# Bürger empören sich über Ablauf der Bombenräumungen im Lokviertel: „Immerhin wird jedes Mal eine Kleinstadt evakuiert“ Datum: 11.04.2025 08:00 Kategorie: Aktuell URL: https://www.hasepost.de/buerger-empoeren-sich-ueber-ablauf-der-bombenraeumungen-im-lokviertel-immerhin-wird-jedes-mal-eine-kleinstadt-evakuiert-587017/ --- Wieder einmal mussten mehr als 15.000 Menschen rund um das Lokviertel am frühen Sonntagmorgen ihre Wohnungen verlassen. Die Bombenräumung am 6. April war bereits die vierte größere Evakuierung in Osnabrück seit November – und sie wird wohl nicht die letzte gewesen sein. Für viele Anwohnerinnen und Anwohner wird das zur Belastungsprobe. Zwei von ihnen meldeten sich gegenüber unserer Redaktion nun zu Wort – mit klaren Worten und konkreten Forderungen. ## „Warum muss an jeder Haustür geklingelt werden?“ Der 74-jährige Heinz Peter Welschen aus der Johannisstraße ist schwer krank: Krebs, starke Arthrose, kaum mobil. Und doch verließ er am 6. April pünktlich um 7:00 Uhr seine Wohnung – so wie von der Stadt angeordnet. Die eigentliche Räumung des ersten Bombenblindgängers aber begann erst gegen 13:00 Uhr. „Das kann doch nicht wahr sein“, schreibt er in einem offenen Brief an die Stadt, den er auch unserer Redaktion zukommen ließ. „Warum habe ich um 7:00 Uhr das Gebiet verlassen? Warum muss an jeder Haustür geklingelt werden? Wenn ich mich in der Wohnung verbotenerweise aufhalte, dann werde ich bestimmt nicht auf Klingeln reagieren.“ An jeder Tür wird geklingelt: THW-Mitglieder kontrollieren die Evakuierung bei der Bombenräumung am 14. Februar 2025. / Foto: Heiko Westermann ### Lange Wartezeiten werden zur Geduldsprobe Welschen spricht das aus, was möglicherweise auch andere Betroffene denken: Dass der enorme Aufwand und die langen Wartezeiten nicht mehr nachvollziehbar sind. „Eine Evakuierungszeit von 7:00 Uhr am Morgen bis fast 1:00 Uhr in der nächsten Nacht ist für die Menschen und ihre Gastgeber nicht zu ertragen.“ Besonders für kranke Menschen wie ihn sei das eine Zumutung, sagt er – „selbst wenn ein Unterhaltungsangebot aufgefahren wird.“ ### Trotz allem Ärger auch dankbar Auch mit Blick auf andere Städte fragt sich Welschen, ob in Osnabrück wirklich alles so laufen muss, wie es derzeit läuft. Und er kritisiert das aus seiner Sicht mangelnde Durchgreifen gegen so genannte Störer: „Wie viele Polizisten waren denn im Einsatz? Waren es Hundertschaften wie sonst bei Fußballspielen? Auch konnten ja wohl ständig Leute durch die Absperrungen schlüpfen und damit die Arbeiten verhindern.“ Ungeachtet seiner Kritik betont er am Ende seines Schreibens: „Trotz allem Ärger möchte ich meinen großen Dank an die Einsatzkräfte und vor allem an die Bombenräumer ausdrücken.“ Nichts geht mehr am Berliner Platz in Osnabrück: Straßensperre während der Bombenräumung am 17. November 2024. / Foto: Heiko Pohlmann ### Nach vier Evakuierungen keinen Bock mehr Noch schärfer äußert sich Jan Kampmeier. Auch er wohnt im Evakuierungsgebiet und hat seit November 2024 bereits vier Bombenräumungen miterlebt: „Jetzt raten Sie mal, ob ich da Bock drauf habe.“ Er sieht nicht nur organisatorische Mängel, sondern zweifelt grundsätzlich an der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen: „Immerhin wird jedes Mal eine Kleinstadt evakuiert, mit Krankenhaus, Seniorenheim und Hauptbahnhof. Familien mit kleinen Kindern, Kranke – alle müssen raus. Und vor allem wissen sie nicht, wie lange.“ ### Ist der Umfang der Evakuierungszonen in Osnabrück gerechtfertigt? Besonders ärgert ihn der Umfang der Evakuierungszonen in Osnabrück: „In Dortmund wurden am selben Tag vier Verdachtspunkte entschärft, aber mit einem Evakuierungsradius von nur 500 Metern. In Münster, Essen oder Köln sind die Radien oft deutlich kleiner.