in diesem Fall vor allem wir Osnabrücker!

Unternehmer, Neumarkt Osnabrück