“ Die Osnabrücker Stadtverwaltung hat jedoch bereits in der Vergangenheit im Rahmen einer Pressekonferenz transparent gemacht, dass der Evakuierungsradius von 1.000 Metern eine Größe ist, auf die sich Sprengmeister deutschlandweit verständigt haben. Davon abgewichen werden kann unter Umständen, wenn es sich um ein dicht bebautes Gebiet handelt, weil dadurch die Druckwelle bei einer möglichen Detonation gehemmt wird. Das Lokviertel ist aktuell aber alles andere als dicht bebaut, sondern vor allem noch eine Freifläche, weshalb die 1.000 Meter dringend notwendig sind. Mitarbeiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes mit einem Blindgänger bei der Bombenräumung am 6. April 2025. / Foto: Simon Vonstein ### „Es gibt keine absolute Sicherheit“ Kampmeier zieht einen Vergleich, der provoziert: „Es gibt keine absolute Sicherheit, und die Frage ist doch, ob der Aufwand verhältnismäßig ist. Es wird ja auch nicht die Maiwoche abgesagt, weil dort ein Terroranschlag verübt werden könnte.“ Dass bisher keine Schäden bei den kontrollierten Sprengungen entstanden sind, sei für ihn ein weiteres Argument für kleinere Evakuierungszonen: „Dank der errichteten Wälle und Wasserbarrieren sind meines Wissens keinerlei Schäden entstanden. Nicht einmal in der unmittelbaren Umgebung.“ Dass eine kontrollierte Sprengung jedoch auch schiefgehen kann, hat man vor rund zwölf Jahren in München gesehen: Am 28. August 2012 wurde eine 250-Kilogramm-Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gesprengt, an umliegenden Häusern zersprangen die Scheiben, Dachstühle fingen Feuer, eine Boutique brannte vollständig aus. Der Schaden: rund 400.000 Euro. 2.500 Anwohner mussten damals in einem Radius von 300 Metern ihre Häuser und Wohnungen für die Entschärfung verlassen. Als diese jedoch nicht gelang und man kontrolliert sprengen musste, wurde auch dort der Evakuierungsradius kurzfristig auf 1.000 Meter vergrößert. Ein kontrolliert gesprengter Blindgänger hat 2012 in München großen Schaden verursacht. / Foto: Feuerwehr München ### Mehr Konsequenz und Effizienz gefordert Für Evakuierungen in Osnabrück fordern beide Bürger mehr Konsequenz gegenüber Störern und mehr Effizienz in der Umsetzung. Heinz Peter Welschen will mehr Einsatzkräfte, schnellere Kontrollen, weniger Verzögerungen. Jan Kampmeier fordert kleinere Evakuierungsradien und ein Risikomanagement mit Augenmaß. „Bei einem Vorgehen wie bisher kann ich mir nicht vorstellen, dass sich die Akzeptanz positiv entwickelt“, so Kampmeier. ### Kritische Stimmen aus der Bevölkerung nehmen zu Damit könnte der Osnabrücker durchaus recht haben. Auf der Facebook-Seite der Stadt Osnabrück mehren sich mittlerweile kritische Stimmen von Evakuierungsbetroffenen. „Wäre die Stadt tatsächlich bereit, diese Termine alle wahrzunehmen? Die Evakuierungsbetroffenen vermutlich nämlich nicht. Es sollte ein Mindestabstand von mindestens acht Wochen zwischen zwei geplanten Evakuierungen gewährleistet werden, wenn keine besondere Dringlichkeit besteht“, fordert dort jemand. „Ich weiß, dass Aufwand und Kosten damit insgesamt nach oben gehen würden, aber aus der Sicht eines dauerhaft Betroffenen in der Evac-Zone muss ich langsam sagen, dass es einem echt immer das ganze Wochenende zerstört“, moniert ein anderer und schlägt vor, künftig maximal drei Entschärfungen je Termin zu realisieren, damit die Evakuierten nicht bis nachts ausharren müssen. Die Stadt Osnabrück kündigte bereits an, dass bis Jahresende möglicherweise noch bis zu sechs weitere Räumungen notwendig sein könnten – allerdings nur dann, wenn es bis drei Wochen vor dem jeweiligen Termin mindestens vier Verdachtspunkt gibt. Sind es weniger, wird die Maßnahme abgesagt. --- Quelle: Hasepost.de - Die Zeitung für Osnabrück